Martina Nachbauer coacht Frauen, die sich als hochsensibel empfinden. Foto: Julia H. Fotografie

Hochsensible reagieren stark auf Stress und große Gefühle. Wer lernt, damit umzugehen, kann daraus Stärke ziehen. Ein Betroffener und eine Coachin aus Stuttgart erzählen.

Er ist schnell innerlich aufgewühlt, oft leidet seine Leistungsfähigkeit. Er macht die Dinge gerne gründlich, dafür wird er viel gelobt, aber er braucht auch länger. Seine Therapeutin hat Patrick Mehlich (26) aus Stuttgart vor einigen Jahren auf Hochsensibilität aufmerksam gemacht, als er bei ihr wegen psychischer Probleme in Behandlung war.

 

Lange ist es ihm sehr gut gegangen, nun hat er zurzeit wieder mehr mit psychischen Beschwerden zu kämpfen, erzählt er. Seit einigen Monaten sei er wieder auf der Suche nach einem Therapieplatz. Die Ursachen sieht er nicht nur in seiner Hochsensibilität, aber diese sei ein großer Faktor in seinem Leben.

Patrick Mehlich ist dort, wo er sich am wohlsten fühlt: in der Natur. Foto: privat

Seit zwei Jahren ist er in einer Selbsthilfegruppe bei KISS Stuttgart. Dort beobachtet er ein differenziertes Bild: „Manche wollen ihre Hochsensibilität am liebsten loswerden, auch weil ihre Lebensqualität sehr darunter leidet.“ Die anderen haben zwar ihre Herausforderungen damit, möchten sie aber auf keinen Fall missen.

Patrick sieht seine Hochsensibilität eher als Geschenk: „Mehr Reize und damit Informationen zur Verfügung zu haben, ist ja erst mal ein Vorteil.“ Nach seinem Eindruck hilft es ihm, Menschen besser zu lesen, empathisch zu sein - und die schönen Dinge in der Welt intensiver fühlen zu können. Er selbst habe das Gefühl, sein Nervensystem sei aber schneller am Anschlag. „Ich brauche wohl noch etwas Übung, um nicht ständig überreizt zu sein, und muss mir mehr Ruhepausen erlauben als andere“, sagt Mehlich.

Licht und Lärm sind für viele Hochsensible eine Qual

Laut des Dorsch Lexikons der Psychologie ist Hochsensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal, keine Störung oder eine Krankheitsdiagnose. Kennzeichen dafür ist eine tiefere und intensivere Verarbeitung von äußeren Reizen wie Licht und Geräuschen, aber auch inneren Reizen wie Emotionen und Schmerz. Dies kann zu einer schnelleren Überforderung und einer höheren Stressanfälligkeit führen, aber auch zu mehr Empathie und Kreativität. Etwa 30 Prozent der Menschen haben eine hohe Sensitivität.

Zurück geht der Begriff auf die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron. Sie hatte Ende der 1990er Jahre nach einer Operation festgestellt, dass sie außergewöhnlich emotional auf diese reagiert hatte. Ärzte teilten ihr mit, sie habe keine psychische Störung, sondern sei „hochsensibel“. Sie schrieb mehrere Bücher zum Thema und entwickelte den ersten Fragebogen dazu.

Die Forschung ist noch uneins über die Hochsensibilität

Auch an der Universität Bochum forscht ein Team um Vanessa Lux in der Arbeitseinheit Genetic Psychology an dem Konstrukt Hochsensibilität. Ihre Studien zeigen: Menschen mit Hochsensibilität sind keine homogene Gruppe. Auch sei es eher ein Extrem auf einem Kontinuum. Das bedeutet: Menschen sind nicht entweder hochsensibel oder gar nicht.

Hochsensible leiden laut den Forschern mehr unter „Arbeitsüberlastung, sozialer Überlastung und Erfolgsdruck“. Auch wählten sie sogenannte Copingstrategien, die eher auf Reizvermeidung, Entspannung und sozialen Rückzug zielen.

Martina Nachbauer aus Stuttgart hat vor einigen Jahren ihr Leben grundlegend verändert, um der ständigen Überlastung und Erschöpfung zu entkommen. In ihren Praxisräumen im Stuttgarter Westen erzählt sie, sie habe immer das Gefühl gehabt, alles um sich herum gleichzeitig wahrzunehmen. Fällt jemandem eine Jacke herunter, registriert sie es sofort, auch wenn sie sich gerade auf ein Gespräch mit ihrer besten Freundin konzentriert. „Wir Hochsensiblen analysieren alles bis ins Kleinste“, sagt sie.

Hochsensible haben andere Bedürfnisse

Smalltalk sei für sie nahezu eine Qual. „Wir haben andere Bedürfnisse als viele Menschen in unserer Gesellschaft“, sagt Nachbauer. Weihnachten in der Großfamilie? Pure Reizüberflutung. Sie feiert lieber ruhig – nur mit ihrem Mann und ihren zwei Hunden.

Ihr Rat für die Festtage: Einen Mittelweg finden zwischen Familienleben und Rückzug, den Anspruch aufzugeben, alles müsse perfekt sein. Und: „Auch an Weihnachten darf man zur Familie Nein sagen.“ Viele Hochsensible hätten sich angewöhnt, „nicht zu viel zu sein“. Sie zögen sich oft zurück, aus einem Wunsch nach Harmonie – häufig stecke da aber auch ein geringer Selbstwert dahinter.

