Jacopo Tintoretto: „Die Anbetung der Könige“, um 1537/38, Öl auf Leinwand, 174 x 203 cm Foto: Museo Nacional del Prado

Köln feiert Tintorettos 500. Geburtstag mit einer spektakulären Ausstellung, die erstmals das ehrgeizige Frühwerk des Venezianers ins Visier nimmt.

Köln - Mit wehendem Mantel hechtet er herbei. Das Präsent in der ausgestreckten Hand, bricht der junge Mann ein ins Idyll, als wolle er nichts verpassen. Die beiden Kollegen stehen und hocken schließlich längst im Stall bei Maria und können das Christuskind sichtlich beeindrucken mit ihren Gaben. So bewegt wie in Tintorettos Gemälde hat man die „Anbetung der Könige“ selten gesehen. Und ähnlich energisch wie jenen jüngsten der drei Heiligen im Bild, stellt man sich den Maler selbst vor, als er um 1540 das Kunstparkett stürmt – eiligen Schrittes und ohne Rücksicht auf althergebrachte Bildtraditionen.

Dass der Künstler bei aller Vehemenz offensichtlich noch ein paar Schwierigkeiten hat, was die Größenverhältnisse und die Verteilung des Personals im Stall angeht, möchte man ihm nachsehen angesichts seines jugendlichen Alters von 18, vielleicht 19 Jahren. Die heute im Madrider Prado aufbewahrte „Anbetung“ ist das älteste erhaltene Gemälde jenes frühreifen Jacopo Robusti, der 1518 oder 1519 zur Welt kam und unter dem Namen Tintoretto eine große Karriere machen sollte. Sie eröffnet eine große Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, die in den 500. Geburtstag hineinfeiert. Erstmals gerät dabei das Frühwerk ins Visier: Die Anfänge jenes Künstlers, der Venedig bis heute prägt wie kein anderer. Kirchen, Scuole, Pallazzi – überall in der Lagunenstadt hat Tintoretto seine Spuren hinterlassen.

„A star was born”, so heißt es denn auch im Untertitel der Ausstellung, die sich zugleich als Forschungsprojekt versteht. Gerade was die ehrgeizige Frühzeit angeht, wird bis heute heftig gerätselt. Köln kann sich nun mit allerhand neuen Erkenntnissen einbringen. Verschollene Gemälde wurden wiederentdeckt, bekannte anders zugeschrieben. Eine wichtige Rolle in der Diskussion spielt ein gewisser Giovanni Galizzi, der wohl oft Seite an Seite mit dem jungen Tintoretto malte, nicht selten am selben Bild, wie die Schau nachweisen kann.

Schnell und billig als Geschäftsmodell

Weiterhin ungeklärt bleibt dagegen, ob etwas dran ist an der gern erzählten Geschichte mit Tizian: Der bald dreißig Jahre ältere Malerfürst soll seinen blutjungen Lehrling Robusti nach ein paar Tagen gefeuert haben, weil er angeblich eifersüchtig war auf das außerordentliche Talent des Junggenies. Wahrheit oder Legende? Unwichtig. Passen würde die Story zumindest prima in die Vita des klein gewachsenen Jacopo, Sohn eines Färbers, der schon als Kind nach den Werkzeugen des Vaters griff und mit seinen Graffiti einiges Aufsehen erregt haben soll.

An Tizian, dies hatte der Junge sicher sehr schnell erkannt, kam keiner heran. Hatte der Großmaler jener Zeit sich doch längst seinen Platz gesichert – wie der alte König im Stall neben Maria. Soeben hereingeschneit, musste sich Jacopo dagegen erst positionieren und tat dies mit vermeintlicher Bescheidenheit als „Tintoretto“, als „Färberlein“, das die Leinwände koloriert, wie der Vater die Seide. Tizian stand für edel und teuer, Tintoretto konterte mit schnell und billig. Schon Giorgio Vasari äußerte in seinen berühmten Künstlerviten Vorbehalte gegen diese Praxis. „Willkürlich und planlos” arbeite Tintoretto und gebe „bloße Skizzen für vollendete Werke” aus. Gleichzeitig aber erkennt er bereits den großen Kopf hinter den rasanten Pinselstrichen, den „furchterregendsten Geist, den die Malerei je besessen hat”, sieht Vasari hier gar am Werke.

