Meike und Eberhard Tschepe auf Sylt Foto: Martin Tschepe

Meike und Eberhard Tschepe waren 65 Jahre lang verheiratet, sie starben mit nur drei Monaten Abstand. Ihr Sohn blickt zurück und sucht nach Antworten.

Auf einmal ist sie weg. Mal wieder hat sie sich still und heimlich verabschiedet. Meine Mutter hat selten größeres Aufheben um sich selbst gemacht, ganz anders als mein Vater. Wenn Meike Tschepe keine Lust mehr hatte, dann war sie irgendwann einfach fort. Ohne Worte, ohne Verabschiedung. Etwa bei größeren Familienfeiern. Das war nicht böse gemeint. Die selbstbewusste Frau hatte schlicht keine Lust mehr zu bleiben. Keine Lust darauf, überredet zu werden doch bitte noch ein Glas zu trinken, noch ein bisschen zu plaudern. Genug ist genug!        Meike hat immer so gelebt, wie sie gestorben ist. Vor ziemlich genau einem Jahr hat sich meine Mutter wieder mal ohne Ankündigung abgesetzt, diesmal aber für immer. Das war Ende April oder Anfang Mai 2025. Wann ganz genau, das werden wir nie herausfinden. Meike Tschepe ist ohne Ankündigung und selbstbestimmt gestorben. Ohne Worte zu hinterlassen.

 

Mein Vater Eberhard war wesensverwandt mit dieser, seiner Frau – und doch ganz anders. Die beiden hatten sich 1959 das Jawort gegeben, sie waren sagenhafte 65 Jahre lang verheiratet. 65 Jahre! So alt werden viele Menschen nicht. Jetzt sind beide nicht mehr da, mein Vater ist fast auf den Tag genau drei Monate vor meiner Mutter gestorben. Er hatte in seinen letzten Lebensjahren oft erklärt: „Ich würde gerne noch ein bisschen bei meiner Frau bleiben.“ Meine Mutter indes hatte schon in jungen Jahren gelegentlich durchblicken lassen, dass sie eines Tages gerne selbst bestimmen wolle, wann Schluss ist. Für uns Kinder war das . . . ja, wie war das eigentlich, wie soll ich sagen? Befremdlich ist vielleicht ein halbwegs passendes Wort.

Zwei Menschen, die sich nahezu ideal ergänzt haben

Meine Eltern: zwei Menschen, die sich nahezu ideal ergänzt haben. Die Frau mit dem Fluchtgedanken und der Mann, der nicht nur bei Familienfeiern länger durchgehalten hat. Er wurde 88 Jahre alt, sie 85. Anfang 2025 sagte mein Vater plötzlich: „Ich glaube, mein Körper verabschiedet sich.“ Und wenig später war es soweit, an einem Morgen Ende Januar 2025 ist er im Ludwigsburger Krankenhaus nicht mehr aufgewacht.

Rückblick: Sommer 1958 auf der Insel Juist. Eberhard und Meike lernen sich kennen. Der Fotograf, der von einer Karriere als Kameramann (am liebsten in Hollywood) träumt und die Fotografin, die zeitlebens mit einem Augenzwinkern erzählt, sie habe diesen Beruf nur wegen des weißen Kittels gelernt. In den 1950er Jahren und auch noch lange danach werden analoge Filme in der Dunkelkammer entwickelt, und am Arbeitsplatz tragen die Laborantinnen und Laboranten Weiß. Meike hätte vermutlich genauso gut Verkäuferin in einer Apotheke werden können. Sie stammt wie Eberhard aus einer Nazi-Familien. Wobei ihre Mutter Charlotte, also meine Großmutter, den Geburtsname Abraham trug. Jüdisch? Wer weiß. Diese Frage wurde in der Familie nie thematisiert. Meine älteste Cousine jedenfalls sagt, sie sei einigermaßen sicher: die Oma war jüdisch.

Meine Eltern setzen ein paar Jahre nach ihrer Hochzeit ein Zeichen, lange bevor ich 1965 in Berlin und mein Bruder Daniel 1967 in Ludwigsburg zur Welt kommen. 1963 engagieren sich die beiden fast ein Jahr lang bei die Aktion Sühnezeichen in Israel. Sie baut mit anderen jungen Deutschen ein Schulhaus für jüdische Kindern. Stein auf Stein. Er fotografiert.

Mein Bruder und ich wachsen mit Eltern auf, die im Sommer auf Sylt ein Fotogeschäft betreiben und im Winterhalbjahr in Schwaben leben, wo Vater beim Süddeutschen Rundfunk als Kameramann Dokumentarfilme für die Regionalnachrichten dreht und an vielen Wochenenden bei Sportübertragungen hinter einer riesigen E-Kamera steht. So richtig in Urlaub fahren wir nie, aber oft nach in Israel. Mein Vater produziert da Filme über faszinierende Menschen. Als Teenager bin ich mitunter sein Tonmann.

Mein dritter Großvater

Zu den besten Freunden der Familie Tschepe zählt Iwan Jungwirth, ein jüdischer Fotograf und Fotolaborant in Jerusalem. Iwan hat das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Der Mann, Jahrgang 1917, wird mir zu einem dritten Großvater, den ich über die Jahre viel besser kennenlerne als meine leiblichen Opas. Mein Faible und meine kritische Sympathie für den Staat Israel habe ich ganz offenkundig geerbt. Danke dafür.

