Tom Kraushaar leitet den Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag. In den Vorgängen bei Suhrkamp will er kein Krisensymptom erkennen. Gefahren sieht er woanders.
Gleich zwei Titel von Klett-Cotta stehen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der zum Auftakt der Buchmesse in Frankfurt vergeben wird. Doch nicht nur deshalb kann der Verleger Tom Kraushaar mit Branchen-Pessimismus wenig anfangen.
Herr Kraushaar, Sie wehren sich gegen die Selbstverzwergung der Buchwelt. Kommen Ihnen bei den Nachrichten aus dem Haus Suhrkamp keine Zweifel?
Es mag verlockend sein, das zur Krise hochzuschreiben. Aber dass jemand die Anteile des Verlages an jemand anderen verkauft hat, ist für mich noch nicht Ausdruck einer besonders bedrohlichen Situation. Und die wirtschaftlichen Zahlen, die da gerade genannt werden, sind ja alles andere als wirklich gravierend.
Werten Sie den Eigentümerwechsel als Befreiungsschlag oder Notsignal?
Der Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe hat betont, dass die Situation bei Suhrkamp alles andere als desaströs ist. Er ist ein guter Verleger, der ein sehr starkes Team um sich hat, darauf kommt es an. Ich habe den Eindruck, dass sich die Bedingungen bei Suhrkamp, gute Arbeit zu machen, eher verbessert haben.
Was ist schädlicher, Alarmismus oder allzu forscher Optimismus?
Natürlich gibt es Schwierigkeiten in der Buchbranche wie in jedem anderen Sektor auch. Viele Wirtschaftszweige leiden unter steigenden Preisen, unter der Inflation, wachsenden Energiekosten. Das sind Rahmenbedingungen, die die Arbeit nicht immer leichter machen. Aber die Buchbranche beweist eine enorme Widerständigkeit, gerade auch im Vergleich zu anderen Medienbereichen. Auf lange Sicht sind der Buchhandel und das Verlagswesen immer eine wichtige Konstante geblieben.
Wird die Luft für unabhängige Verlage dünner?
Ich befürchte, dass die ganz kleinen Verlage am stärksten von Kostensteigerungen in der Buchbranche betroffen sind. Unter den mittleren und großen Verlagen gibt es zahlreiche Unternehmen, die in diesem Jahr wirtschaftlich sehr erfolgreich sind. Ich denke, die Marktmacht der sogenannten Konzernverlage wird im Allgemeinen überschätzt. Erfolg beruht auf klugen unternehmerischen Entscheidungen und guten Leuten mit guten Ideen. Ein mittelgroßes Unternehmen wie der Kölner Verlag Dumont hat seit Jahren eine atemberaubende Wachstumsdynamik und zwar ganz ohne die Wucht eines Konzerns im Rücken, sondern einfach weil hier mit Sabine Cramer ein kluge Verlegerin am Werk ist, die eine Plan hat, den Sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen konsequent verfolgt.
Sie stehen mit zwei Titeln auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Was bedeutet das für den Verlag?
Das ist ein großartiger Erfolg für den ganzen Verlag Klett-Cotta und hilft uns natürlich auch ökonomisch sehr. Ich denke wir werden ein sehr gutes Jahr haben. Und Sollte Martina Hefters „Hey guten Morgen, wie geht es Dir?“ oder Iris Wolffs „Lichtungen“ den Deutschen Buchpreis bekommen, wäre das natürlich ein weiterer großer Push. Aber noch wichtiger ist vielleicht die Bestätigung, die meine Kollegen und Kolleginnen dadurch bekommen und zwar für die geduldige Arbeit der letzten Jahre. Wir sind auf dem richtigen Weg.
Die Mittel für den Deutschen Literaturfonds wurden gekürzt. Was würden Sie Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die bei der Eröffnung der Buchmesse sprechen wird, auf den Weg geben?
Ich finde, dass die deutsche Politik eine beschämende Ignoranz für die Chancen und Gefahren von Kulturpolitik an den Tag legt. Man muss sich nur in Europa umschauen, um zu erkennen, welche Gefahr von der extremen Rechten auf diesem Gebiet ausgeht, die gezielt und bewusst aggressive Kultur-, Geschichts- und Medienpolitik betreibt. Die Naivität, mit der man in Deutschland versäumt, etwas dagegen zu setzen und jetzt die Resilienz des Kulturbetriebs zu stärken, ist erschütternd. Ein Ausdruck davon ist das dürftige, immer weiter gekürzte Gesamtbudget für Kultur.