Tommy Haas trainiert auf dem Centre Court auf dem Weissenhof. Foto: Baumann

Wenn auf dem Stuttgarter Weissenhof die Premiere auf Rasen steigt, steht ein Mann im Mittelpunkt, der eine lange Leidenszeit hinter sich hat. Tommy Haas feiert seine Rückkehr auf die Tour.

Stuttgart - Als Tommy Haas von einer „Achterbahnfahrt“ spricht und vom Stein, der ihm vom Herzen gefallen sei, geht es ausnahmsweise mal nicht um seine Rückkehr auf den Tennisplatz. Der gebürtige Hamburger litt in Stuttgart vor dem Fernseher mit, als der HSV das Relegationsdrama beim Karlsruher SC für sich entschied und sich den Verbleib im Fußball-Oberhaus sicherte.

Wenn man so will, sind das Urgestein der Bundesliga und Tommy Haas vielleicht sogar so etwas wie Brüder im Geiste. Die einen sind seit Jahren nicht so recht unterzukriegen – und der andere irgendwie auch nicht. Wer den 37-jährigen Haas im HSV-Duktus als Dino der Tennisszene bezeichnet, tritt ihm wohl nicht zu nahe. Denn auch er ist gefühlt schon ewig dabei, er durchlebte so manche Leidenszeit. Oft war Haas verletzt – und doch kam er immer wieder zurück.

Nun schwingt er sich nach knapp einjähriger Pause zum nächsten Comeback auf der Tour auf. Haas trainiert schon fleißig auf dem Centre-Court auf dem Stuttgarter Weissenhof. Und am Dienstag, wenn das erste Turnier auf Rasen schon läuft, greift er ein – wenn ihm die Schulter nicht doch noch einen Strich durch die Rechnung macht.

Ultimativer Crashtest ist bestanden

In den vergangenen Tagen knallte er seine Aufschläge wieder regelmäßig mit mehr als 200 Stundenkilometern übers Netz. Der ultimative Crashtest, er war somit bestanden. „Ich habe keine Schmerzen mehr“, sagt Haas, der allerdings auch betont, dass es noch ein großes Fragezeichen gebe: „Wie reagiert die Schulter nach einem Match?“ Vier Schulteroperationen musste Haas in seiner Karriere bereits überstehen. Er ist vorsichtig geworden, was Prognosen angeht.

Sein Ehrgeiz aber, der ist ungebrochen. „Ich kann es kaum erwarten, an den Start zu gehen, um zu sehen, was noch alles drin ist“, sagt die ehemalige Nummer zwei der Tenniswelt, die in der langen Pause auf Platz 1044 purzelte. Haas geht es darum, wieder nach oben zu kommen im Ranking, klar.

Aber wer verstehen will, warum sich ein 37-Jähriger ein Jahr lang quält, um nur das wieder tun zu können, was er gefühlt schon sein Leben lang gemacht hat (und womit er finanziell längst ausgesorgt hat), dem genügt ein Name zum Verständnis: Valentina.

Viereinhalb Jahre alt ist die Tochter von Tommy Haas – und der Papa will es erleben, dass sie noch ein paar tolle Spiele von ihm sieht. Dass sie in der Box sitzt und bewusst miterlebt, wie der Papa unten auf dem Platz kämpft – und ihn anfeuert. „Das ist mein Antrieb“, sagt Tommy Haas.

Die Familie ist längst seine Hauptmotivation

Wer diese Motivation nun als billigen Kitsch abtut, liegt daneben. Denn wer Haas kennt, der weiß, dass die Familie längst seine Hauptmotivation ist. Vor allem in schweren Zeiten. Während der Reha gab es sie, die Gedanken ans Aufhören. Sie verflogen im Beisein von Frau und Kind schnell. „Man muss im Kopf wissen, wann es vorbei ist. Das habe ich aber noch nie gespürt“ sagt Haas nun, „ich bin körperlich fit und kann noch einiges erreichen.“

Tatsächlich beeindruckte Haas vor einer Verletzung bei den French Open vor einem Jahr. Oft war er so etwas wie der Geheimfavorit auf Turniersiege, er spielte nicht wie ein alternder Star, der besser in Rente gehen sollte. Er trat manchmal auf wie einer, dessen große Zeit erst noch kommt. Zeitweise war es brillant, was er auf den Platz brachte. Doch dann machte ihm die Schulter mal wieder einen Strich durch die Rechnung – und genau das will Haas nicht auf sich sitzen lassen. Er will sich nicht von einer Verletzung vorschreiben lassen, dass seine Zeit zu Ende ist. Er will selbst bestimmen, wann es vorbei ist mit der Karriere. Alter hin oder her. Das ist – neben Valentina – sein Antrieb.

Für seine Ziele nahm er sie in Kauf, die Qualen nach der Schulter-OP. Drei Monate Sportverbot, die Zweifel, als er den Arm, wenn überhaupt, nur leicht beugen konnte. Der Muskelaufbau, das Krafttraining, die Ungewissheit, ob es überhaupt wieder was wird mit der Rückkehr zur alten Leistungsstärke, die mehrfache Verschiebung der geplanten Comebacks – all das ist fürs Erste vorbei. Am Dienstag in Stuttgart steht sie an, die große Rückkehr des Tommy Haas, die eine Reise ins Ungewisse ist. „Training ist das eine“, sagt er, „Spiele sind das andere.“

Wie verhalte ich mich beim Breakball, bei welchem Spielstand gehe ich ans Netz oder bleibe hinten? – das sind die Fragen, die Haas umtreiben. Und auf die es erst während des Matchs Antworten gibt. „Vielleicht ist es nach der langen Pause ja ein Vorteil, dass ich auf Rasen zurückkehre“, sagt er. Schneller Belag, das bedeutet meist schnelle Punkte samt einer aggressiven, offensiven Spielweise. „Der Rasen in Stuttgart“, sagt Tommy Haas, „beantwortet mir vielleicht die Fragen, wie ich spielen soll.“

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