Mit speziellem Werkzeug rücken die Helfer dem Ampfer zu Leibe. Foto: Lerchenmüller

In Tirol können Touristen mit freiwilliger Arbeit zum Erhalt der Almen beitragen - indem sie Unkraut jäten, Jungbäume pflanzen oder Steige anlegen.

Mayrhofen - Der Ampfer ist ein zäher Bursche. Er treibt seine Pfahlwurzel tief in die Erde, setzt sich fest am steilen Hang. Die Kühe verschmähen seine sauren Blätter, und so rückt er weiter vor auf der Almwiese, verdrängt Gras und Kräuter. Damit muss es ein Ende haben - zumindest auf diesem Wiesenstück der Thaurer Alm im Naturpark Karwendel in Tirol. Die Mitglieder der Anti-Ampfer-Brigade sind angerückt.

Felix sticht die Spezial-Gabel mit den zwei langen Zinken dicht an der Pflanze in die harte Erde. Immer wieder setzt er von verschiedenen Seiten an, gräbt und lockert, während Kollegin Julia an der Pflanze zerrt und rüttelt. Mit energischem Ruckeln zieht sie den mächtigen Wurzelstock heraus, hält ihn triumphierend hoch und schleudert ihn, unter dem Beifall aller, auf einen stetig wachsenden Haufen. Ab und zu gönnen sich die Arbeiter einen Blick tief hinunter ins Inntal, wo sich Wiesen und Felder zu einem grünen Patchwork verweben und im Dunst die Hochhäuser von Innsbruck zu sehen sind.

Touristen sollen die Arbeit der "Alm-Putzer" übernehmen

Als auch der letzte Ampfer ausgerupft ist, schreitet Sven wie ein biblischer Sämann über die Almwiese. Er streut mit großer Geste „auf Ampferfreiheit kontrollierten“ Grassamen aus, auf dass demnächst eine saftige Bergwiese das liebe Vieh beglücke. So machten das die Bauern hier oben schon immer. Demnächst aber sollen auch ganz normale Touristen die Arbeit der „Alm-Putzer“ für ein paar Tage übernehmen: „Volunteering“ heißen die Projekte, bei denen Besucher Almweiden „schwenden“, also von Unkraut befreien, Jungbäume pflanzen oder einen Steig anlegen. Der nächste Einsatzort liegt am hinteren Ende des benachbarten Naturparks Zillertal. Diesmal geht es hinauf auf die Elmsalm in 1800 Meter Höhe.

Fred Kreidl, der Obmann der dort zuständigen Agrargemeinschaft, hat den Naturschutzplan für die Alm mitgebracht. Darin hat ein Vegetationsökologe festgelegt, welche Flächen in welchen Zustand zurückversetzt werden sollen: „Wiederherstellen der Magerweide“ lautet die Aufgabe. Die Freiwilligen schultern das Werkzeug und wandern 500 Meter hinüber zum Einsatzgebiet, wo Latschen, also Bergkiefern, am Boden entlangwachsen und die Wiesen zuwuchern. Den motorisierten Freischneider, eine Art waagrechte Kreissäge am Stil, bedient der Chef selbst. Die Helfer bekommen Harken, Ast- und Baumscheren in die Hand gedrückt. Sie kappen Äste, die Fred Kreidls Motorsäge nicht erreicht, und räumen die abgeschnittene Zweige zusammen. Fred schwitzt in seiner wattierten Schnitthose. Ohne übermäßige Anstrengung arbeitet die Gruppe einiges weg. Auf rund 50 Quadratmetern sind die Latschen am Ende verschwunden und haben Platz gemacht für Alpen-Anemonen, geflecktes Knabenkraut, Bitteres Kreuzblümchen und Pyramiden-Günsel.

„Rein ökonomisch betrachtet, rechnet es sich nicht“

Mittags bringt deftige Bauernkost die verlorene Energie zurück: Freds Frau Elfriede serviert Suppe mit Tiroler Knödeln, er selbst lässt es sich nicht nehmen, in der Eisenpfanne das Melkermus aus Milch, Mehl und Salz anzurühren. Dazu gibt es Preiselbeeren. In den letzten Jahren war immer mal wieder ein Freiwilligen-Team für eine Woche auf der Alm, und die Kreidls schätzen deren Arbeit sehr. Aber ist es eigentlich sinnvoll, die bedrohten Almwiesen unbedingt offen halten zu wollen? Könnte man sie nicht einfach zuwachsen lassen? „Rein ökonomisch betrachtet, rechnet es sich nicht“, sagt Fred Kreidl.

