Was verleitet Arbeiter dazu, die AfD zu wählen, obwohl diese keine Arbeitnehmerpartei ist? Der Tübinger Politikwissenschaftler Tobias Kaphegyi erklärt in Sindelfingen die Zusammenhänge – und gibt einen Rat.
Es scheint paradox und doch ist es politische Realität: Viele Wähler entscheiden sich mit der AfD für eine Partei, die ihnen wirtschafts- und sozialpolitisch schadet. Steuerliche Verbesserungen von Geringverdienern und Mittelschicht plant sie so wenig wie einen starken Sozialstaat. Vielmehr sollen Reiche steuerlich entlastet und keine Mietpreisbremse oder Kindergrundsicherung eingeführt werden.
Tobias Kaphegyi besucht seit Jahren Betriebe und Veranstaltungen und spricht dort mit Arbeitnehmern. In Sindelfingen referierte er nun bei der Evangelischen Betriebsseelsorge über die Hintergründe des Erfolges der rechtsextremen Partei bei diesen Berufsgruppen. „Das Wählerreservoir liegt vor allem bei Facharbeitern, in den technischen Bereichen und im produzierenden Gewerbe – bei Menschen in der Mitte des Lebens. Die meisten sind 35 bis 45 Jahre alt und männlich“, sagt Kaphegyi.
Sozialabbau und Turbokapitalismus höhlen Demokratie aus
Gerade dort, wo Tarifverträge fehlten und durch Wettbewerb Konkurrenzdruck und Arbeitsplatzunsicherheit herrschten, sei der Stimmenanteil hoch. Das treffe grundsätzlich auch auf die Autoindustrie zu. „Da gilt oft die Devise: Entweder billig oder wir sind weg“, sagt der Tübinger ausgerechnet in der Stadt, die durch die Autoproduktion groß wurde und durch den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte zu einer Multikulti-Stadt. Dennoch sei Mercedes nicht das Unternehmen, in dem Mitarbeiter in der Produktion vermehrt für die Rechtsaußenpartei stimmen. „Dafür sind die Mercedes-Angestellten noch zu hoch entlohnt“, erläutert der Politikwissenschaftler.
Kaphegyis Zahlen beunruhigen viele: Bayern, Hessen, Thüringen, Sachsen, Brandenburg – der Anteil der Arbeiter, die bei den vergangenen Landtagswahlen ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben, steigt. „In Thüringen waren es 49 Prozent. Zum Vergleich: Angestellte haben zu 33 und Rentner zu 23 Prozent AfD gewählt“ so Kaphegyi. In Westdeutschland sei die AfD dabei, sich die Rolle anzueignen, die die SPD innehatte. Im Osten löst sie als vermeintliche Kümmerer-Partei die Linke ab.
Das Selbstverständnis der Arbeiterschaft
Um zu verstehen, was Arbeiter dazu verleitet, die AfD zu unterstützen, ist es wichtig das Wertesystem dieser Berufsgruppe zu kennen. Tobias Kaphegyi fasst zusammen, was Arbeitern traditionell gemein war: „Es gab ein Bedürfnis der Leistungsgerechtigkeit. ‚Mir schaffet ja au hart mit de Hend’, hieß es. Man war stolz, für wen man arbeitet, man sah den Staat mehr in Verantwortung und man lebte eine Dichotomie: ‚Wir da unten gegen die da oben’.“ Auf diesem populistischen Denken baut die AfD auf. „Sie propagieren den Gegensatz eines moralisch guten Volkes gegen eine verdorbene Elite.“
