Spielt eine sensationelle Saison: Annett Kaufmann Foto: IMAGO/Jürgen Kessler

Annett Kaufmann wird in Helsingborg völlig überraschend U-19-Weltmeisterin – an ihrem Ziel ist die ehrgeizige Tischtennisspielerin aus Bietigheim-Bissingen aber noch längst nicht angekommen.

Annett Kaufmann ist jung, voller Energie, selbstbewusst. Sie spricht gerne über sich und ihr Leben, das sie rege mit ihren 50 000 Instagram-Followern teilt. Allerdings hat die 18-jährige Tischtennisspielerin aus Bietigheim-Bissingen auch etwas zu erzählen, erst recht nach ihrem letzten großen Auftritt: In Helsingborg wurde Annett Kaufmann als erste Athletin, die nicht aus Asien stammt, U-19-Weltmeisterin. „Das fühlt sich surreal an“, sagte das deutsche Supertalent, weshalb Richard Prause ihr bei der Einordnung dieses Erfolges gerne geholfen hat. „Dieser Titel“, meinte der Vorstand Sport des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), „ist etwas ganz Herausragendes.“ Das zeigt schon ein Blick auf die Liste der Siegerinnen.

 

Dort stehen Namen wie Ding Ning (2005), Chen Meng (2011), Wang Manyu (2014, 2015) oder Sun Yingsha (2017) – diese Chinesinnen haben es anschließend auch bei den Frauen an die Weltspitze geschafft, holten Gold bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Von Medaillen bei Großereignissen träumt Annett Kaufmann ebenfalls, zugleich ist sie allerdings realistisch genug, um zu wissen, dass der Weg dorthin noch weit ist. Die Richtung jedoch, da ist sie sich sicher, stimmt. „Das ist nur ein Erfolg und nicht mein finales Ziel“, sagte die neue U-19-Weltmeisterin in Helsingborg, „ich habe ein kleines Ausrufezeichen gesetzt, das mir Hoffnung gibt, auch in der Zukunft zu den Topspielerinnen zu gehören.“ Denn dafür muss die Entwicklung ja eigentlich nur so weitergehen wie zuletzt.

Durchbruch bei den Olympischen Spielen in Paris

Annett Kaufmann, die schon als 13-Jährige zum Bundesligisten SV Böblingen wechselte, hat turbulente Monate hinter sich. Erst gab ihr Club den Rückzug aus der ersten Liga bekannt, dann machte sie Abitur und wurde für die Olympischen Spiele nominiert – als Ersatzfrau. Anschließend schlug das Verletzungspech zu, plötzlich war sie in Paris die Nummer eins des deutschen Teams, das sie mit Weltklasse-Leistungen und einer 5:1-Bilanz völlig überraschend auf Platz vier führte. Es folgte mit Patrick Franziska EM-Bronze im Mixed, und nun krönte Kaufmann ihre außergewöhnliche Saison in Helsingborg, was auch Timo Boll imponierte. „Wow! Congrats“, schrieb der Superstar bei Instagram. Er weiß schließlich aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, gegen die Übermacht aus dem Reich der Mitte zu bestehen.

Tolle Bilanz in Paris: Annett Kaufmann Foto: dpa/Sven Hoppe

Seit 2003 gibt es U-19-Weltmeisterschaften, im Juniorinnen-Einzel gingen 18 Titel nach China, zwei nach Japan. Und nun einer nach Bietigheim-Bissingen. Im Finale traf Annett Kaufmann auf die Chinesin Zong Geman, die sich auf einer historischen Mission befand: Nach den Goldmedaillen im Doppel und Mixed wollte sie den WM-Hattrick perfekt machen, doch ihre Gegnerin aus Deutschland war noch stärker.

Kaufmann verspricht, weiterhin hart zu arbeiten

Annett Kaufmann, die zuvor schon mit der Waliserin Anna Hursey Bronze im Doppel geholt hatte, siegte 4:2. Nach ihrem Triumph ließ die Linkshänderin, die vor der WM mit Ellbogenproblemen zu kämpfen und deshalb eine Woche lang pausiert hatte, den Schläger fallen, sie schlug die Hände vors Gesicht und konnte kaum fassen, was ihr soeben gelungen war. „Ich bin überglücklich und sprachlos“, meinte sie, um kurz darauf den Blick schon wieder nach vorne zu richten: „Dieser Titel bringt sehr viel Motivation für die Zukunft. Ich werde hart weiterarbeiten, weil ich mein Ziel noch nicht erreicht habe.“

An Ehrgeiz und Einsatzwillen fehlt es Annett Kaufmann nicht, zugleich gefällt es den Verantwortlichen im Verband, dass sie nach ihrem Erfolg nicht in Euphorie verfallen ist. Denn eine Garantie dafür, dass die nun amtierende U-19-Weltmeisterin in ein paar Jahren die Elite der Frauen aufmischen wird, gibt es selbstverständlich nicht. „Wir haben bei der WM in Schweden deutlich gesehen, wie eng die Spitze im Nachwuchsbereich mittlerweile beieinander liegt“, erklärte DTTB-Sportvorstand Richard Prause, „unter dem Strich bleibt aber dennoch China weiterhin fraglos die dominierende Nation.“

Feier mit Pizza und Eis

Umso mehr freuten sich Annett Kaufmann (Gold) und ihre Teamkollegin Mia Griesel (Bronze), im Einzelwettbewerb dieser U-19-WM die asiatische Dominanz durchbrochen zu haben. Gefeiert hat das Duo seinen Triumph in einem italienischen Restaurant in Helsingborg mit Pizza und Eis, und in zwei Wochen wird es dann sogar noch ein bisschen festlicher: In Baden-Baden wird Annett Kaufmann bei der „Sportler des Jahres“-Gala mit dem „Team D-Award“ für ihre olympische Erfolgsgeschichte ausgezeichnet. Es ist die nächste Story, die in den sozialen Medien bestens laufen wird. Und es wird ziemlich sicher nicht die letzte sein.