Seltsame Stimmung an den Weihnachtsfeiertagen? Muss nicht sein. Eine Szene aus "Loriot: Weihnachten bei Hoppenstedts" Foto: WDR

Weihnachtszeit ist Familienzeit. Ein interessantes Gespräch mit den Verwandten zu führen ist aber oft gar nicht so einfach. Der Münchner Kommunikationspsychologe Stephan Lermer erklärt, wie es doch noch gelingen kann.

Stuttgart - Tante Rita erzählt seit Jahren nur von ihren Gebrechen, Cousin Dirk will sich gar nicht unterhalten. Und man selbst? Langweilt sich seit Stunden. Das muss nicht sein: Standardformulierungen aus der Psychotherapie können dabei helfen, ein interessantes Gespräch zu beginnen, so der Psychologe Stephan Lermer.

Herr Lermer, an den Weihnachtsfeiertagen kommt bei vielen traditionell die Großfamilie zusammen. Dabei kommt allerdings nur selten ein Gespräch zustande, das über die Themen Beruf, Gesundheit, Familie oder gemeinsame Bekannte hinausgeht. Woran liegt das?
Weihnachten trifft man sich oft in einer Konstellation, in der man sonst vielleicht das ganze Jahr über nicht zusammenkommt. Da treffen die verschiedenen Generationen aufeinander, kommen weiter entfernte Verwandte und Bekannte zusammen, die sich sonst nie sehen. Das ist eben nicht wie ein Treffen unter Freunden: Man hat sich die Verwandten nicht ausgesucht, muss aber ein Leben lang mit ihnen auskommen. Und in der Regel will man den Kontakt ja auch nicht abbrechen – wir haben den evolutionären und auch den kulturellen Auftrag, den Umgang mit unseren Verwandten zu pflegen.
Wieso aber bleibt es in diesem Kreis vor allem beim Smalltalk? Es zwingt einen ja niemand dazu, übers Wetter zu reden.
Da schwingt die Angst mit, sich eine Kluft vor Augen zu führen – festzustellen, dass es mehr Trennendes als Verbindendes zu den Familienmitgliedern gibt. Der Mensch strebt sozial dahin, Gemeinsamkeiten mit anderen zu finden, um Ängste aufzulösen und Vertrauen zu entwickeln. Darüber hinaus bleibt man oft reflexhaft beim Smalltalk, um niemanden vor den Kopf zu stoßen – und lässt eher heikle Themen, die zu heftigen Diskussionen führen könnten, wie Gesundheit oder Krankheit, politische Meinungen oder das Gehalt, beiseite. Sonst landet man schnell bei Reizthemen, bei denen die Menschen mit ihrem Herzblut dahinterstehen und, wenn sie sich angegriffen fühlen, ihre persönliche Ehre verteidigen wollen. In einer solchen Situation greift gerne der Gastgeber oder die Gastgeberin ein und sagt: „Kommt, wir möchten doch alle einfach nur nett miteinander feiern. Jetzt schaut einmal den schönen Christbaum an.“
Eine lebhafte Diskussion lässt sich also nicht so leicht beim Weihnachtsessen führen?
Viele Menschen – gerade die Generation meiner Eltern – wurden noch nicht damit konfrontiert, dass unterschiedliche Meinungen auch zielführend sein können. Sie sagen gerne: „Ich bin halt so“ und „Ich kann nicht anders.“ Wenn Verschiedenartigkeiten auftreten, ist das für sie gleich ein Problem, das zum Streit führen könnte. Erst die jüngere Generation sagt: Feedback muss nicht gleich Kritik sein – das ist erst einmal eine Sichtweise und kein Angriff.
Wie schafft man es dann, zum Beispiel als Enkel ein gehaltvolles Gespräch mit der Großmutter anzufangen?
Am besten setzt man sich in einer ruhigen Minute zur Großmutter. Die Unterhaltung kann man anfangen, indem man sagt: „Ich habe im Laufe des Jahres nachgedacht. Ich würde dich gerne einmal etwas Persönliches fragen.“ An dieser Stelle ist der Ich-Satz wichtig. Eine Ich-Formulierung heißt: Das ist meine Position. Es interessiert mich aber, was deine Position ist. Und dann sollte man Geduld haben. Die Großmutter ist wahrscheinlich überrascht. Auf diese Frage war sie nicht vorbereitet. Also muss man ihr ein bisschen Zeit geben. Und nach einer Weile wird man feststellen, dass sie gerne von sich erzählt. Wenn sie merkt: Da ist ein Mensch ist, der sich für ihr Leben interessiert. Dafür, wie sie Entscheidungen getroffen hat, wie ihr Leben früher aussah, was sie bewegt hat – zum Beispiel gerade diesen Menschen zu heiraten oder jenen Beruf zu ergreifen.
Wie fängt man ein Gespräch mit dem Cousin an, mit dem man lange nicht gesprochen hat?
