Antonia Michaelis und Peer Martin malen in „Tomorrow Land“ aus, wie aktuelle Entwicklungen in einen totalitären Staat und zum Klimakollaps führen. Ein Jugendbuch mit Triggerwarnungen.
Wie sieht es im Jahr 2084 aus, wenn aktuell schon beklemmende Entwicklungen ungebremst ihren Lauf nehmen? Die Jugendbuchautoren Antonia Michaelis und Peer Martin schildern in „Tomorrow Land“ beklemmend das Leben in einem von Klimakatastrophen und staatlicher Kontrolle gepeinigten Umfeld. Das Jahr, in dem der Roman spielt, ist bewusst gesetzt. Der Überwachungsstaat, den das Autorenduo ausmalt, erinnert in vielem an George Orwells „1984“. Der Titel „2084“ wäre für das Gemeinschaftswerk durchaus passend gewesen; doch die Zahl schmückt bereits Bücher von Jostein Gaarder, Boualem Sansal und anderen.
„Tomorrow Land“, Morgenland also, wobei der spannende Plot eher in einem besonders finsteren Abendland spielt. Hundert Jahre nach 1984 macht der technische Fortschritt das Untertauchen für diejenigen fast unmöglich, die andere Pläne als die von der Staatsmacht vorgesehenen haben. Hannes, der im Chaos eines besonders üblen Sturms aus dem Knast fliehen kann, hat wie alle anderen in diesem Zukunftsland einen Chip im Arm und eine silberne Kugel an einer Kette am Hals baumeln, „Globe“ genannt.
Die smarten Helfer machen Leben, Teilhabe und Zugang zum „nationalen Netz“ bequem, aber eben auch totale Kontrolle möglich. Die „Nationale Sicherheit“ sorgt dafür, dass jeder an seinem Platz bleibt: die Armen in ihren Ghettos, die Privilegierten in ihren Villen, für deren Gärten das letzte Wasser fließt, die Ausländer jenseits der Grenzen. Es gibt zu wenig Arbeitskräfte, dafür Hitze, Kriege um Ressourcen, Nahrungsengpässe, von menschlicher Gier provozierte Naturkatastrophen.
Unterwegs nach Norwegen, wo alles besser sein soll
Detailreich skizzieren Michaelis und Martin den dystopischen Hintergrund, vor dem Hannes aus dem Knast türmt. Hinein war er wegen einer Bagatelle geraten; auf dem Weg nach draußen gerät er in ein großes Abenteuer, das nicht alle seiner Weggefährten überleben: Da ist zum Beispiel Greta-Anna, die Tochter des Chefs der Nationalen Sicherheit, die den Lügen und ihrem Verlobten Wilhelm entkommen will, oder der Schwarze Moa, der ein besseres Leben jenseits von Afrika sucht. Der Trupp, dem sich noch andere anschließen, will nach Norwegen. Doch trotz aus dem Arm geschnittener Chips und Hilfe aus dem Untergrund rückt das Ziel immer wieder in unerreichbare Ferne.
Nicht nur aufkeimende Liebe und Eifersucht sorgen für ein komplexes Beziehungs- und Erzählgeflecht. Michaelis und Martin haben diesen Trupp so bunt zusammengewürfelt, dass Diskussionen über Lebensrealitäten und ihre Entwicklung immer wieder Brücken in die Gegenwart der Lesenden schlagen. Wie eine Partei die Wähler köderte, wie sich die Demokratie abgeschafft hat: die Zeichen sind leicht zu deuten. Welche Art von Partei letztlich übrigblieb, spiegeln die sehr deutschen Vornamen wider.
Zum Finale gibt’s einen Effekt-Showdown
Ob politisch oder philosophisch – die angesprochenen Themen sind von großer Brisanz. Die erste große Flüchtlingswelle hatte das Autorenduo zu seinem ersten gemeinsamen Werk angeregt. „Grenzlandtage“ schilderte 2017, was Menschen auf der Flucht durchmachen, indem der Jugendroman die Abiturientin Jule und den untergetauchten Asman auf einer griechischen Insel aufeinandertreffen lassen. Kaum hoffnungsvoll, eher warnend ist der Ton zehn Jahre später. Trotzdem reist man mit anhaltender Neugier mit durch „Tomorrow Land“, freut sich über den lichten Hoffnungsschimmer am Horizont, auch wenn die Katastrophe davor fast zu viele Effekt-Register zieht.
- Antonia Michaelis und Peer Martin
- „Tomorrow Land“
- Oetinger-Verlag
- 320 Seiten. 16 Euro. Ab 16 Jahren