Diese Einschätzung passt zu Tintorettos Selbstporträt aus dem Philadelphia Museum of Art. Mit großen Augen schaut er uns da mit Ende zwanzig entgegen und lässt keinen Zweifel an der eigenen Willenskraft. Der blitzschnelle Verstand scheint ihm ins Gesicht geschrieben mit Pinselstrichen, die an der breiten Stirn fast wie gemeißelt wirken. Von geduldigem Handwerk keine Spur. Geistreich und zupackend – so sieht und zeigt er sich als Mensch und Maler. Erstaunlich, was dieser Tintoretto alles an Ideen in seine Bilder packt, trotz der Eile. In Köln wird anschaulich, wie er es schon in jungen Jahren versteht, mit Zitaten zu jonglieren. So erweist sich bereits die „Anbetung” als Kombination sorgfältig recherchierter Motive. Tintoretto bedient sich unter anderen bei Dürer und variiert in der Gestalt des dynamischen Jungkönigs noch dazu einen Figurenentwurf Tizians.

Man riecht förmlich den Alltag

Im Schaffen wimmelt es nur so von Übernahmen. Tintoretto greift auf, kombiniert, persifliert, provoziert und wirft dabei vertraute Darstellungsmuster einfach über Bord. Wendig, witzig, originell. Die Szene mit „Jesus unter den Schriftgelehrten” gerät unter seinem wilden Pinsel zur regelrechten Bücherschlacht. Und die „Bekehrung des Saulus” erscheint als lärmendes Chaos mit auseinanderstiebenden Menschen und Tieren. Die Stimme des Herrn schallt so laut durchs Bild, dass einem der Reiter offensichtlich der Kopf dröhnt.

Wenn Tintoretto das „Emmausmahl” inszeniert, dann bleibt Einkehr und Würde vor der Tür. Mit wilden Gesten und verdrehten Körpern reagieren seine Apostel auf die Erscheinung des Auferstandenen. Wie so oft sprengt Tintorettos Dynamik dabei die Bildfläche. Seine Malerei dringt nach hinten tief in den perspektivischen Bildraum und wächst nach vorne dem Betrachter entgegen. Diesmal hilft dabei der schräg gestellte Esstisch, dessen Kante quasi aus dem Bild heraus ragt. Als Gag am Rande wird eine Portion Sardinen serviert. Ein junger Mann hält sie dem Heiland unter die Nase – man riecht förmlich den venezianischen Alltag.

Gesichter werden unsichtbar

Ständig habe der junge Tintoretto nachgedacht, „wie er sich als wagemutigster Maler der Welt bekannt machen könne”, weiß ein Biograf. Die Modernisierung der Kassettendecke eines gotischen Palazzos nimmt der 22-Jährige zum Anlass, neue Perspektiven auf Ovids Metamorphosen zu öffnen. Dabei bricht er die Decke mit seiner Illusionsmalerei gleichsam nach oben hin auf. Göttinnen strecken uns ihre Fußsohlen entgegen, und Gesichter werden unsichtbar, weil sie sich gen Himmel wenden.

Waghalsig auch Tintorettos Offensiven im öffentlichen Raum. Fassaden wurden ihm zu Werbeflächen. Keiner kam vorbei an seinen Fresken, die wie ein Katalog das eigene Können auffächern. Der Erfolg war gigantisch, ein Auftrag jagte den anderen. Um die Mitte der 1550er Jahre setzt die Kölner Ausstellung den Schlussstrich. Tintoretto indes malt weiter in unvermindertem Tempo, mit breiten Pinseln und rasanten Strichen. Über achthundert Werke soll er bis zu seinem Tode 1594 geschaffen haben. Fast ausschließlich in Venedig. Denn zum Reisen ließ er sich keine Zeit. Tintoretto blieb dem Stall treu, in den er einst gestürmt war wie der König zum Kind.

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