Bei der Liebes-App Tinder verteilen suchende Singles Herzen an Angebetete Foto: Fotolia

Tinder heißt die App, die Anwendung auf Mobilfunkgeräten, mit den höchsten Zuwächsen. Kann man mit wenigen Klicks die passende Liebe finden? Unsere Mitarbeiterin Nadja Dilger hat den Service getestet.

Stuttgart - Patrick ist 27 Jahre alt, wohnt acht Kilometer von mir entfernt und scheint Humor zu besitzen – oder einen schlechten Geschmack zu haben. Auf seinen Bildern ist er nur mit schwarzen Streifen im Gesicht zu sehen, die er sich anscheinend mit Fingerfarbe aufgemalt hat. Darüber hinaus gibt es mit Patrick nur eine Gemeinsamkeit: Wir mögen beide den Sänger Clueso.

Nein, Patrick, das reicht nicht, auch wenn Valentinstag ist. Deine Haare sind zu lang, dein buntes T-Shirt ist hässlich und – schwups! – ein Klick auf x, auf dass Patrick vom Bildschirm verschwindet. Was auftaucht, ist allerdings nicht besser: Emir (24) schielt mir zu sehr. Dennis wohnt 148 Kilometer zu weit weg, und Georges scheint nichts anderes zu machen, als ins Fitnessstudio zu gehen und sich beim Trainieren oben ohne fotografieren zu lassen. Georges bekommt also auch kein Herz.

Das Ganze nennt sich „tindern“, was aus dem Englischen kommt und in diesem Zusammenhang so viel wie „zündeln“ bedeutet. Man zündelt also, nur nicht mit Streichhölzern, sondern mit Menschen.

Menschen, die sich mit Hilfe von Facebook bei der amerikanischen Smartphone-App Tinder angemeldet haben und nun darauf hoffen, dass ihre Liebe entfacht wird, oder die einfach nach künftigen Partnern oder flüchtigen Bekanntschaften suchen. Das Ganze funktioniert einfacher als auf jeder Dating-Seite im Internet: Dank der Anmeldung über den Facebook-Account hat Tinder bereits alle Informationen und Bilder von mir, die es braucht: Vorname, Alter, Interessen, Fotos. Alles, was man tun muss, ist, die gewünschten Partner, die Tinder aufgrund der jeweils in Facebook angegebenen Interessen anzeigt, mit einem Herz oder mit einem x zu bewerten.

Klicke ich wie ein potenzieller Partner auf das Herz, so entsteht eine Verbindung, die es erlaubt, mit dem Auserwählten zu chatten. Hat der Auserwählte nicht auf das Herz geklickt, so wird er wie Patrick und die anderen Aussortierten nie wieder auf meiner Bildschirmfläche auftauchen.

So entstehen schnell die ersten Verbindungen mit Gleichgesinnten, die wie ich gern den Radiosender Flux FM hören oder eine Vorliebe für In-N-Out Burger haben.

Doch findet man so wirklich die große Liebe? Mit Hilfe einer App?

Franciska Wiegmann-Stoll, ausgebildete Paartherapeutin in Stuttgart und Schwieberdingen, steht dem Ganzen skeptisch gegenüber. Nicht, dass durch eine App keine Bekanntschaften entstehen können, doch „alles was bei der ersten Begegnung den Funken überspringen lässt, wie ein Lachen oder der Klang einer Stimme, geht in virtuellen Welten verloren. Mein Gegenüber wird allein auf sein Äußeres, auf sein Foto reduziert“, bemerkt sie.

Seit 2010 ist Wiegmann-Stoll Paartherapeutin und berät viele Singles bei der Partnersuche. Wiegmann-Stoll: „Es kommen viele an, die bereits verschiedene Dating- Seiten oder -Portale genutzt haben, allerdings nie Erfolg damit hatten. Die Singles, die zu mir in die Beratung kommen, vermittle ich nicht. Ich helfe ihnen, ihre Stärken und eigenen Wünsche zu erkennen, um selbstbestimmt glücklich zu werden.“ Den Trend zu Dating- Seiten oder neuerdings auch zu Dating-Apps sieht Wiegmann-Stoll „in der Schnelllebigkeit und Bequemlichkeit unserer Gesellschaft“, während die Misserfolge eher mit der Nutzung und dem Aufbauschen des eigenen Profils zu tun hätten. „Man kann nicht erwarten, dass man sofort die große Liebe findet oder die Leute wirklich alle so perfekt sind, wie sie gerade auf einem vorteilhaften Bild aussehen. Das Netz verleitet manche zu Übertreibungen und Halbwahrheiten“, sagt die Expertin.

Was meine Tinder-Karriere angeht, habe ich schnell 30 Verbindungen erlangt, bei denen ich gar nicht weiß, was ich mit all den Männern eigentlich anfangen soll. So einfach ist das Auf- und Abwerten, so schnell ein Klick. Es ist fast so, als würden mich in einer Bar alle ansprechen, die ich nur mal kurz angesehen habe. Viele antworten mir aber auch gar nicht in Tinder, schreiben selbst nicht oder fragen gleich nur nach einem kurzen Treffen. Sätze wie „Ich bin aber nicht auf der Suche nach einer Freundin“ tauchen auch ein paarmal auf. Doch für was ist die Dating-App gut?

Wiegmann-Stoll vermutet, dass Tinder vorwiegend junge Leute ansprechen soll. Die Hemmschwelle, mit jemandem in Kontakt zu treten, sei extrem niedrig. So sei es nicht nur leichter, jemanden anzuklicken als anzusprechen, sondern vor allem auch anonym eine Abweisung zu ertragen als persönlich eine zu bekommen.

Doch anonym ist eine Anmeldung bei einer App oder im Internet nie, denn das würde bedeuten, dass die Anbieter nicht wissen würden, wer sich da gerade anmeldet. Seine Daten gibt man somit von Beginn an preis, im Falle der Dating-App Tinder verliert man sogar jegliche Rechte an seinen Daten. „Genau genommen tritt man jegliche Rechte an Tinder und seine Tochterunternehmen ab. Hinzu kommen noch Analyseunternehmen, Serviceprovider, Werbeunternehmen und jegliche Dritte, bei denen unklar ist, welche Dritte damit gemeint sind“, sagt Monika Desoi, Referentin im Bereich Internet und soziale Medien beim Landesbeauftragten für den Datenschutz Baden-Württemberg, „das alles ist schwer überschaubar.“

Alle Daten landen laut Desoi auf den Servern der amerikanischen Firma, und gelöscht werden solche Daten nur nach Aufforderung der Nutzer. Ohne Anlass wird nie gelöscht – auch nicht bei Facebook oder anderen Datingapps wie Lovoo. Wenn man dabei bedenkt, dass sich laut den Gründern von Tinder im November 2013 vier Millionen Verbindungen zwischen den Nutzern ergaben und 400 Millionen Mal ein x verteilt wurde, so sind dies Unmengen von Daten. Zudem behält sich die App sämtliche Inhalte vor, was bedeutet, dass sogar die privaten Chats überwacht werden. Das macht das Ganze fast schon wieder öffentlich – wie im realen Leben. Als würde ich in einer Bar sitzen und vor dem Barkeeper meinen Nebenmann bezirzen. Aber selbst da hoffe man ja nicht immer gleich, wie Wiegmann-Stoll sagt, auf die „große Liebe“, sondern verschenke nur für einen Augenblick sein Herz.

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