Das Tobias-Mayer-Quartier im Esslinger Norden soll ein Aushängeschild für modernes Bauen und Wohnen werden. Nach jahrelangen Planungen ist jetzt der Bebauungsplan abgesegnet worden – ein Meilenstein bei dem Projekt.
Es ist ein Vorzeigeprojekt. Das Tobias-Mayer-Quartier im Esslinger Norden soll zu einem Aushängeschild für ein zukunftsfähiges Wohnquartier mit ausgewogener sozialer Mischung und viel Grün werden. Dort sollen künftig vor allem auch Menschen ein Zuhause finden können, die es wegen geringerem Einkommen oder fehlendem Kapital auf dem regulären Wohnungsmarkt schwer haben. Die Planungen für das Projekt laufen schon seit Jahren – jetzt ist ein weiterer Meilenstein erreicht.
Denn mit seinem Ja zum Bebauungsplan hat der Bauausschuss des Gemeinderats nun den Weg zur Umsetzung frei gemacht. Wenn auch der Gemeinderat den Plänen zustimmt, könnte vielleicht schon im kommenden Jahr mit dem Bau begonnen werden. Bis 2035 soll das Gebiet zwischen Wäldenbronner Straße, Tobias-Mayer-Straße, Am Schönen Rain sowie den Bauflächen östlich der heutigen Palmstraße Zug um Zug zu einem sozial-nachhaltigen Wohnviertel samt innovativem Mobilitätskonzept umgebaut werden.
Erste Ergebnisse sollen bereits 2027 zur Internationalen Bauausstellung präsentiert werden. Denn das Tobias-Mayer-Quartier gilt bei der IBA’27 als Experimentierfeld, das Maßstäbe für die Zukunft des Bauens und Wohnens setzen soll. Seit den ersten Ideen für das neue Wohnquartier in den Jahren 2016 bis 2018 ist viel passiert. Unter Bürgerbeteiligung sind Konzepte entstanden, die laut Stadtverwaltung jetzt in Planungsrecht übersetzt wurden. Das Ergebnis ist der Bebauungsplan, der eine umfassende Neuordnung des rund vier Hektar großen Areals vorsieht. Neben dem Abbruch alter und dem Bau neuer Wohnhäuser, in denen auch innovative und gemeinschaftliche Wohnformen geplant sind, ist unter anderem ein sogenanntes „Gartenreich“ vorgesehen, also eine offen gestaltete grüne Mitte. Zudem soll die Palmstraße zur autofreien „Palmpromenade“ umgestaltet und mit dem „Palmplatz“ im Norden sowie dem „Am Schönen Platz“ im Süden abgerundet werden.
In der Mitte des Quartiers ist ein grünes „Gartenreich“ geplant
Rund um die grüne Mitte sollen voraussichtlich knapp 490 Mietwohnungen entstehen, davon rund 90 in bestehenden Gebäuden, der Rest in Neubauten. Entlang der Tobias-Mayer-Straße sind vor allem L-förmige Gebäude mit drei bis acht Geschossen geplant, die teilweise durch eingeschossige Bauten im Erdgeschoss miteinander verbunden werden sollen. Durch eine leicht versetzte Anordnung der Gebäude werde trotz der teils höheren Bauten für genügend Licht und Belüftung gesorgt, heißt es von den Planern. Im Norden des Areals sollen die bestehenden zwei- bis dreigeschossigen Gebäude erhalten und durch neue Häuser mit vier bis acht Geschossen ergänzt werden. Darüber hinaus sollen östlich der heutigen Palmstraße drei Gebäudezeilen aus Bauten unterschiedlicher Höhen mit maximal acht Geschossen entstehen. In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Bauen, Mobilität und Klimaschutz (ABMK) wurden die Pläne allseits gelobt. „Wir finden das Projekt insgesamt sehr gut“, erklärte etwa die CDU-Rätin Aglaia Handler. Allerdings müsse neben Straßen und Verkehr auch ein Fokus auf die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort gelegt werden. Denn mit dem Zuzug neuer Bewohner werde auch zusätzliche Nahversorgung notwendig. Das betonten auch der SPD-Rat Daniel Scharpf und Marco di Pilla von den Freien Wählern, die auch auf den Bedarf zusätzlicher Kita- und Schulplätze hinwiesen, das Projekt ansonsten aber für sehr gelungen erklärten. Während Carmen Tittel, Fraktionsvorsitzende der Grünen, das Vorhaben als „absolut vorbildlich“ im Hinblick auf Innenentwicklung, Bürgerbeteiligung, modernes Wohnen und zukunftsträchtige Mobilität bezeichnete, zeigte sich die FDP-Fraktionschefin Rena Farquhar skeptischer. „Ich bin gespannt, ob wir genügend Kita-Personal für die neuen Gruppen bekommen“, so Farquhar. Auch vom Verkehrskonzept zeigte sie sich nicht restlos überzeugt: „Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich um einen dicht besiedelten Bereich handelt – es darf dort oben nicht im Verkehrschaos enden.“
Areal soll in acht Bauabschnitten entwickelt werden
Baubürgermeister Hans-Georg Sigel versicherte, dass alle Aspekte der Umgestaltung des Quartiers berücksichtigt werden und dafür gesorgt werde, dass es sowohl genügend Einkaufsmöglichkeiten als auch ausreichend Kitas und Schulen gebe. Gleichwohl befinde man sich noch in der Rahmenplanung, Details sollten erst nach und nach konkretisiert werden. Es ist vorgesehen, das Areal in acht Bauabschnitten zu entwickeln. Daher will man in der Planung auch in einigen Punkten wie der Verkehrsführung flexibel bleiben, um gegebenenfalls reagieren zu können. Dennoch sei bereits viel geschafft: „Es war ein langer Weg – aber auch ein guter“, sagt Sigel.
Zeitgemäßes Bauen und Wohnen im Fokus
Projekt
Die Esslinger Wohnungsbau GmbH will zusammen mit der Baugenossenschaft Esslingen das Tobias-Mayer-Quartier im Esslinger Stadtteil Hohenkreuz bis 2035 als Vorzeige-Viertel für zeitgemäßes Wohnen entwickeln. Auch die Wohninitiative Alternatives Wohnen Esslingen (AlWo) ist mit im Boot: Sie will im Tobias-Mayer-Quartier eine neue Form gemeinschaftlichen Lebens erproben.
Pläne
Im Rahmen eines Wettbewerbs haben zunächst zwölf Planungsbüros Ideen für das neue Viertel erarbeitet. Eine Jury sprach sich im Jahr 2021 einstimmig für den Entwurf des Wiener Studios Vlay Streeruwitz aus, der daraufhin zur Grundlage für die weiteren Planungen wurde. Zudem erhielt das Stuttgarter Büro Wittfoht Architekten den Zuschlag für seine Vision eines L-Gebäudes. IBA’27
Die Internationale Bauausstellung im Jahr 2027 in Stadt und Region Stuttgart (IBA’27) legt den Fokus auf sozial und funktional gemischte Häuser und Quartiere. Es geht um die Zukunft des Wohnens, Bauens und Arbeitens in der Region Stuttgart. Dabei sollen Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit zu vielschichtigen, zukunftsfähigen Nachbarschaften verschmelzen.