Nach dem Brand zweier Wohnhäuser in Nürtingen erheben Bewohner schwere Vorwürfe gegen Behörden und Vermieter. Die Polizei forscht weiter nach den Ursachen.
Nürtingen - Auch vier Tage nach der Brandkatastrophe in Nürtingen dauern die Ermittlungen der Polizei zu den Ursachen an. In der Nacht von Sonntag auf Montag waren zwei Bewohner in den Flammen eines Wohngebäudes in der Schafstraße gestorben. Am Nachmittag des Folgetages brach auch ein Feuer im Nebenhaus aus. Beide Gebäude sind unbewohnbar, bis zu 40 Menschen könnten obdachlos geworden sein. 31 frühere Bewohner hat die Stadt nach eigenen Angaben in Obdachlosenunterkünften vorübergehend untergebracht. Wie viele tatsächlich in den Gebäuden gewohnt haben, das muss die Polizei erst noch herausfinden. Pressesprecher Michael Schaal stellte die Öffentlichkeit am Freitag darauf ein, dass mit Ermittlungsergebnissen nicht so schnell zu rechnen sein wird.
Derweil wiegen die in den Tagen nach den Bränden geäußerten Vorwürfe von Bewohnern und Nachbarn schwer. Der Tenor: Die Gebäude waren von zu vielen Menschen bewohnt, die Zustände katastrophal und die Mietpreise zu hoch. Der Vermieter tat demnach wenig gegen beanstandete Mängel, die Behörden handelten trotz Hinweisen nicht. „Da wurde viel gepfuscht, immer schnell und schlecht repariert. Auch bei den elektrischen Leitungen“, berichten zwei Männer vor Ort und die Umstehenden nicken. „Das Eckhaus stand zehn Jahre lang leer, dann wurde es vermietet, dabei ist es unbewohnbar.“ Eine Anwohnerin beklagt die ständigen Müllberge, die manchmal von der Kommune entsorgt würden. „Die örtlichen Behörden müssen doch gewusst haben, wie es um diese Häuser und die Bewohner steht“, meint sie und fragt: „Warum haben sie weggeschaut?“ Ob erst etwas passieren müsse und Menschen sterben, bevor die Behörden reagieren, fragt die junge Frau.
Kritik gegen Hauptmieter
Die frühere Besitzerin, die die Häuser an ihren Sohn verkauft hat, spricht selbst von katastrophalen Verhältnissen und macht dafür den Hauptmieter verantwortlich. Dieser hat die Zimmer mit ihrem Einverständnis weitervermietet. Die Frau zeigt sich aber schockiert, wie viele Menschen dort vor dem Feuer gelebt haben. Diese Überbelegung sei verantwortlich für die Vermüllung und den schlechten baulichen Zustand, meint sie. Ihr Sohn ist zurückhaltend, will erst die Ermittlungen abwarten und in der „tragischen Situation“ niemanden beschuldigen. Wie viele Menschen in seinen Häusern wie gewohnt haben, dazu hat er nur Angaben des Hauptmieters, der auch für die Instandhaltung des Gebäudes zuständig war. Demnach habe er die insgesamt 23 Zimmer wohl einzeln an Bezieher von Wohngeld weitervermietet, die sich Bäder, Toiletten und Küchen zumindest teilweise geteilt haben. Der Hauptmieter will sich nicht öffentlich äußern.
Doch auch die Behörden stehen in der Kritik: „Ich habe schon vor einem Jahr eine Brandschutzbegehung gefordert und die Kakerlakenplage beim Gesundheitsamt gemeldet“, erzählt eine Angehörige eines Bewohners aufgebracht. Der Anruf bei der Nürtinger Feuerwehr sei aber im Sande verlaufen. Man habe ihr gesagt, sie müsse das schriftlich bei der übergeordneten Stelle in Reutlingen anmelden. Aber so viel Zeit habe sie nicht.
Keine Brandverhütungsschau möglich
„Wir verurteilen es aufs Schärfste, wenn die soziale Notlage von Menschen ausgenutzt wird, um daraus Profit zu schlagen“, erklärt die Stadt. Allerdings sieht sie „keine rechtliche Handhabe“ für die Verwaltung, „bei Missständen im privatrechtlichen Bereich einzugreifen“, weder, was die Anzahl der Bewohner, den Kakerlakenbefall, noch die Brandschutzfragen angeht. Nach Hinweisen auf offene Stromleitungen in einem der Gebäude in der Schafstraße hat die Verwaltung beispielsweise beim Vermieter angefragt und musste sich mit der Auskunft zufrieden geben, die Mängel seien behoben. Eine Brandverhütungsschau ist rechtlich nicht für Privatgebäude vorgesehen. Angesichts des Problems der Vermietung maroder Immobilien will die Verwaltung nun aber „auf den Städtetag zugehen, um darauf einzuwirken, dass die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen werden, damit Kommunen hier künftig effektiver vorgehen können“.
Kritische Fragen müssen sich auch Jobcenter und Kreisverwaltung gefallen lassen, die die Wohnkosten für 27 Menschen im Hartz-IV-Bezug sowie vier Geflüchtete in den Gebäuden bezahlten. Doch von der Pressestelle des Landratsamtes heißt es, es sei „nicht die Aufgabe als Leistungsträger“, eine Unterkunft zu überprüfen.
Gerüst wird aufgestellt
Bei all der Kritik: Bislang steht noch nicht fest, ob Brandschutzmängel in der der Schafstraße überhaupt bestanden, die Ermittlungen laufen noch. Mittlerweile haben sich nach Angaben von Schaal die Kriminaltechniker auch in dem vom ersten Feuer stärker zerstörten Wohnhaus umgesehen. Für die weiteren Ermittlungen muss nun aber erst einmal ein Gerüst aufgestellt werden, das die Sicherheit in dem einsturzgefährdeten Gebäude gewährleistet. Der Aufbau hat am Donnerstag begonnen, wann er beendet sein wird, kann Schaal noch nicht benennen, es sei eine akribische, zeitintensive Arbeit.