Bei ungefähr gleichaltrigen Gesprächspartnern hat es sich bewährt, sich ans Klassentreffen zu erinnern: Man zeigt Interesse am anderen, muss aber gleichzeitig befürchten, dass rivalisiert wird. Daher sollte man zum Beispiel nicht unbedingt als Erstes erzählen, dass man sich gerade den zweiten Porsche gegönnt hat. Man möchte in dieser Konstellation ja keinen Neid erzeugen.
Was wäre ein guter Gesprächseinstieg?
Die Frage kann natürlich lauten: „Wie läuft’s denn so?“ Das ist aber sehr allgemein – da weiß der Gesprächspartner unter Umständen gar nicht, was er antworten soll. Soll er von seinem Klinikaufenthalt sprechen? Oder von seinem Jobwechsel? Deshalb sollte man lieber eine Frage stellen, die einen persönlich interessiert und bei der man vielleicht sogar Gemeinsamkeiten feststellen kann. Man kann zum Beispiel nach dem Sommerurlaub fragen. Und schon wird der andere freudig davon erzählen, weil jeder gerne von positiven Erfahrungen berichtet, bei denen er selbst ein wenig glänzen kann. Wenn man aber merkt: Man kommt mit einem Thema nicht vorwärts, der andere bleibt sehr sachlich oder verschlossen, dann kann man die Strategie ändern und etwas Persönliches von sich preisgeben. Man kann zum Beispiel erzählen, wie man etwa einen Konflikt im Beruf oder Partnerschaft auflösen konnte. Dann kann es gut sein, dass der andere sich ebenfalls öffnet.
Worauf sollte man dabei aus kommunikationspsychologischer Sicht achten?
Zum einen sollte man inhaltlich wissen: Was möchte ich eigentlich zielführend erreichen? Was möchte ich hinterher verbuchen können als Informationsgewinn? Darüber hinaus ist aber auch die Form wichtig: Dass man nicht mit der Tür ins Haus fällt, Ich-Sätze formuliert und Interesse zeigt, den anderen nicht mit Fragen löchert oder gar ängstigt oder verwirrt. Der Gesprächspartner sollte idealerweise den Eindruck haben, da ist ehrliches, von Herzen kommendes Interesse. Aktives Zuhören ist an dieser Stelle ein gutes Stichwort: Man stellt eine kurze Frage und ist dann still, hört sich an, was der andere zu sagen hat – ohne seine Aussage zu bewerten.
Hilft es, sich vorab Fragen zu überlegen – etwa: „Was hast du im vergangenen Jahr gelernt?“
Das bietet sich immer dann an, wenn man nicht weiß, was beim anderen aktuell los ist und was ihn am meisten beschäftigt. Bei meinen Therapiesitzungen habe ich mir angewöhnt zu fragen: „Was bewegt Sie eigentlich im Moment am meisten?“ Auch in einem nichttherapeutischen Gespräch kann man solche Standardformulierungen aus der Psychotherapie verwenden. In der Gesprächstherapie gibt es beispielsweise eine Strategie namens VEE – Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte. Dabei fragt man etwa: „Du, zuletzt haben wir uns ja bei der Beerdigung von Onkel Hermann gesehen – wie war das eigentlich für dich?“ Oder: „Wie geht es dir inzwischen mit der Tatsache, dass er nicht mehr da ist?“ Am besten ist es natürlich, man erinnert sich an ein gemeinsames Gespräch oder an ein schönes Erlebnis und geht speziell darauf ein. Das ist ein Ausdruck besonderer Wertschätzung.
 

Umfeld: Die Gesprächspartner sollten sich nicht gegenübersitzen, rät Kommunikationspsychologe Stephan Lermer: „Das würde eine Art Konfrontation darstellen, wie beim Schachspiel.“ Ihm zufolge sitzt man am besten über Eck. „Was sich außerdem bewährt hat: im Gehen zu reden“, sagt er. „Selbst Sigmund Freud hat bereits psychotherapeutische Gespräche während eines Spaziergangs geführt.“

Smartphone: Das Handy sollte man beiseite lassen. „Auf keinen Fall auf den Tisch legen und nicht nebenbei draufschauen“, sagt Lermer. „Und wenn es klingelt, nicht rangehen – es sei denn, man erwartet wirklich einen sehr dringenden Anruf.“

Psychologe: Stephan Lermer wurde 1949 in Garmisch-Partenkirchen geboren. Er arbeitet als Psychologe und Psychotherapeut in München. Von 1970 an studierte er Psychologie und Philosophie in Regensburg. Seit 1981 leitet er das von ihm gegründete Institut für Persönlichkeit und Kommunikation. Lermer hat eine Tochter.

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