Szenen einer Ehe: Acht Jahre lebten Löwenmännchen Nyack . . . Foto: Indianapolis Zoo

Eine Löwin attackiert in einem US-Zoo das Männchen, mit dem sie jahrelang harmonisch zusammenlebte. Experten rätseln über die Gründe.

Indianapolis - Zoo von Indianapolis ist ein Löwenmännchen von einem Weibchen getötet worden. Der Fall gibt Rätsel auf, denn tödlich endende Aggressionen unter den Großkatzen in Gefangenschaft sind sehr selten. Die Mitarbeiter des privaten Tierparks im US-Bundesstaat Indiana seien „am Boden zerstört“, erklärte Zoodirektor Rob Shumaker. Eine gründliche Untersuchung soll nun klären, wie es zu dem tödlichen Kampf kommen konnte.

Das zehn Jahre alte Männchen Nyack war am vergangenen Freitag von seiner Partnerin, dem zwölfjährigen Löwenweibchen Zuri ins Genick gebissen worden, woraufhin er erstickte. Nach Angaben des Zoos haben Zuri und Nyack acht Jahre lang friedlich und harmonisch in ihrem Gehege zusammengelebt. 2015 wurden sie Eltern von drei Löwenjungen. Bis zu Nyacks Exitus habe es nie auffällige Aggressionen zwischen den Tieren gegeben, so Shumaker.

Fühlte sich Zuri von Nyack bedroht

Für den Freiburger Zoologen und Verhaltensbiologen Immanuel Birmelin ist das Verhalten der beiden Raubkatzen nicht überraschend. Solche ausgelebte Aggression sei zwar nicht typisch, komme aber auch in der freien Wildbahn vor. „Wildtiere verhalten sich oft anders, als wir Menschen es uns vorstellen können. Es kann sein, dass das Löwenweibchen ihr Revier gegenüber dem Männchen verteidigen wollte.“

Möglich sei auch, dass sich das Weibchen vor dem Männchen ängstigte und als Mutter ihre Jungen schützen wollte. „Aber zuerst muss man wissen, was diesem Vorfall vorangegangen ist. Nur dann kann man Schlüsse ziehen.“

Fühlte sich Zuri von Nyack tatsächlich bedroht? Das Weibchen hatte ihren Partner ohne Vorwarnung zweimal angegriffen. Das erste Mal war das Männchen nach Angaben von Zoo-Mitarbeitern geflüchtet und hatte sich sehr unterwürfig verhalten. Danach wurde er erneut attackiert – diesmal mit tödlichen Folgen.

Ein für Löwen beispielloser Angriff

Für Craig Packer, dem Direktor des Löwenforschungszentrums der Universität von Minnesota und einer der renommiertesten Experten für diese Großkatzen, ist diese Art von Angriff „beispiellos“. „Wir haben Beispiele von Männern gesehen, die Frauen töten, und Gruppen von Frauen, die Männer verjagen, aber eine einzelne Frau, die ein Männchen tötet? Nie davon gehört.“

Packer vermutet, dass die Persönlichkeiten der beiden Löwen eine Rolle gespielt haben könnte. In freier Wildbahn dominieren männliche Löwen Löwinnen. Nyack sei von Hand aufgezogen worden, was ihn möglicherweise verletzlicher gemacht haben könnte, sagte Packer gegenüber „BBC News“. Im Gegensatz dazu sei Zuri dominanter als andere Löwendamen gewesen. „Wenn es das Ergebnis von unharmonischen Persönlichkeiten ist, ist das vielleicht ein Risikofaktor, der in anderen Situationen in Gefangenschaft berücksichtigt werden sollte.“

Birmelin, der das Leben von Wildtieren in Freiheit und in Gefangenschaft seit Jahrzehnten studiert, hält es für möglich, dass der Angriff spontan war. „Von Elefanten und Löwen ist bekannt, dass sich Individuen eine Zeit lang gut vertragen. Dann mögen sie sich plötzlich nicht mehr, und es kommt zu Konflikten.“

„Vielleicht ist es versehentlich geschehen“

Aggressives Verhalten und Nackenbisse gehören zum normalen Paarungsverhalten von Katzen. Bei Löwen ist dies nicht viel anders als bei Hauskatzen. Die Frage ist deshalb, ob das Weibchen das Männchen absichtlich töten wollte. „Vielleicht ist es versehentlich geschehen, und sie hat ihn unglücklich erwischt“, mutmaßt Birmelin. Womöglich wird die Ursache für dieses ungewöhnliche Verhalten nie geklärt werden, wie Zoodirektor Rob Shumaker befürchtet.

So viel steht bereits fest: Der Vorfall von Indianapolis ist Öl auf das Feuer von Tierschützern. Sollten Wildtiere also nicht mehr in Zoos und Zirkussen gehalten werden? „Das ist dummes Zeug“, meint der Freiburger Verhaltensbiologe. „Es gibt tödliche Rivalitäten auch in der freien Wildbahn. Ich habe so etwas bei Elefanten und Gorillas erlebt. Unverträglichkeiten gibt es unter Tieren einer Art genauso wie unter Menschen.“

„Zirkusleute lieben ihre Tiere – und ihre Tiere lieben sie“

Die permanente Kritik an der Haltung von Wildtieren in Gefangenschaft hat in Deutschland dazu geführt, dass immer mehr Zirkusse auf Raubtierattraktionen verzichten – jüngstes Beispiel ist der Weltweihnachtscircus in Stuttgart.

Für Löwen oder Tiger sei es keine Quälerei, Kunststücke zu trainieren und in der Manege aufzuführen, betont Birmelin. „Wie Menschen finden auch Tiere das größte Glück in dem, was sie erleben. Die Neurobiologie spricht eindeutig zugunsten des Zirkus. Unterhaltung, Lernen, Training – das alles ist doch für Tiere extrem wichtig. Zirkusleute lieben ihre Tiere – und ihre Tiere lieben sie.“

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