Wie kam es zu der tödlichen Auseinandersetzung beim Abtransport einer Waschmaschine? Das Landgericht verliest das Lärmprotokoll des Rentner. Es enthält auch Beleidigungen.
Es gab den Moment, da dachte der 79-Jährige darüber nach, ob er die Wohnung, in der er wohnte, nicht doch besser verkaufen sollte, um wieder in Frieden leben zu können. Doch die Wohnung in Stuttgart- Stammheim hatten er und seine verstorbene Frau gekauft und mit ihrer Hände Arbeit abbezahlt. Das habe ihm den Abschied schwer gemacht. So berichtete sein Sohn vor dem Landgericht Stuttgart. Diese Wohnung war Heimat.
Also verwarf der Senior die Idee wieder – und schrieb stattdessen minutiös Lärmprotokolle. 20 Minuten lang liest die Richterin der 19. Strafkammer aus diesen Aufzeichnungen des Menschen vor, der in dem Mehrfamilienhaus, so berichtet sein Sohn,„nach dem Rechten geschaut hat“. Der Vater habe den Hausmeisterdienst übernommen und sich nach dem Tod der Ehefrau noch mehr gekümmert. Einer, der als Rentner aber nur auf dem Sofa saß, sei der Vater nicht gewesen. Mountainbike sei er gefahren und jeden Tag seine 10. 000 Schritte gelaufen. Er sei nicht sturzgefährdet gewesen und noch viel weniger war er einer, dem man sein Alter angemerkt habe.
Auch die Vermieterin ist entsetzt
Die Protokolle sind die Aufzeichnungen eines Menschen, der die mit dem Einzug der Familie im Frühjahr 2024 beginnenden ständigen Auseinandersetzungen nicht überlebte. Der mutmaßliche Täter ist der schweren Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Denn am 15. September 2025 kam es zu einem tödlichen Aufeinandertreffen des späteren Opfers mit einem der Söhne der Familie, die über ihm eingezogen war.
In der Version des Angeklagten hat er dem Mann in der Waschküche beim Abtransport der Waschmaschine in Notwehr im Umdrehen lediglich einen Schlag versetzt, weil der ihn mit einem Besen zweimal auf den Hinterkopf geschlagen habe. Der Mann sei dann in Folge des Schlags rückwärts hingefallen. Er starb zwei Wochen nach einer Notoperation, weil seine Angehörigen seiner Patientenverfügung folgend die lebensverlängernden Maßnahmen beenden ließen.
Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann will ausleuchten, was für ein Mensch der Getötete war. Immer wieder kreisen seine Fragen auch darum, ob er ausländerfeindlich oder gar rassistisch war. Dafür liefert keine der Zeuginnen und keiner der Zeugen einen Anhaltspunkt. Auch die ehemalige Vermieterin nicht, welche die Wohnung zunächst guten Glaubens an ihre türkischen Landsleute vermietet hatte, dann aber auch über deren Verhalten entsetzt war.
In seinem Protokollen hatte der 79-Jährige festgehalten, was mit Beginn des Einzug der offiziell vierköpfigen Familie sein Leben in vielen Nächten und auch tagsüber beschwerte und seine Lebensqualität massiv beeinträchtigte. Er schreibt von nächtlichem Geschrei und lauten Telefonaten auf dem Balkon lange nach 22 Uhr, dem permanenten Zuschlagen der Haustür und ständigem Klingeln. Damit man einfacher ins Haus kommen konnte, sei die Tür auch nachts immer wieder so eingestellt gewesen, dass man sie auch ohne Schlüssel aufdrücken konnte. „Einbrecher willkommen“ und „Wie viele Personen wohnen da eigentlich?“ liest die Richterin vor.
Der Getötete hielt in seinen Aufschrieben aber auch Beleidigungen und Drohungen gegen sich fest wie „Ich stech dich ab“, „Hurensohn“, „Nazi“ oder „Alter, geh ins Altersheim“. Ausgesprochen oft bei Begegnungen im Treppenhaus. Besonders die Nazi-Beleidigung habe seinen Vater sehr getroffen. Im Treppenhaus habe man ihn einmal bespuckt, als er sich über den Lärm beschwerte, hat der noch notiert. Sein Sohn rät ihm, Anzeige zu erstatten. Aber das will sein Vater nicht. Er ist in Sorge, dann würde die Situation noch unerträglicher werden.
Notoperation in der Klinik
Als Polizeibeamte seinen Sohn noch am Abend der Tat informieren, ist sein Vater schon im Klinikum Stuttgart und wird dort notoperiert. Sein Sohn findet in der Waschküche in Stuttgart-Stammheim einen seiner Hausschuhe und eine von den Sanitätern aufgeschnittene Jogginghose. Dann eilt er ins Krankenhaus.
Wie es ihm heute gehe, fragt der Vorsitzende Richter. Er habe eine starke Familie und Freunde, die ihn stützten. Aber, dass der Vater nicht aufgrund seines Alters gestorben sei, sondern durch so einen Umstand, sei für ihn unbegreiflich. „Das kann ich bis heute nicht fassen.“