Die Zahnradbahn ist tabu, denn Tobias Halschke ist nur zu Fuß in der Stadt unterwegs. Foto: Lg/ Kovalenko

Der 25-jährige Tobias Halschke aus Korntal hat sich vorgenommen, jede Ecke von Stuttgart zu Fuß zu erkunden. Seit Ostern 2016 hat er bei seinen Touren durch die Landeshauptstadt bereits mehr als 220 Kilometer auf Schusters Rappen zurückgelegt.

Stuttgart - Ganz oder gar nicht. Halbe Sachen sind nicht Tobias Halschkes Ding. Nicht im Beruf als Metzger, nicht in seiner Freizeit. Mit seinem heute 77-jährigen Vater hat der 25-Jährige erst im vergangenen Jahr an einem Tag das gesamte S-Bahnnetz der VVS „erfahren“ – mit den gelben Zügen der SSB hat er auch bereits sämtliche Stadtbahn-Strecken erkundet, samt Zacke und Seilbahn. Derzeit aber hat er eine andere Mission – und Schienen spielen da keine Rolle. Anstelle von Fahrscheinen sind diesmal ein Stadtplan, ein neonfarbener Textmarker und Wanderschuhe seine Begleiter, wenn es in und durch die Landeshauptstadt geht. Halschkes Vorhaben: sämtliche Straßen, Wege und Plätze im Norden, Osten, Süden und Westen sowie die Stuttgarter Mitte zu Fuß erkunden. Danach geht’s dann vielleicht auch durch die restlichen Stadtbezirke.

„Das weiß ich nicht genau“, sagt der Korntaler. „Wenn ich das ganze Stadtgebiet erlaufen will, dann wird es noch eine ganze Weile dauern, bis ich alle Straßen hinter mir habe.“ Seit Ostern 2016 hat er mehr als 220 Kilometer zurückgelegt und dabei viele schöne Gebäude, wildromantische Gärten und Aussichtspunkte entdeckt.

Auf die Idee, Stuttgart nach und nach zu Fuß kennenzulernen, kam Halschke, weil er abseits der großen Straßen nur wenig von der Landeshauptstadt kannte. „Wenn mich dann mal jemand gefragt hat, ob ich weiß, wo diese oder jene Straße ist, musste ich mit den Schultern zucken“, sagt er. Er machte sich Gedanken darüber, wie er dies ändern könnte. Ergebnis seiner Überlegungen: „Ich laufe einfach alle Straßen ab!“ Gedacht, getan. Positiver Nebeneffekt für ihn: „Ich halte mich so auch noch fit“, sagt Halschke und schmunzelt.

Großteil der Straßen bereits durchschritten

Vor etwa anderthalb Jahren hat er sein ungewöhnliches Projekt gestartet. Einen Großteil der Straßen und Wege hat der erklärte Stuttgart-Fan bereits durchschritten. Die Karte, auf der markiert, wo er gelaufen ist, hat schon bessere Tage gesehen. Beim Blick auf den zerfledderten Stadtplan dominiert im Zentrum längst leuchtendes Neongrün. Fünf bis sechs ausgedehnte Touren, so schätzt der begeisterte Hobbykoch und -patisseur, der sich in seiner Freizeit auch schon als Käsemacher versucht hat, hat er noch vor sich. „Das hängt aber freilich von der Länge der jeweiligen Strecke ab“, sagt Halschke. Gemeinhin legt er zwischen zehn und 20 Kilometer an einem Stuttgart-Entdecker-Tag zurück.

Bei einer Tour durch den Stuttgarter Süden führt der Weg weitestgehend entlang des Zacke-Schienenstrangs auf der Alten Weinsteige nach oben. Über den Schimmelhüttenweg geht es anschließend wieder talwärts und entlang der Böheimstraße zum Ausgangspunkt. Dazwischen wandelt er auf den Spuren Richard Wagners: die Freischütz-, Meistersinger- und Lohengrinstraße sind ebenso auf der an diesem Tag etwas mehr als vier Kilometer langen Strecke zu finden wie die Leonorenstraße und der Brunhildenweg. Während es aufwärts an so manchem Prachtbau vorbei geht, fühlt man sich auf dem Weg ins Tal der Stadt oft ziemlich entrückt: Inmitten der Weinberge scheinen Feinstaub, Straßenlärm und andere Negativkomponenten unserer mobilen Zivilisation fernab.

Eine ziemlich grüne Stadt

„Stuttgart ist eine ziemlich grüne Stadt“, resümiert Halschke, der den Blick von oben auf die Schwabenmetropole liebt. Seit der Fernsehturm nach der Brandschutzsanierung wieder geöffnet hat, besitzt er auch eine Jahreskarte, die er weidlich nutzt. Einmal wöchentlich – meist an den Wochenenden – zieht es ihn in die luftige Höhe. Nicht selten hat der Korntaler den Fernsehturm-Besuch an den Wochenenden mit seinen Touren verknüpft. Aber auch während der jüngsten Betriebsferien der Metzgerei, in der er beschäftigt ist, war Halschke auf Stuttgarter Wegen unterwegs.

Dass er zumeist alleine geht, hat einen aus seiner Sicht einfachen Grund: „Ich glaube, so verrückt wie ich sind nicht viele.“ Seine Touren hat er abseits der Markierungen im Stadtplan nicht dokumentiert. Auch Fotos sind bei den Rundgängen nicht entstanden. Die Erinnerungen will sich Halschke im Gedächtnis bewahren. Auch jene von den wunderbaren Aussichtspunkten, die er vor allem im Norden und in Süden in den Höhen- und Halbhöhenlagen entdeckt hat. Dort, so sagt er, könnte er sich auch vorstellen zu wohnen und schwärmt: „Der Blick in den Kessel ist grandios.“

Apropos Blick. Ohne einen solchen in den Stadtplan weiß Halschke heute auch nur von den wenigsten Straßen und Wegen, wo genau sie in der Landeshauptstadt liegen. „Das sind einfach zu viele“, sagt er schmunzelnd. Ist die Mission damit gescheitert? Für Halschke auf keinen Fall: „Ich war draußen, habe schöne Momente gehabt und die Stadt neu kennengelernt“, sagt er. Und wer kann schon von sich behaupten, dass ihm quasi die ganze Stadt einmal zu Füßen lag.

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