Tischtennis Das gemeinsame Training bringt alle weiter

Von Andreas Klingbeil 

Hartmut Freund spielt leidenschaftlich gerne Tischtennis und trainiert deshalb wo und wann immer es geht. Foto: privat
Hartmut Freund spielt leidenschaftlich gerne Tischtennis und trainiert deshalb wo und wann immer es geht. Foto: privat

Der geistig behinderte Hartmut Freund trainiert regelmäßig bei der KSG Gerlingen und dem TSV Korntal mit. Bei Weltranglistenturnieren belegte er mehrfach Podestplätze, für den TTC Bietigheim-Bissingen spielt er in der Kreisliga.

Gerlingen/Korntal-Münchingen - Er ist aus dem Trainingsbetrieb schon gar nicht mehr weg zu denken. Seit einem Jahr mischt der Bietigheimer Hartmut Freund bei der KSG Gerlingen mit. Auf der Suche nach weiteren Trainingsmöglichkeiten schloss er sich mit Beginn dieser Saison auch noch dem TSV Korntal an. Weitere Einheiten absolviert er bei seinem Heimatverein TTC Bietigheim-Bissingen, für den er in der Kreisliga auch um Punkte spielt, sowie beim TSV Schmiden. Der geistig behinderte Leistungssportler gehört darüber hinaus dem Leistungskader des württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbands (WBRS) an und blickt auf das bisher erfolgreichste Jahr seiner Laufbahn zurück. „Beweglich, konzentriert auf den Punkt und sehr schnell am Tisch,“ erinnert sich KSG-Chefcoach Wilfried Fischer an seine ersten Eindrücke aus den Trainingseinheiten.

Beim Weltranglistenturnier in Ostrau/Tschechien sicherte sich Freund den Bronze-Platz in der Zweier-Mannschaftskonkurrenz gemeinsam mit seinem belgischen Partner Florian van Acker. Zuvor hatte er Silber und Bronze bei Weltranglistenturnieren des Tischtennis-Weltverbands ITTF in Slowenien und Italien gewonnen. Zweimal Gold und einmal Bronze schlugen bei den deutschen Meisterschaften in den Startklassen 11 (geistige Behinderung) und AB (allgemeine Behinderung) zu Buche. „Die Vorbereitung in der Gerlinger Trainingsgruppe hat einen erheblichen Anteil an seiner aktuellen Spielstärke“, sagt Norbert Freund, Bruder und Betreuer bei allen internationalen Auftritten.

Hartmut Freunds Weg in die Trainingsgruppe der KSG Gerlingen begann im Oktober 2012. „Wir haben eine zusätzliche Trainingsmöglichkeit gesucht. Da wurde uns die KSG empfohlen, und wir sind von Anfang an sehr gut aufgenommen worden,“ schildert der Vater.

Einer der ersten, der mit ihm spielte, war Carsten Pipper, Mitbegründer der Trainingsgruppe. „Es ist ihm egal, ob er gerade der Trainierende ist oder der Zuspieler, er spielt jede Übung mit höchster Disziplin,“ beschreibt Pipper seine Erfahrungen nach den gemeinsamen Einheiten im Sommer. „Er kann Dich an Deine Grenzen bringen. Und wenn er dann lächelt und sich über den Ballwechsel freut, dann weißt Du – der Mann ist zurecht international ganz vorne dabei.“

In Korntal kam der Kontakt über Friedemann Wagner zustande. Der Spieler der ersten Mannschaft hatte krankheitsbedingt bei den Deutschen Meisterschaften für Behinderte in Neuenstein teilgenommen – er gewann den Titel in der offenen Klasse – und dabei Hartmut Freund kennen gelernt. Inzwischen steht der Bietigheimer immer mittwochs beim TSV am Tisch. Wagner: „Das ist für uns alle eine neue Erfahrung. Er hat eine ganz besondere Aura und ist bei allen akzeptiert.“ Freund trainiert nicht nur mit Friedemann Wagner, sondern auch mit den Spielern von zweiter und dritter Mannschaft. „Vor allen Dingen die systematischen Übungen liegen ihm“, sagt Wagner.

Auch in Gerlingen ist der 45-Jährige voll integriert. Ob es Jugendliche sind, die einen zuverlässigen Zuspieler brauchen, oder die Aktiven, die bei einer Technikübung auf punktgenaue Ballwechsel angewiesen sind – alle profitieren gleichermaßen. Und Freund zeigt seine Freude und seinen Ehrgeiz bei jedem Ballwechsel, setzt jeden noch so kleinen Hinweis der Betreuer um. Chefcoach Wilfried Fischer hat sich vorher über die Arbeit mit dem Bietigheimer genau informiert: „Für ihn wurde ein besonderes Vokabular erarbeitet, um bestimmte Bewegungsabläufe anzusagen. Das konnten wir natürlich sofort verwenden und darauf aufbauen.“

Grenzen? Gibt es in der Arbeit mit dem Bietigheimer nicht. „Wir brauchen keine Übung speziell auf ihn auszurichten,“ sagt Fischer, der die Zusammenarbeit mit Hartmut Freund und seinem Betreuerstab „als ganzheitliche Bereicherung für alle“ bewertet: „Inklusion ist zurecht ein wichtiges gesellschaftliches Ziel und auch einer der Grundwerte unseres Vereins KSG Gerlingen, den wir mit dieser Trainingsgemeinschaft aktiv umsetzen.“

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