Dass sie heute so klar weiß, was ihr guttut, war ein langer Prozess. „Ich habe 30 Jahre lang gegen mich selbst gearbeitet, Gefühle weggedrückt und versucht, immer perfekt zu sein“, sagt sie. Die Folgen: Erschöpfung, Überreizung, schließlich sogar Suizidgedanken. Dann kam der Zusammenbruch, von einem Tag auf den anderen.

Nachbauer kündigt ihren Job und macht sich mit einer Werbeagentur selbstständig. Der Plan: weniger zu arbeiten. Doch der geht nicht auf. Auch sie stößt erst in einer Therapie auf das Konzept der Hochsensibilität – und erkennt sich in jeder Zeile wieder. Zum ersten Mal empfindet sie sich nicht mehr als „die Heulsuse“, sondern verstanden. Heute coacht sie in ihrer Praxis „Wenderock“ weibliche Führungskräfte, die sich als hochsensibel einschätzen.

Neue Forschung: Hochsensibilität ist nicht nur Verwundbarkeit

Lange stand in der Forschung über Hochsensible der vulnerable Aspekt im Vordergrund. Sie galten als zarte Pflänzchen, zu sensibel für die Welt, mit dem Gefühl, wie ein Pinguin in der Wüste zu sein.

Wie empfindsame Menschen sich entwickeln, hängt jedoch stark vom Umfeld ab, in dem sie aufwachsen. Studien von englischen und italienischen Forschern zeigen, dass gerade hochsensiblere Menschen stärker von positiven Erfahrungen profitieren als „Normalsensible“.

Lange habe man sich in der Forschung auf die vulnerablen Aspekte der Hochsensibilität konzentriert, sagt Michael Pluess, Professor für Entwicklungspsychologie an der britischen Universität Surrey. Inzwischen wisse man, dass Menschen mit einer hohen Sensitivität nicht nur verletzlicher, sondern auch empfänglicher für positive Einflüsse und Reize sind. „Wir haben ein neues Konzept dafür entwickelt – „Vantage Sensitivity“ – weil wir festgestellt haben, dass es bisher keine Theorie gab, die erklärt wieso gewisse Menschen stärker auf Positives ansprechen“, sagt er.

Wie das Umfeld Hochsensibilität formt – und wann sie zum Vorteil wird

Man habe auch herausgefunden, dass Hochsensibilität nicht eindimensional sei, sondern je nach genetischer Veranlagung und früheren Umwelterfahrungen unterschiedliche Formen annehmen könne, sagt Pluess. So hätten Menschen, die man dem „Vantage-Sensitivity-Typ“ (von engl. advantage, deutsch: Vorteil) zuordnen könne, wenn sie in einer stabilen, zugewandten und fürsorglichen Umwelt aufwachsen, eine ausgeprägte Empfindlichkeit für positive Erfahrungen entwickeln – also wie eine Orchidee. Eine Pflanze, die zum Gedeihen bestimmte Bedingungen und Pflege benötigt.

Umgekehrt zeigt sich bei ähnlich sensiblen Menschen, die unter widrigen Bedingungen groß werden, eher eine Ausrichtung auf Bedrohungen und Stressoren. Unterschiedliche Umwelten formen damit unterschiedliche Sensibilitätstypen – und erklären, weshalb hohe Sensibilität sowohl als Belastbarkeit als auch als besondere Stärke sichtbar werden kann, sagt Pluess.

Ruhe und Natur helfen am besten gegen die Reizüberflutung

Patrick Mehlich hat ein paar Strategien für sich gefunden, um besser mit seiner Hochsensibilität umzugehen. „Ich jogge, ich jogge wie ein Weltmeister“, sagt er und lacht. Er sei gerne in der Natur – der Herbst mit seinen bunten Farben und den „schönen Reizen“ hat es ihm angetan – doch manchmal hilft nur Rückzug. Dann schottet er sich von jeglichen Reizen ab, sitzt einfach nur da und versucht zur Ruhe zu kommen.

In seiner Berufswahl fiel die Entscheidung auf einen Beruf im Kreativsektor, bei dem er die Stärken seiner Hochsensibilität einbringen kann. Aber nicht alles sei einfach: Unsere moderne Welt orientiere sich stark an nackten Zahlen, alles solle noch schneller und noch günstiger gehen, im Zweifel zulasten der Qualität, sagt Mehlich.

„Gründlichkeit, Tiefgang und Emotionen sind immer weniger gefragt – und mehr Erholungspausen erst recht nicht“, glaubt er. Dabei täten doch genau diese Dinge der Welt gut. „Anstatt dass wir uns an eine unsensible Welt anpassen, wäre es für alle in unserer Gesellschaft besser, wenn die Hochsensiblen ihren Bedürfnissen mehr Gehör verschaffen“, betont er.

Die Weihnachtszeit macht er sich zum Beispiel anders schön, er müsse ja nicht auf den Weihnachtsmarkt oder so gehen. Auch den Jahreswechsel verbringt er in gemütlicher Runde bei sich zu Hause.

Von sozialem Druck hat er sich gelöst.

Aktuelle Forschung und neuer Test zur Hochsensibilität

Leben
Michael Pluess ist Professor Entwicklungspsychologe an der britischen Universität Surrey und einer der führenden Autoren auf dem Gebiet der Umweltsensitivität. Er hat Beiträge zu Theorien der Umweltsensitivität entwickelt und leitet mehrere Forschungsprojekte zum Thema Sensitivität/ Hochsensibilität.

Test
Pluess und sein Team bieten ein kostenloses Online Training für Lehrer und Eltern von hochsensiblen Kindern an. Interessierte können sich selbst auf Hochsensibilität testen unter https://sensitivityresearch.com/de/selbsttests/test-fuer-erwachsene/. (nay)