Interessant ist, dass es eine Mär sei, nur wirtschaftlich abgehängte Menschen wählten die AfD. Weit mehr Befragte, die ihre eigene Situation als gut bezeichnen, stimmen für die Partei. „Es gibt eine Frage, die wir immer wieder gestellt haben: Glauben Sie, dass Sie in Relation zu anderen Menschen Ihren gerechten Anteil bekommen? AfD-Wähler aus dem Arbeitermilieu antworten am meisten mit ‚Nein’. Weit verbreitet ist der Glaube: ‚Ich schaff’ so viel, die andre machet weniger, krieget aber elles hinterhergschobe“, betont Kaphegyi. Nach Ansicht des Gewerkschaftlers stecke dahinter ein Wunsch nach Ungleichbehandlung anderer Menschen, nach Recht und Ordnung und nach einer Autorität, die im besten Fall zu einem komme und sage „du bisch d’r beschde Schaffer, du kriegsch zehn Prozent mehr!“
Loyalität geht über Solidarität
Auffällig sei auch, dass AfD-nahe Arbeiter Solidaraktionen wie Streiks mehrheitlich ablehnen. Loyalität werde traditionell höher bewertet. Oft habe Kaphegyi gehört, höhere Löhne ginge nach hinten los. Dadurch würden nur Arbeitsplätze gefährdet oder die Inflation angeheizt. Das Kollektive stehe dem Individualismus von AfD-Wählern entgegen. „Viele Arbeiter hoffen auf einen ‚guten’ Herrscher von oben herab.“ Das Vertrauen in etablierte Parteien jedenfalls ist gesunken. „Das liegt auch an 30 Jahre neoliberaler Politik: Sozialabbau und Privatisierungen haben die Lebenssituationen vieler verschlechtert“, sagt Kaphegyi. Auch von dieser Unzufriedenheit profitiere die AfD.
Soziale Medien und sogenannte alternative Medien beschleunigten die Entwicklung von Verschwörungserzählungen. Regelmäßig seien ihm in Gesprächen die bekannten Narrative des Bevölkerungsaustausches, der „Plandemie“ oder des Gen-Chips von Bill Gates begegnet. Auch Erzählungen von der jüdischen Weltherrschaft durch „Globalisten“ oder den ungarisch-amerikanischen Philantropen George Soros hätten durch die AfD Einzug gehalten in Betriebe.
AfD-ler bedrohen gewerkschaftliche Existenz
Tobias Kaphegyi warnt auch aus einem anderen Grund vor weiteren Wahlerfolgen der Rechtsextremisten. Zitate von AfD-Funktionären wie dem ehemaligen Böblinger Landtagsabgeordneten Harald Pfeiffer, der 2018 vor dem Daimler-Werkstor in Sindelfingen die Gewerkschaften als „Gesinnungspolizei und Sittenwächter für ein Regime, das im Zerfallen ist“ bezeichnete, können als Drohung verstanden werden. „Die AfD möchte unsere Gewerkschaften abschaffen und ihre von Neonazis wie Oliver Hilburger geprägten Gewerkschaftsgruppe Zentrum Automobil pushen“, so Kaphegyi.
Das alles sei nicht nur eine Gefahr für die liberale Demokratie, die AfD bringe letztendlich auch keinen wirtschaftlichen Nutzen für die Allermeisten. „Die Ironie ist, dass gerade jene, die von Arbeitnehmerrechten und sozialpolitischen Maßnahmen profitieren würden, mit der AfD die falschen unterstützen.“ Tobias Kaphegyi meint deshalb: „Wenn man Wähler zurückgewinnen will, muss man die Lebenssituation konkret verbessern und auf das fehlende wirtschaftspolitische Angebot der AfD hinweisen.“
Forschung im Arbeitermilieu
Person
Tobias Kaphegyi ist Politikwissenschaftler und Gewerkschaftssekretär beim DGB in der Region Stuttgart. Er promoviert zu wirtschafts- und sozialpolitischen Einstellungen rechtsradikaler Arbeiter*innen. Für seine Recherchen besuchte er Partei-Kreisverbände, Veranstaltungen und Demonstrationen und führte Interviews. Im Zentrum seiner Forschung steht die AfD.
Veranstaltung
Unter dem Titel „Rechtsruck unter den Beschäftigten. Was nun?“ spricht Kaphegyi am 13. November von 12.30 Uhr bis 14 Uhr online über das Thema. Teilnahme über: https://fexbw.de/event/rechtsruck-unter-den-beschaftigten-was-tun-2