In der zweiten Lebenshälfte verändert sich viel. (Symbolbild) Foto: Unsplash

Der Beruf verlangt viel, die Kinder verlassen das Haus, die Eltern sterben – es droht die berüchtigte Krise in der Mitte des Lebens. Doch gerade die zweite Lebenshälfte kann erfüllend sein.

Stuttgart - Der Beruf verlangt viel, die Kinder verlassen das Haus, die Eltern sterben – es droht die berüchtigte Krise in der Mitte des Lebens. Doch gerade die zweite Lebenshälfte kann erfüllend sein.

 

Frau Kutz, der kanadische Psychoanalytiker Elliot Jaques hat 1957 den Begriff der Midlife-Crisis geprägt, also der Krise in der Mitte des Lebens. Was verstehen Sie darunter – und wie erkennt man sie?

Vorab muss man erstmals sagen, dass die Midlife-Crisis keine psychische Erkrankung ist, sondern eine Sinnkrise. Sie tritt im Alter zwischen 45 und 60 Jahren auf. Studien zeigen, dass diese Talsohle ein universelles Problem darstellt. Diese Zeit ist geprägt von großer Unzufriedenheit, oft verbunden mit dem Wunsch nach tief greifenden Veränderungen. Immer mehr verdichtet sich der Gedanke: Ich habe das Meiste schon erreicht – im Beruf gibt es keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr, das Haus ist gekauft und die Partnerschaft oft nur noch Routine. Hinzu kommt die plötzliche Erkenntnis, dass Gesundheit nichts Selbstverständliches ist und man bereits die Hälfte seiner Lebenszeit überschritten hat. Etwas Neues oder Aufregendes, keine Herausforderungen sind mehr in Sicht. Sinnfragen tauchen auf: War das jetzt schon alles? Oder soll das jetzt die nächsten 20 Jahre so weitergehen?

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Bei Frauen bedeutet diese Zeit oft auch der Beginn der Wechseljahre. Gravierende hormonelle Umstellungen bergen ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. So begann die Geschichte der Midlife-Crisis auch mit der Frauenbewegung in den 1970er Jahren. Die Journalistin Gail Sheely machte die Krise bekannt als ein Konzept, das auf Frauen und Männer gleichermaßen zutrifft. Frauen jedoch tauschen sich besser aus, pflegen langjährige Freundschaften und kommen so besser durch die Krise. Dabei leiden sie aber stärker unter äußerlichen Veränderungen wie Gewichtszunahme, Veränderung der Haut, erste graue Haare und anderem. Tatsächlich gibt es laut Riad Romanos vom Männergesundheitszentrum in Berlin bei Männern eine Art Klimakterium vivile, eine Art männlicher Wechseljahre. Der Testosteronspiegel sinkt. Die Folgen: Schwächegefühl, Reizbarkeit, innere Unruhe, Potenzstörungen oder Schweißausbrüche. Dabei pflegen sie weniger Kontakte und leiden mehr unter der sinkenden Leistungsfähigkeit.

Sehen Sie eher eine Krise oder eine Chance?

Ich sehe auch eine Chance: Die Rückbesinnung auf sich selbst. Was ist wirklich wichtig im Leben?

Und wie funktioniert die Rückbesinnung?

Dazu gehören Überlegungen wie: Was macht mich als Person aus? Und dazu gehören Soft Skills wie Humor, ein guter Zuhörer sein, andere gut motivieren, tolerant und aufgeschlossen sein, viel Wissen angesammelt haben, gut organisieren, naturverbunden und tierlieb sein. Das Aufgeben von Illusionen ist dabei eine wichtige Entwicklungsaufgabe des mittleren Alters. Wer nie desillusioniert wurde, hat nie die Chance durchzustarten und etwas Neues anzufangen. Der Philosoph Kieran Setiya vom MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, sagt dazu: „Du solltest an deine Aktivitäten anders herangehen, statt telisch atelisch“. Das hat nichts mit Theologie oder Gott zu tun, sondern mit „telos“, dem griechischen Wort für Ziel. Das heißt nicht mehr in Zielen und Zwecken zu denken, sondern die Aktivitäten selbst zu genießen. Zum Beispiel mit Freunden und Familie Zeit zu verbringen, in der Gegenwart zu leben.

Wie kommt man am besten durch die Krise?

Dabei hilft es, sich bewusst zu machen, dass diese Krise zeitlich begrenzt ist und dass die Lebensspanne zwischen 55 und 75 genauso lang ist wie diejenige zwischen 20 und 40. Die Kurve von Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden verläuft u-förmig. Die Menschen können in hohem Lebensalter wieder das Gute sehen, sie schätzen, was sie erlebt haben und noch erleben können. Die Zufriedenheit nimmt zu. Es sind dann die kleinen Veränderungen, die glücklich machen – ohne gleich das ganze Leben umzukrempeln. Auch eine Begegnung mit einem Menschen, der einem neue Perspektiven eröffnet, kann hilfreich sein.

Wann macht ein radikaler Bruch Sinn?

Eher selten. In Lebens- und Sinnkrisen sollte man keine weitreichenden Entscheidungen treffen, weil die Urteilsfähigkeit, was die eigene Situation angeht, oft negativ verzerrt beziehungsweise getrübt ist. Eine Ausnahme sind Konflikte, die schon jahrelang da sind und deren Beginn schon vor der Midlife-Crisis lagen. Das betrifft zum Beispiel jahrelanges Mobbing am Arbeitsplatz, oder persönliche Konflikte mit bestimmten Menschen, die nie gelöst werden konnten – das sind Konflikte, die Menschen auch psychisch krank werden lassen. Von heute auf morgen einfach so den Job aufgeben oder ins Kloster zu gehen, ist selten ratsam.

Wie gehe ich in einem gewissen Alter mit Anforderungen um?

Wichtig ist ein veränderter Blickwinkel, zum Beispiel zum Thema Arbeit. Wenn möglich sollte mehr delegiert oder jüngere Kollegen mit eingebunden werden. Anstelle von purem Aktionismus und Perfektionismus sollte man kommunizieren, wenn man sich überlastet oder überfordert fühlt. Und man sollte offenbleiben für Neuerungen. Dabei hilft auch eine neue Sichtweise: weniger „besser, schneller oder mehr“, sondern „gut genug“.

Was können Sie Betroffenen empfehlen?

Vielfach hilft es, den Blick nicht nur auf sich selbst zu lenken und sich ausschließlich mit sich zu beschäftigen, sondern auch auf andere zu schauen. Ideal dafür ist es etwa, ein Ehrenamt zu übernehmen, wo man seine Fähigkeiten und sein Wissen einbringen kann. Dann gilt es, Änderungen in der Lebensweise vorzunehmen: Bewegung und Sport, eine gesunde Ernährung, oder doch noch mit dem Rauchen aufhören und den Alkoholkonsum einschränken. Aber alles in Maßen: Das Leben soll Spaß machen und als lebenswert empfunden werden. Wichtig ist auch das Pflegen sozialer Kontakte und der Austausch mit anderen, die anscheinend in der gleichen Krise stecken. Und es gibt ja auch Beratungsgespräche oder eine Therapie beim Psychotherapeuten oder Psychologen.