Showdown in Leipzig: Bayern-Torwart Sven Ulreich hält den letzten Elfmeter von Timo Werner. Foto: dpa

Das Elfmeterduell zwischen Timo Werner und Sven Ulreich hat den Pokalkrimi zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern entschieden. Doch ans vorgesehene Drehbuch haben sich die früheren Weggefährten des VfB Stuttgart nicht gehalten.

Leipzig - Was war nicht schon alles passiert in dieser mitreißenden, dramatischen Pokalschlacht zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern? Ein zunächst von dem unglückseligen Schiedsrichter Felix Zwayer völlig korrekt verhängter Strafstoß war den Leipzigern auf Intervention des Linienrichters wieder entrissen worden. Später bekamen sie doch noch einen, der keiner war – doch hatten sie zu diesem Zeitpunkt schon ihren überragenden Spielmacher Naby Keita durch einen sehr zweifelhaften Platzverweis verloren.

Jupp Heynckes blutet die Nase – zu viel Aufregung für einen 72-Jährigen

Kein Wunder also, dass die Nerven auf allen Seiten blank lagen. RB-Sportchef Ralf Rangnick war schon zur Pause mit gezücktem Smartphone aufs Spielfeld gestürmt, um dem Schiedsrichtergespann die Fehler zu demonstrieren. Bayern-Verteidiger Mats Hummels ging energisch dazwischen, fast wäre es zu einem Handgemenge gekommen, auch noch im Spielertunnel. Wütend und aufgebracht hüpfte RB-Trainer Ralph Hasenhüttl das ganze Spiel über an der Seitenlinie entlang, während sein Gegenüber Jupp Heynckes irgendwann nur noch apathisch auf der Trainerbank kauerte. Das Blut tropfte aus seiner Nase – es war zu viel der Aufregung für einen Mann von 72 Jahren.

Doch das Beste sollte erst noch kommen.

Showdown in Leipzig, High Noon um 23.29 Uhr.

Zwei Stuttgarter als Hauptfiguren einer denkwürdigen Schlacht

Sämtliche neun Schüsse sind im abschließenden Elfmeterschießen im Tor gelandet, als RB-Stürmer Timo Werner als zehnter Schütze an der Reihe ist und Sven Ulreich im Bayern-Tor gegenübersteht. Ausgerechnet die beiden. Früher waren sie Mitspieler beim VfB Stuttgart, jetzt sind sie die Hauptfiguren im entscheidenden Duell. Das ganze Stadion hält die Luft an, auch Ralf Rangnick, Jochen Schneider und all die anderen Leipziger mit Stuttgarter Vergangenheit.

Groß ist ihr Entsetzen, als Werner zu schwach und zu unplatziert schießt. Ulreich pariert – das Drama ist vorüber, die Bayern haben gewonnen.

Der Strahlemann wird zum Häufchen Elend, der Versager zum großen Helden

Es ist eine denkwürdige Pointe eines denkwürdigen Spiels – und der Beweis dafür, dass sich der Fußball nicht immer an das vorgesehene Drehbuch hält. Der bisherige Strahlemann wird zum Häufchen Elend, der angebliche „Pannen-Ulreich“ („tz) zum großen Helden. Was für eine Geschichte!

Drei Jahre lang haben Timo Werner (21) und Sven Ulreich (29) beim VfB täglich zusammengespielt, bis sich die Wege trennten – nicht nur rein örtlich. Timo Werner, der beim VfB nicht mehr ins Tor getroffen hatte und beim Anhang immer mehr in Ungnade gefallen war, ging nach Leipzig – und drehte sofort groß auf. Beim Emporkömmling aus Sachsen wurde er auf Anhieb gefeierter Torjäger, Nationalspieler, einer der neuen Topstars des deutschen Fußballs.

Bei den Bayern ist Ulreich zuletzt verspottet worden

Sven Ulreich hingegen, jahrelanger Liebling der VfB-Fans, wechselte als Nummer zwei zum FC Bayern – und musste fast immer auf der Bank sitzen, weil Welttorhüter Manuel Neuer freiwillig kein einziges Spiel abtrat. Der Fußbruch Neuers war die große Chance des Schorndorfers – doch wurde geriet er nach dem 0:3 in der Champions League in die Kritik. Gar „eine Sehschwäche“ diagnostizierte Lothar Matthäus – Höchststrafe für den Torhüter, der heftig widersprach („Das ist dummes Geschwätz“).

Und jetzt das: Dank der Parade gegen seinen früheren Mitspieler wird Ulreich, der zuletzt bei den Bayern dreimal ohne Gegentor geblieben war und auch in Leipzig während des Spiel gut gehalten hatte, zum Helden des Abends. Bitter für Werner und die in Unterzahl heroisch kämpfenden Leipziger. RB-Torwart Péter Gulácsi hatte 120 Minuten lang überragend gehalten und zum Abschluss bei vier der fünf Münchner Elfmetern die richtige Ecke geahnt. Unfassbar präzise und hart aber waren sämtliche Schüsse. Ulreich hingegen ist bei Werners Versuch zur Stelle. „Ich freue mich, dass ich der Mannschaft helfen konnte“, sagt der Torhüter am Ende dieses nervenaufreibenden Pokalabends.

Viel Zeit zum Feiern bleibt Ulreich nicht; mit langer Trauer muss sich auch Werner nicht aufhalten. Schon am Samstag folgt das nächste Duell zwischen den Bayern und Leipzig, diesmal in München, diesmal in der Bundesliga. Das Drama geht also in die Verlängerung.

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