Georg Listing, Tom Kaulitz, Leadsänger Bill Kaulitz und Gustav Schäfer (von li.) von Tokio Hotel Foto: dpa

Bei kaum einer Band liegen grenzenloser Jubel und Häme so eng beisammen wie bei Tokio Hotel.

Berlin - Richtig egal ist Tokio Hotel wohl niemandem in der Popszene. Bei kaum einer Band liegen fanatischer Jubel und gnadenlose Häme so dicht beisammen wie bei den vier Musikern aus Magdeburg.

Neues Land, neue Ideen? Die Tokio-Hotel-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz (21) verlassen Deutschland und ziehen in die USA - zumindest für die nächsten Monate. David Jost, der Produzent und Manager der Band, bestätigte am Mittwoch: "Bill und Tom werden im November für eine noch unbestimmte Zeit nach Los Angeles ziehen, um hier an Songs zu arbeiten, aber sie werden weiterhin mehrere Wohnsitze in Deutschland behalten." Jost lebt bereits seit einem Jahr im Promi-Stadtteil Beverly Hills.

Zuletzt waren die Brüder meist zwischen Berlin und Hamburg gependelt. Ursprünglich stammen alle Mitglieder der Band aus Magdeburg. Die beiden Musikerkollegen Gustav Schäfer (Schlagzeug) und Georg Listing (Bass) gehen nicht mit nach L. A. "Gustav und Georg haben momentan beide feste Freundinnen in Deutschland, die sie nicht verlassen möchten, und wollen deswegen erst mal in Deutschland bleiben", sagte Jost.

Unbekannte sind in Haus der Band eingebrochen

Ob die Brüder durch den Umzug tatsächlich nur ihrer Kreativität auf die Sprünge helfen wollen, ist fraglich. Das Leben in Deutschland war für die Musiker schon lange kein reines Vergnügen mehr. Seit ihrem Durchbruch im Jahr 2005 spaltet die Gruppe die Popmusikgemeinde in Tokio-Hotel-Fans und Tokio-Hotel-Hasser. Mit bisher drei Nummer-eins-Alben und vier Nummer-eins-Singles zählt sie zu den kommerziell erfolgreichsten Bands der vergangenen Jahre in Deutschland. Als die vier Musiker aber vor drei Jahren in München bei den MTV Europe Music Awards einen Preis für die beste Website abholen durften, wurden sie vom deutschen Publikum gnadenlos ausgepfiffen.

Auch unter den Anhängern der Band ist die Grenze zwischen Begeisterung und Belästigung oft fließend. Wo die Magdeburger auftauchen, ist das Gekreische so groß, dass jeder gut bedient ist, der Ohropax in der Tasche hat. Das gehört zwar zum Erfolg dazu, ist aber sicher nicht immer angenehm. Anfang des Jahres hatte Bill Kaulitz in einem Interview mit dem Magazin "Stern" über seine Angst vor einem Attentat gesprochen. Es habe schon Situationen gegeben, bei denen "Bodyguards am roten Teppich Leute herausziehen mussten, die da mit einem Messer standen und sich als Fan getarnt hatten." Ohne Bodyguards gehe er nicht aus dem Haus.

Dass diese Maßnahme nicht übertrieben ist, musste zuletzt Bandkollege Gustav Schäfer erfahren. In einer Magdeburger Disco schlug ihm im Juli 2009 ein Unbekannter mit einem Bierglas auf den Kopf. Schäfer trug eine zwei bis drei Zentimeter lange Schnittwunde am Hinterkopf davon, die genäht werden musste. Drei Monate früher war öffentlich geworden, dass sowohl die Mitglieder der Band als auch Familienangehörige durch eine Gruppe von vier französischen jungen Mädchen verfolgt und bedroht wurden. Die Stalkerinnen nannten sich selbst Les Afghanes on Tour (Die Afghaninnen auf Tour). Bekannt wurde die Geschichte, weil die Nerven irgendwann so blanklagen, dass Tom Kaulitz im wahrsten Sinne des Wortes zurückschlug. An einer Tankstelle in Hamburg griff der Gitarrist eine junge Französin an, die versuchte, Fotos von ihm zu machen. Sowohl die Band als auch das Mädchen erstatteten Anzeigen. Das Verfahren gegen Kaulitz wurde schließlich gegen Zahlung von 1000 Euro eingestellt. Den bislang letzten Übergriff auf die Privatsphäre der Musiker gab es Anfang September, als Unbekannte in ein Haus der Band im niedersächsischen Seevetal einbrachen und mehrere Räume durchsuchten.

Durch ihren Umzug nach Los Angeles dürften sich die Kaulitz-Brüder auch etwas weniger Trubel um ihre Person erhoffen. Ob sie dort wirklich in Ruhe arbeiten können, darf allerdings bezweifelt werden. Die Band ist auch bei amerikanischen Fans äußerst beliebt - bekannt ist sie auch darüber hinaus.

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