Tina Turner im Jahr 1971. Foto: The Avedon Foundation

Man nannte sie die Königin des Rock’n’Roll. Mit ihrer eindringlich-energischen Stimme hat sie Songs wie „Proud Mary“, „What’s Love Got To Do With It“ oder „The Best“ oder „Golden Eye“ zu Klassikern gemacht. An diesem Mittwoch wird Tina Turner 75 Jahre alt.

Das Klavier seufzt eine wehmütige Melodie, der Bass brummt nervös-schüchtern, und während sich das Saxofon wieder einmal in den Vordergrund drängt, betrachtet eine Gitarre aus der Ferne gleichgültig die Show. Der Song „Private Dancer“, der eigentlich als eine Nummer der Dire Straits gedacht war, hat zwar Sexappeal, mehr noch ist er aber von einer traurigen Sehnsucht, einer sanften Verzweiflung durchdrungen.

Eine Striptease-Tänzerin erzählt darin, dass die gesichtslosen Männer, denen sie in den Clubs begegnet, immer die gleichen sind. Dass man die tägliche Erniedrigung nur durchsteht, wenn man dabei an das viele Geld denkt, das einem dieser Job einbringt – und an die Träume, die man sich damit verwirklichen kann: ein Häuschen am Meer vielleicht, einen Mann, Kinder, ja, Teil einer ganz normalen Familie zu sein.

Niemand anderes hätte die Rolle der vom privaten Glück träumenden Striptease-Tänzerin besser spielen können als Tina Turner. Zu dem Zeitpunkt, als sie das Lied ­„Private Dancer“ aufnimmt, hat sie zwar eine großartige Karriere als Teil des Duos Ike & Tina Turner hinter sich, aber auch eine ­kaputte, selbstzerstörerische Ehe mit Ike Turner. Seit 1962 waren sie verheiratet, 1968 versuchte sie sich mit 50 Valium-Tabletten das Leben zu nehmen. 1978 ließ sie sich von ihm scheiden lassen. In ihrer Autobiografie „Ich, Tina“ beschreibt sie Ike als äußerst gewalttätigen Ehemann. Ihre Nasenoperation sei deshalb nötig gewesen, weil Ike sie zu oft ins Gesicht geschlagen hatte.

Doch die spektakuläre Karriere, die sie als Teil von Ike & Tina Turner mit rauen Soul- und Rocknummern wie „River Deep – Mountain High“, „Proud Mary“ oder „Notbush City Limits“ zwischen 1960 und 1976 machte, sollte bald übertroffen werden von Tina Turners Solokarriere, die 1984 mit dem Album „Private Dancer“ durchstartete. Auf der Platte verabschiedete sie sich von der grob-robusten Rhythm’n’Blues-Ästhetik der früheren Jahre und entdeckte einen sanft, hochwertigen Popstil.

Neben „Private Dancer“ wurden auch die Nummern „What’s Love Got To Do With It“, „Let’s Stay Together“ oder „I Can’t Stand The Rain“ zu Hits. Und auch die Folgealben wie „Break Every Rule“ (1987), „Foreign Affair“ (1989) knüpften an diesen Erfolg an. Tina Turner sang mit David Bowie („Tonight“), mit Bryan Adams („It’s Only Love“), mit Eric Clapton („Tearing Us Apart“) oder Rod Stewart („It Takes Two“) und spielte neben Mel Gibson in „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ die Hauptrolle.

Die Frau, die vom US-Magazin „Rolling Stone“ auf Platz 17 der besten Stimmen aller Zeiten gewählt wurde (hinter Mick Jagger und vor Freddie Mercury), hat mit ihrem eindringlichen Gesang immer wieder Songs veredelt. Auch wenn man sich – ähnlich wie bei ihrem männlichen Pendant Joe Cocker – irgendwann sattgehört hat an dieser emotionalen, aber manchmal etwas zu gefällig produzierten Musik.

Doch wichtiger ist: Anne Mae Bullock, die einst von Notbush, Tennessee, aufbrach, um als Tina Turner Karriere zu machen, scheint heute ihren Traum vom privaten Glück zu leben. Vor 28 Jahren lernte sie den deutschen Musikmanager Erwin Bach kennen und lieben. Vor einem Jahr hat das Paar, das im Château Algonquin in der Schweiz lebt, geheiratet. Herbert Grönemeyer hielt eine Rede, und Bryan Adams sang „All For Love“.

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