Chiara Buschmann hat das Familienunternehmen Sindelfinger Holzringe übernommen – und direkt einen Wirtschaftspreis gewonnen. Die Produkte der Firma haben Seltenheitswert.
Chiara Buschmann steht im Ausfallschritt in der großen Halle in der Kolumbusstraße in Sindelfingen und drückt einen Holzring gleichmäßig gegen einen Tellerschleifer. Es ist eine von vielen Maschinen, die in dem weitläufigen Gebäude stehen. Vor beinahe hundert Jahren wurde die Holzringfabrik von den Brüdern Eugen, Ernst und Christian Berstecher gegründet und ist heute noch in Familienhand: Chiara Buschmann, die Tochter von Bernd Berstecher, hat die Firma übernommen im September und als Unternehmerin des Jahres den Wirtschaftspreis Sindolf gewonnen.
Eine Firma, die Holzringe herstellt? Auf den ersten Blick stellen sich viele darunter wahrscheinlich nichts Besonderes vor. Doch: Hinter die Kulissen der jahrzehntealten Sindelfinger Firma geblickt, merkt man, dass es sich hier um ein seltenes, in vielerlei Hinsicht einzigartiges Produkt handelt.
Produkte auf Kundenwunsch
Chiara Buschmann und ihr Ehemann Boris Buschmann führen durch die Halle, in der zahlreiche Produkte und Maschinen stehen. Zwar haben sie einige Standardprodukte im Sortiment, doch die meisten ihrer Produkte sind auf individuelle Kundenwünsche hin angefertigt. „Das ist Handarbeit“, sagt Boris Buschmann. Sie würden mit Hilfe von Maschinen arbeiten, die Maschinen stellen allerdings nicht die Holzringe her – das tun immer noch Menschen. Jahrelange Erfahrung und Fingerspitzengefühl ist für die unterschiedlichen Produkte notwendig: Laden- und Messebau, Glashalterringe – das sind Holzrahmen für runde Fenster –, und Holzringe für Trommelrahmen haben sie unter anderem im Repertoire. Sogar für Schamanentrommeln stellen sie Ringe her.
Musiker sind Chiara und Boris Buschmann zwar nicht, doch das ist auch nicht unbedingt nötig, um ein passendes Produkt herzustellen. Die Kunden kommen meist bereits mit genauen Vorstellungen zu ihnen. Bei den Ringen sind alle Größen mit dabei – von kleinen bis zu solchen mit fast zwei Metern Durchmesser.
Die Nischenprodukte bringen einige Herausforderungen mit sich. „Die Maschinen wurden teilweise über Jahrzehnte montiert und an unsere Abläufe angepasst“, erklärt Chiara Buschmann. Das bedeutet, dass Reparaturen langwierig und kostenintensiv sind – denn kaum ein Mechaniker traut sich an die Unikate heran. Sowohl die Produkte als auch die Maschinen selbst sind also Sonderanfertigungen.
Importholz aus Afrika
Teuer sind nicht nur die Reparaturen. Auch um an den Rohstoff Holz zu kommen, braucht es manchmal starke Nerven. So bezieht die Firma beispielsweise Abachi-Holz, ein Importholz aus Afrika. Viel Auswahl an Lieferanten haben sie dafür nicht. Auch bestimmte Furniere müssen sie teilweise ein halbes Jahr im Voraus bestellen, weil diese extra für die Sindelfinger Unternehmer angefertigt werden.
Als es vor einiger Zeit in Spanien zu einem großen Hochwasser kam, fiel kurzfristig ein Lieferant aus. Schnellen Ersatz gebe es in solchen Situationen für sie nicht, sagt Chiara Buschmann. Aktuell müssen sie sich beispielsweise darum kümmern, einen neuen Lieferanten für einen Härter für ihren Leim in Pulverform zu finden – sie seien der einzige Bezieher gewesen. „Man muss auf jeden Fall flexibel bleiben“, sagt sie.
Die 31-Jährige ist gelernte Konditorin. Nach ihrer Ausbildung hat sie BWL Food Management studiert, im September hat sie offiziell das Unternehmen ihres Vaters übernommen und kümmert sich seither ums Büro. Doch auch die Abläufe im Herstellungsprozess eignet sie sich nach und nach an. Früher hatte das Unternehmen mehr als 20 Mitarbeitende, heute arbeiten dort nur noch Chiara und Boris Buschmann sowie zwei weitere Bürofachkräfte. Chiara Buschmanns Vater, Bernd Berstecher, arbeitet ebenfalls noch im Betrieb mit. So gelinge ein fließender Übergang. Eine rechtzeitige Firmenübergabe sei ihrem Vater wichtig gewesen.
Als Legasthenikerin will sie anderen Mut machen
Dass sie eines Tages die Firma übernehmen würde, war nicht immer klar, erzählt sie. Doch bereits während ihrer Schul- und Ausbildungszeit half sie in der Firma aus. „Nachdem mein dualer Partner mich nach dem Studium nicht übernommen hat, bin ich zunächst als Unterstützung mit in das Unternehmen eingestiegen“, erzählt sie. Heute ist sie zufrieden mit ihrer Berufswahl: Ein reiner Bürojob wäre nichts für sie gewesen.
Mit der Bewerbung um den Sindolf Wirtschaftspreis wollte Chiara Buschmann übrigens auch anderen Mut machen. Sie ist Legasthenikerin. „Meine Meinung ist, das unsere Begabungen zwar nicht im Lesen oder Schreiben liegen, aber wir haben zahlreiche andere Fähigkeiten und Talente, die uns bei unserem beruflichen Erfolgen unterstützen“, sagt sie.
Die Geschichte eines Unternehmens
Gründung
1928 gründeten Eugen, Ernst und Christian Berstecher eine Schreinerei. Turbulente Zeiten standen bevor: Der Zweite Weltkrieg brach aus, zwei der Brüder gerieten in Kriegsgefangenschaft. Erst 1946 ging es mit der Produktion weiter. 1989 zog der Betrieb von der Sindelfinger Altstadt in den Kolumbuspark im Industriegebiet, da der Betrieb dort eine größere Fläche zur Verfügung hatte.
Neue Generation
2005 übernahm Bernd Berstecher in dritter Generation die Firma. Nun hat seine Tochter Chiara Buschmann das Ruder übernommen.