Bis September will Madeleine Krenzlin mit dem Hausbau fertig sein. Foto: Gottfried Stoppel

Die 35-jährige Madeleine Krenzlin hat sich eine Auszeit genommen und baut ein winziges Haus auf Rädern. In das acht Meter lange und 2,50 Meter breite Tiny House passen Schlaf- und Esszimmer, Bad und WC, Küche sowie ein kleines Büro.

Winterbach - Das Grundgerüst steht seit vergangenem Wochenende. Auf einem leicht modifizierten Autoanhänger hat Madeleine Krenzlin eine Holzständerkonstruktion für ihr acht Meter langes und 2,55 Meter breites neues Zuhause gesetzt. Eine spezielle Membran umhüllt das winzige Häuschen mit seinem Pultdach.

Etwas mehr als 17 Quadrameter wird Madeleine Krenzlin in ihrem so genannten Tiny House zur Verfügung haben. Das ist in etwa die Größe eines normalen Schlafzimmers. Darauf werden nicht nur ihr Bett, sondern auch Bad und Toilette, eine Küche sowie ein Esszimmer ihren Platz finden. „Ich verbringe gerne Zeit mit Menschen, deswegen wollte ich einen großen Tisch“, erzählt die Winterbacherin.

Ein gut geplantes Haus passt zum Bewohner

Ein gut geplantes Tiny House drücke immer aus, was seinem Bewohner wichtig ist. Deswegen seien Ess- und Küchenbereich bei ihrem Modell relativ groß ausgefallen. „Zudem gibt es über der Küche eine Ebene mit einem Arbeitsplatz. Ich möchte nicht immer alle Bürosachen wegräumen müssen“, erläutert sie, die sich zudem eine Treppe hoch zur Schlafebene gegönnt hat. „Denn ich will nicht in mein Bett krabbeln müssen.“ Unter der Treppe: jede Menge Stauraum.

Was sich für andere nach beengtem Wohnen und ständigen Kompromissen anhört, ist für Madeleine Krenzlin die Erfüllung eines Traums. Wohnen auf kleinem Raum kennt sie schon aus ihrer Kindheit. „Ich habe drei Geschwister und wir haben als sechsköpfige Familie in einer Drei-Zimmerwohnung gelebt“ erzählt sie. Bereits damals habe sie sich zusammen mit ihrer Mutter Gedanken darüber gemacht, wie trotzdem jedes Kind genug Platz hat.

Tiny houses sind flexibel und finanziell erschwinglich

Auf das Wohnmodell Tiny House kam sie in Chile, wo sie einige Zeit gelebt hat. Seitdem hat sie sich immer wieder damit beschäftigt, auch als denkbaren Alterswohnsitz für ihre Mutter. „Ich finde die Flexibilität toll und den geringen finanziellen Aufwand. Ich glaube, dass ein Tiny House zu vielen Lebenssituationen passt.“ Wieder in Deutschland hatte die Energiemanagerin vor zwei Jahren gemerkt, dass sie in ihrem Beruf nicht mehr richtig zufrieden ist. Sie hatte das Gefühl, ein neues Projekt zu brauchen – und ging nach Amerika, zu einem Workshop des Tiny-House-Gurus Andrew Morrison. „Dort habe ich total Feuer gefangen. Alle Teilnehmer hatten diesen gemeinsamen Traum, das war eine unglaublich schöne Atmosphäre.“

So viel kostet ein Tiny House

Um mehr Praxis beim Bau eines Tiny House zu bekommen, arbeitete Madeleine Krenzlin danach bei einem entsprechenden Hersteller – immer samstags neben ihrem Vollzeitjob. Zudem half sie einem Freund beim Bau eines solchen Häuschens. „Das war genial. Ich habe dann mein eigenes Haus geplant und angefangen einen Blog darüber zu schreiben“, erzählt sie, die immer mehr Gleichgesinnte fand und für diese einen ersten Workshop mit Andrew Morrisson in Deutschland organisierte.

Seit dem vergangenen Sommer dreht sich ihr Leben fast nur noch um das Thema Tiny House. Ihren Job hat sie gekündigt, um sich voll und ganz dem Bau ihres Häuschens zu widmen. Dieses und ihre Auszeit finanziert sie mit Angespartem. Fertig gekaufte Modelle liegen bei etwa 60 000 Euro, selbst gebaut gibt es diese ab etwa 18 000 Euro. „Ich weiß noch nicht, wieviel meines kosten wird. Ich weiß nur, wieviel ich auf dem Konto habe“, sagt Madeleine Krenzlin und lacht. Dankbar ist sie dem Holzfachmarkt Videre aus Geradstetten, der ihr das Fichtenholz gespendet hat.

Beim Hausbau helfen Workshopteilnehmer

Vermutlich bis September soll ihr Tiny House fertig werden. „Ich habe mich mit dem Hersteller Christian Bock zusammengetan. Wir bieten Bauworkshops an, bei dem die Teilnehmer die einzelnen wichtigen Schritte kennenlernen – anhand meines Tiny House“, erzählt sie, die eine Werkstatt in Schorndorf gemietet hat. Dort wird es um den Rohbau, die Haustechnik und den Innenausbau eines Tiny House gehen.

Gleichzeitig berät sie Menschen, die mit dem Gedanken spielen, sich ein Tiny House anzuschaffen. Mittlerweile kann sie sich sogar vorstellen, sich damit selbstständig zu machen. Denn es werden immer mehr Interessenten: „Wohnraum ist knapp und teuer. Das Grundbedürfnis Wohnen kann nicht mehr so einfach gedeckt werden“, erzählt die 35-Jährige, die fest davon überzeugt ist, dass die Tiny Houses in dieser Situation eine Erleichterung schaffen können. „Ich habe die Vision, dass zum Beispiel jemand mit seinem Tiny House in den Garten von älteren Hausbesitzern zieht und diese unterstützt. Oder dass Tiny Houses eine Zeit lang auf brachliegenden, aber erschlossenen Baugrundstücken stehen können“, sagt Madeleine Krenzlin, die selbst noch keinen Platz gefunden hat.

Vor dem Einzug steht das Aussortieren

„Ich möchte aber auf jeden Fall versuchen, darin zu wohnen“, sagt sie. Bis zur Fertigstellung muss sie nicht nur ein geeignetes Grundstück finden, sondern sich auch darüber klar werden, was mit in ihr neues Heim ziehen soll. „Ich werde Klamotten aussortieren müssen. Am schwersten wird es aber vermutlich bei Erinnerungsstücken. Zum Glück habe ich noch eine Unterstellmöglichkeit.“

Mehr Infos über das Bauprojekt gibt es auf www.mytinyhouseproject.de.

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