Vierjähriger in Stuttgart von Auto überrollt Für Eltern und Autofahrer bricht eine Welt zusammen

Von Wolf-Dieter Obst 

Der Unglücksort am Tag danach: Der Parkplatz hinten rechts ist durch Bäume und Buschwerk beschränkt einsehbar. Foto: Lg/Max Kovalenko
Der Unglücksort am Tag danach: Der Parkplatz hinten rechts ist durch Bäume und Buschwerk beschränkt einsehbar. Foto: Lg/Max Kovalenko

Ein Autofahrer übersieht beim Abbiegen im toten Winkel einen kleinen Jungen auf dem Gehweg – ein tödliches Drama, das die Polizei und ein Gutachter nun aufzuklären versuchen.

Stuttgart - Viel grausamer kann ein Schicksal nicht zuschlagen – wenn Eltern ihr Kind verlieren, sogar noch hautnah miterleben müssen, wie ihr Kind im Straßenverkehr von einem Auto erfasst wird und jede Hilfe letztlich zu spät kommt. Entsprechend dramatisch und auch für Rettungskräfte belastend ist ein Unfall gewesen, der sich am Dienstag gegen 17.40 Uhr im Stadtbezirk Zuffenhausen abgespielt hat. Ein vier Jahre alter Bub verlor auf einem Gehweg auf Höhe einer Firmenzufahrt sein Leben. Für eine Familie ist eine Welt zusammengebrochen – wie auch für einen Autofahrer.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei war der 59-jährige Mercedes-Fahrer in der Schwieberdinger Straße vom Bahnhof Zuffenhausen in Richtung Porscheplatz unterwegs und wollte vor einem Lebensmittelmarkt nach rechts in eine Seitenstraße und anschließend erneut nach rechts auf einen Firmenparkplatz abbiegen. Dabei musste er mit seinem Wagen einen Gehweg queren, auf dem unter anderem eine Mutter mit ihrem vierjährigen Sohn unterwegs war. „Was sich genau abspielte, versuchen wir nun auch mit Hilfe eines Gutachters zu klären“, sagt Polizeisprecher Olef Petersen. Das Kind dürfte von dem Mercedes-Fahrer im toten Winkel vollkommen übersehen worden sein. „Das Kind ist nicht groß“, sagt Polizeisprecher Petersen, „und es soll sich nach Zeugenangaben genau in diesem Moment auch noch in einer gebückten Haltung befunden haben.“ Gerade so wie jemand, der sich die Schuhe binden würde. Außerdem befindet sich an der Einmündung eine Firmentafel genau im Sichtfeld des Fahrers.

Im Sichtfeld liegen Schild, Hecke und Bäume

Die Fußgänger waren von einem Wohnheim zur Schwieberdinger Straße gelaufen, dem Mercedes-Fahrer also entgegengekommen, als er in die Seitenstraße einbog. Der Firmenparkplatz zur Rechten ist schlecht einsehbar – große Bäume, eine Hecke geparkte Autos sowie ein Firmenschild schränken das Sichtfeld ein. Der 59-Jährige bog mit seinem E-Klasse-Mercedes nach rechts ab – und sah ein kleines Kind nicht, das offenbar hinter seiner Mutter zurückgeblieben war. Der schwere Wagen erfasste den Buben und überrollte ihn. Notarzt und Rettungskräfte versuchten vergebens das Leben des Kindes zu retten. Es starb gegen 19 Uhr im Krankenhaus.

Am Unfallort spielten sich dramatische Szenen ab. Die Eltern erlitten einen schweren Schock, mussten am Ende von Notfallhelfern und Mitarbeitern des Kriseninterventionsteams betreut werden. Auch die Zeugenaussagen waren stark emotional geprägt. Die Ermittler der Verkehrspolizei hoffen daher besonders auf die Erkenntnisse eines Gutachters, der den Ablauf durch Vermessungen verschiedenster Art rekonstruieren soll. Außerdem nehmen die Beamten Zeugenhinweise unter der Rufnummer 07 11 / 89 90 - 41 00 entgegen.

Ähnlicher Fall vor einem halben Jahr

Der Fall reißt alte Wunden auf – in einem ganz ähnlichen Fall, der sich Mitte Dezember vergangenen Jahres im Stuttgarter Norden abspielte. Eine 44-jährige Autofahrerin hatte im Rudolf-Steiner-Weg rückwärts ausparken wollen – und dabei im toten Winkel ein zweijähriges Mädchen übersehen, das zum selben Zeitpunkt dort mit seinem Großvater unterwegs war. Die Staatsanwaltschaft hat damals Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet – ist aber noch zu keinem Abschluss gekommen: „Das Verfahren ist noch anhängig“, sagt Staatsanwaltssprecher Heiner Römhild. Offenbar gibt es noch Fragen rund um das Gutachten zu klären. Auch beim 59-jährigen Mercedes-Fahrer muss im aktuellen Fall nun geprüft werden, ob er womöglich zur Verantwortung gezogen werden muss.

Die Zahl der Kinderunfälle steigt

Mit dem jüngsten Unfall muss in Stuttgart nun bereits das vierte Kind binnen Jahresfrist beklagt werden, das im Straßenverkehr zu Tode kam. Im Frühjahr 2017 wurde ein neunjähriger Bub im Stuttgarter Osten getötet, als er in der Haußmannstraße von einer Bushaltestelle aus über die Straße rannte – und einen Bus der Linie 42 übersah. Das Schulkind erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Im August 2017 starb ein gleichaltriger Bub im Seeblickweg im Stadtteil Hofen, als er unvermittelt auf die Fahrbahn lief und von einem 26-jährigen Autofahrer erfasst wurde. Der Neunjährige starb einen Tag später.

Für die Stuttgarter Polizei ist mit 2017 ein eher düsteres Jahr zu Ende gegangen. Die Zahl der Kinderunfälle stieg um 13 Prozent auf 106 Fälle, die Zahl der verletzten Kinder kletterte von 147 auf 161. Für die Polizei ist klar: „Kinder bedürfen ständiger Aufmerksamkeit und eines besonderen Schutzes im Straßenverkehr.“

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