Bei der Moderatorin Miriam Pielhau (†) wurde 2008 die Diagnose Brustkrebs gestellt. Sie galt als geheilt, bis 2015 der Krebs wiederauftauchte. Foto: dpa

Der Tod von der Moderatorin Miriam Pielhau hat viele geschockt: Schien es doch lange, dass sie ihre Krebserkrankung besiegt hatte. Warum Brustkrebs oft unerwartet zurückkehrt und was die Medizin dagegen tut, erklärt der Onkologe Walter Erich Aulitzky.

Stuttgart - Als sie zum ersten Mal erfahren hatte, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist, hatte die junge Frau das Ganze noch sportlich gesehen: „Ich habe mir gedacht, ich muss tapfer sein.“ Fünf Jahre später saß sie wieder beim Arzt, der ihr sagte, dass in ihrer Leber, Lunge und in den Knochen Metastasen gefunden worden seien. „Da brach für mich die Welt zusammen. Ich fing an, hysterisch zu schreien.“ Mit diesen Sätzen beschrieb die Moderatorin Miriam Pielhau in einem Interview mit dem „Kölner Express“ den Moment, als sie erfahren hat, dass der Krebs zurückgekommen ist. Das war wenige Wochen vor ihrem Tod.

Die Rückkehr des Krebses sei für alle Patienten zunächst ein Schock, sagt Walter Erich Aulitzky. Die Mühen der Therapie scheinen umsonst, der Feind wirkt übermächtig, sagt der Leiter des onkologischen Zentrums des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. „Vor allem für junge Patienten, die gerade eine Familie gegründet, ein Haus gebaut oder den Wiedereinstieg in den Beruf geschafft haben, ist es ein besonders schmerzlicher Moment, wenn ihnen der Arzt erklärt, dass die zehrenden Therapien wieder von vorne beginnen müssen.“ Und oft bleibt die unausgesprochene Frage der Betroffenen, ob die Ärzte nicht gründlich genug den Krebs bekämpft haben.

Tumorzellen wandern in andere Organe – und verharren dort unbemerkt

Tatsächlich glauben viele, dass Krebs lediglich an einem Ort vor sich hinwuchert. Doch dies ist Experten zufolge nicht immer der Fall. „Bei 60 Prozent der Brustkrebspatientinnen reicht es in der Tat, wenn man die Brust bestrahlt oder das gesamte Brustgewebe entfernt, um auch die Krebszellen verschwinden zu lassen“, sagt Walter Erich Aulitzky. Bei den übrigen 40 Prozent bestehe ein hohes Risiko, dass der Tumor schon in sehr frühem Stadium gestreut hat – ohne dass dies bei der Fülle an Laboruntersuchungen oder bildgebenden Verfahren aufgefallen sein könnte.

Gerade bei Brustkrebs ist bekannt, dass sich bösartige Zellen aus dem Tumor lösen und in den Körper über die Blutbahn oder die Lymphe weggeschwemmt werden können. „Satellitenzellen“ nennt sie Aulitzky. Andere sagen auch „Mikrometastasen“ dazu. Um diese unschädlich zu machen und das Risiko eines Wiederauftretens des Krebses zu minimieren, empfehlen Onkologen neben einer operativen Entfernung des Tumorgewebes zusätzlich eine Chemotherapie. Doch auch diese greift nicht immer. „Bei etwa 10 bis 20 Prozent bleiben dennoch Satellitenzellen erhalten“, sagt Aulitzky. „Sie können sich irgendwo im Körpergewebe verstecken und dort verharren, ohne erst einmal Schaden auszulösen.“

Ärzte können schlecht abschätzen, ob ein Krebspatient wirklich geheilt ist

Das kann lange so gehen – Monate und sogar Jahre. So auch bei Miriam Pielhau. 2008 war bei ihr der Brustkrebs diagnostiziert worden. Nach einer Chemotherapie galt ihre Krankheit als geheilt, bis 2015 der Krebs wieder auftauchte. „Meine Leber war übersät mit Metastasen“, wird sie in dem Interview zitiert. Doch auch wenn sich die Metastasen in Leber und Lunge festgesetzt haben, sprechen Experten weiterhin von Brustkrebs – nicht von Leber- oder Lungenkrebs. Denn die Metastasen sind dem ursprünglichen Tumor in der Brust sehr ähnlich. Daher unterscheiden sich die Behandlungsmethoden nur wenig von denen der Erstbehandlung, sagt Aulitzky. Wieder wird über eine Operation beraten, eine Bestrahlung und eine Chemotherapie. Bei der Wahl der Medikamente nehmen die Ärzte dann aber die Präparate, die bei der vorangegangenen nicht zum Zuge kamen. Der Grund: „Tumorzellen, die die erste Behandlung überlebt haben, sprechen auf eine erneute Behandlung mit demselben Medikament nicht gut an.“

Es ist diese Tücke des Krebses, die Ärzten wie Aulitzky es häufig schwierig macht, abzuschätzen, ob ein Patient geheilt ist. Stattdessen stellt der Onkologe lieber Vergleiche auf – etwa: Ihr Risiko ist so hoch wie das eines durchschnittlichen Bundesbürgers, an dieser Krankheit zu sterben. „Das ist zwar komplizierter, aber ehrlicher“, sagt der Onkologe.

Dass die Sterbefälle bei Brustkrebs zunehmen ist ein Trugschluss

Grundsätzlich sind die Chancen auf eine Heilung aber weitaus besser. Zwar ist Krebs immer noch die zweithäufigste Todesursache in den westlichen Industrieländern. Doch es gibt inzwischen Tumorerkrankungen, die viel an Schrecken verloren haben wie beispielsweise das Hodgin-Lymphom. Das gilt auch für Brustkrebs – selbst wenn man dies angesichts der jüngsten prominenten Todesfälle kaum glauben mag: Wenige Tage vor Pielhau wurde bekannt, dass die ZDF-Sportmoderatorin Jana Thiel den Kampf gegen diesen Krebs verloren hat. Doch wer die Statistik des Robert-Koch-Instituts zurate zieht, bemerkt schnell: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die Sterbefälle zunehmen. Fakt ist: Das Mammakarzinom ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts nach wie vor die häufigste Krebsart bei Frauen. Jedes Jahr gibt es in der Bundesrepublik Deutschland etwa 65 500 Neuerkrankungen. Obwohl das mittlere Erkrankungsalter bei 64 Jahren liegt, sind zunehmend auch Jüngere betroffen.

Um diesem Schicksal möglichst zu entgehen, empfehlen Krebsspezialisten engmaschige Kontrollen, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Damit wird das Erkrankungsrisiko zwar nicht gesenkt, doch die Maßnahmen helfen, den Krebs in einem frühen Stadium zu erkennen und zu behandeln, sagt Aulitzky.

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