Adriana Altaras will ihre Dybbuks loswerden, nach jüdischem Glauben schlafstibitzende Stimmen der Toten Foto: Verleih

„Titos Brille“ ist ein authentischer Erkundungstrip zu den Wurzeln einer viel Herumgekommenen: Adriana, deren Vater sich außerdem zeitlebens damit brüstete, die Brille des jugoslawischen Diktators Tito repariert zu haben.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Titos Brille"

Adriana Altaras will ihre Dybbuks loswerden, nach jüdischem Glauben schlafstibitzende Stimmen der Toten. Sie bestreitet den umgekehrten Lebensweg ihrer Eltern. Diese fochten für Tito, flüchteten 1963 nach Deutschland. Die dreijährige Adriana schmuggelt man nach Italien zur Tante, später holen die Eltern sie nach Gießen. Ihr Vater avanciert zur Radiologie-Koryphäe. Zeitlebens brüstet er sich damit, während des Zweiten Weltkriegs Titos Brille repariert zu haben. Doch Adriana räumt auf und stellt fest: Der jugoslawische Diktator benötigte damals noch gar keine Sehhilfe – Tito sah scharf.

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Der Theaterfrau Adriana Altaras gelang mit „Titos Brille“ ein Bestseller. Nicht nur ihre persönlichen Erlebnisse berührten, auch die Geschichte der Nachkriegskinder erzählte sie, ohne dabei den Humor zu verlieren. Nun also ein Dokumentarfilm – nach einem Roman? Klingt abenteuerlich. Doch „Titos Brille“ ist ein authentischer Erkundungstrip zu den Wurzeln einer viel Herumgekommenen. In drei Wochen bereiste das Drehteam, in Gießen beginnend, sechs Stationen. In der slowenischen Sommerresidenz Titos, der Villa Bled, löst Altaras das Brillenmysterium auf. Am Grabe ihres Großvaters in Zagreb erwägt sie, den von Christen umkreisten umzubetten.

Altaras wirkt nicht, wie man erwarten könnte, darstellend. Ob sie selbstironisch flachst oder der Moment sie ergreift, stets sieht man einen Menschen, keine Figur. Böse Zungen könnten das als herausragende schauspielerische Leistung sehen. Pointierte Sprüche und bühnenreife jüdische Witze scheinen indes eher komödiantischem Talent geschuldet als bewusster Inszenierung.

Regisseurin Regina Schilling nimmt sich speziell der Partisanengeschichte an, rückt die Eltern mittels Fotos und Videoaufnahmen nach vorne. Die Protagonistin agiert weniger im Zentrum, sondern eher als Medium der Erzählung. So lässt sich die Historie besser greifen, ein Einzelschicksal prägt sich stärker ein als das ganzer Völker. Schilling und Altaras gelingt mehr als nur eine launige Ergänzung. Und sie inspirieren ­dazu, den Geheimnissen der eigenen Sippschaft nachzujagen.

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