„Es geht aber vielmehr darum, dass wir eine seit Jahrhunderten gepflegte Kulturlandschaft erhalten müssen.“ Das abwechslungsreiche Mosaik aus Gebüsch, Wiesenstücken und freiem Fels mache die Landschaft hier oben aus. „Und das ist auch genau das, was die Touristen in den Bergen sehen wollen.“ Deshalb zahlen EU und andere Behörden ordentliche Beihilfen an diejenigen, die die Knochenarbeit an steilen Hängen erledigen. Zwischen Latschenschwenden, Ampferstechen und Steinelesen bleibt genügend Zeit, etwas tiefer in die Geschichte und den Alltag des Zillertals einzutauchen.

Im Naturparkhaus in Ginzling kann man sich auf die Spur einer verschwundenen Expedition begeben und Einheimische auf dem Bildschirm von der Bergwacht, der Herstellung von Kaspressknödeln und dem Verschwinden der kleinen Läden erzählen lassen. Im Lengauhof melkt Thomas Kern zehn Kühe, die tatsächlich noch richtige Hörner haben, und seine Frau Brigitte erklärt, wie die vierköpfige Familie von den Erträgen aus Bio-Quark und Heumilchkäse ganz gut lebt. Und in Brandberg konstatiert Altbürgermeister Hermann Thanner, dass die Zuschüsse der EU das Problem Almpflege nicht lösten, weil die Jungen „den Bezug zur Sense“ verloren hätten. „Und ohne die geht es halt nicht da oben.“ Kann ein Touristen-Einsatz wirklich helfen, dieses Ende abzuwenden? Einer der Freiwilligen meint, dass es zumindest den Versuch wert ist, „der Natur etwas zurückzugeben“.

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Infos zu Tirol

Anreise
Mit der Bahn von Stuttgart über München und Innsbruck nach Hall (2-3 Stunden), www.bahn.de . Mit dem Auto auf der A 8 Richtung Salzburg bis Rosenheim, dann A 12 Richtung Innsbruck. Abfahrt B 169 ins Zillertal oder Hall (Karwendel).

Übernachten
Das Garten Hotel Maria Theresia liegt etwas außerhalb des malerischen Städtchens Hall, Reimmichlstr. 25, A-6060 Hall, www.gartenhotel.at , (DZ/F ab 124 Euro).

Einfach, aber sauber und schön wohnt man im Gasthof Ebner, Karl-Zanger-Str. 17, A-6067 Absam, www.gasthofebner.at , (DZ/F ab 68 Euro).

Im Landgasthof Bogner am Fuß des Karwendel lustwandelte schon die Mutter von Kaiser Franz-Joseph I. Das Hotel aber wurde längst stilsicher und modern renoviert. Walburga-Schindl-Str. 21, Absam, www.hotel-bogner.at , (DZ/F ab 125 Euro)

Essen und Trinken
An einen Tisch ohne Knödel setzt sich der wahre Tiroler nicht. Und ob Kaspressknödel, Spinatknödel, Speckknödel, Grammelknödel oder ein süßer Topfenknödel - sie schmecken einfach. Und „a Schnapserl“ gehört natürlich auch dazu. Lokal und exzellent: Meisterwurzbrand.

Probieren kann man das alles etwa im Gasthof Perauer in Mayrhofen, www.perauer.at , im Gasthof Karlsteg in Ginzling, www.karlsteg.at , oder auf der Thaurer Alm, www.thaureralm.at.

Freiwilligenprojekte
Die Angebote für die Freiwilligenprojekte in Tirol finden sich auf der Internetseite www.tirol.at/volunteering . Beispiel: Wanderalm - Steig anlegen, 14. bis 17. August, Alpenpark Karwendel, Hall in Tirol, www.karwendel.org , Preis 251 Euro pro Person, 3 ÜF.

Allgemeine Informationen
Naturparkhaus Zillertaler Alpen, www.naturpark-zillertal.at. Tirol Info, Maria-Theresien-Str. 55, A-6020 Innsbruck, www.natur.tirol.at.

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