Viele Kumpels sagen damals sinngemäß zu mir: Du hast die coolsten Eltern von allen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Meike und Eberhard sind jedenfalls so cool, dass sie beschließen: Ihre zwei Söhne kommen ein paar Sommermonate locker auch ohne die Eltern aus. Mutter und Vater arbeiten also an der Nordsee. Und wir zwei Teenager-Kinder gehen Sommer für Sommer tagtäglich in Ludwigsburg ins Otto-Hahn-Gymnasium. Wir hätten genauso gut im Bett liegen bleiben können. Wir schaffen sogar beide das Abitur mit ganz passablen Noten. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben! Als meine Frau und ich viele Jahre später tatsächlich mal wagen, unsere Teenie-Tochter für zwei, drei Tage alleine zu Hause zu lassen, meckert meine Mutter. Und als ich sie daraufhin an früher erinnere, sagt Meike sinngemäß: Sie und unser Vater seien schon ein bisschen verrückt gewesen.

Das waren die beiden vermutlich: ein bisschen verrückt. Sympathisch verrückt. Ich bin damals im Sportgymnasium in Ludwigsburg happy, dass ich meine Ruhe habe. Dass mir keiner sagt, was ich tun oder lassen soll, dass ich Anfang der 1980er ganz spontan entscheiden kann: Ich fahr zu Freunden nach Plymouth in Südengland, per Anhalter.      Unsere Eltern mischen sich nicht groß ein. Laissez-faire. Läuft ganz gut. Ich mache nach dem Abi Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz, studiere anschließend (nicht unbedingt zur Freude meines Vaters) Sozialarbeit und dann (zur Freude meines Vaters) Journalismus und Kommunikationswissenschaften. Wenn‘s wirklich drauf ankommt, dann sind unsere Eltern aber zur Stelle. Sie sind präsent – wenn auch nicht stets physisch anwesend. Später betreuen sie mit großer Freude ihre Enkeltöchter. Und sie helfen oft – etwa, wenn ihre Söhne eine Immobilie finanzieren wollen.

Für meine einst kosmopolitischen Eltern wurde das Leben immer schwerer

Jetzt sind die zwei Menschen, die doch immer greifbar waren, also weg. Für immer. Das ist nach wie vor unglaublich. Hab ich oft genug danke gesagt? Für die Freiheit – und für Sicherheit? Vermutlich nicht.

Das Leben meiner einst kosmopolitischen Eltern wurde von Jahr zu Jahr für sie beschwerlicher, anstrengender, ihr Horizont enger. Ein paar Jahre vor ihrem Tod gesteht mir meine Mutter: „Wir haben nichts vorbereitet.“ Vermutlich ist es schwierig, sich früh genug und noch dazu gut einzustellen auf den eigenen Verfall. Aber okay, man hätte sich durchaus überreden lassen können, das eigene Badezimmer barrierefrei umzubauen und womöglich sogar mal ein Seniorenheim anschauen können. Zumal dann, wenn Geld überhaupt keine Rolle spielt. Das alles (und einiges mehr) haben unsere Eltern leider nicht getan. Vielleicht hätten wir sie überzeugen müssen, sich mehr helfen zu lassen. Auch diese Frage bewegt mich und bleibt unbeantwortet.

Erst im Rückblick ist mir klar: Meine Mutter hat nur darauf gewartet, dass ihr immer schwächer werdender Ehemann verstirbt – um sich dann das Leben zu nehmen. Hätten wir den Suizid verhindern können und sollen? Hätte sie sich aus der Depression herauskämpfen können? Fragen ohne Antworten. Eine Freundin meiner Frau hat kurz nach dem Tod meiner Mutter erklärt: Alles, was jetzt noch gekommen wäre, hätte sich für Meike nicht mehr nach echtem Leben angefühlt. Und die beste Freundin meiner Mutter sagte noch zu Lebzeiten meiner Eltern zu ihrem Partner: „Ich bin mir sicher: Meike will ohne Eberhard nicht weiter leben.“

Vielleicht schauen die beiden ja von oben zu

Manchmal kann ich es noch nicht wirklich glauben, dass meine Eltern, die doch immer für mich da waren, nun nicht mehr leben. Gelegentlich ertappe ich mich bei dem Gedanken, den beiden eine WhatsApp-Nachricht mit Fotos schicken zu wollen. Zum Beispiel, als unsere Tochter ihren Master mit der Traumnote 1,0 macht. Oder als ich bei der WM im Winterschwimmen im Finnland zwei Titel hole. Wer weiß: Vielleicht schauen die beiden ja von oben zu. Und sind einigermaßen zufrieden mit uns.

Mutter, Vater: Schön, dass ihr zumindest glasklar beschlossen habt, wo und wie ihr bestattet werden wollt. Zusammen in der Nordsee vor Sylt. Mein Bruder und ich haben den Tag dafür ausgewählt: Samstag, 9. Mai 2026 – es wäre euer 67. Hochzeitstag.

Hilfe bei Suizid-Gedanken Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 sowie unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de