Tim Anthofer lebt und studiert in Rottenburg. Er gehört zu den Hoffnungsträgern bei der Timbersports-WM, die am kommenden Wochenende in der Porsche-Arena in Stuttgart stattfindet.
Tim Anthofer schabt ganz vorsichtig die oberste Holzschicht seiner selbst errichteten Trainingsplattform ab. Denn der Boden wird durch den immer wieder eintretenden Regen rutschig und die Gefahr einer Verletzung steigt. Er greift zu seiner favorisierten Trainingsaxt, poliert sie und schlägt sie anschließend mit voller Wucht in das vor ihm stehende Holz.
Anthofer bereitet sich nicht auf den bevorstehenden Winter, sondern auf die Timbersports-WM in Stuttgart vor. Für dieses Turnier der Sportholzfäller am Freitag (Teamwettkampf) und Samstag (Einzelwettkampf) hat sich der Rottenburger als bester deutscher Rookie (bis 25 Jahre) qualifiziert.
Heim-WM in ausverkaufter Porsche-Arena
Am Freitag misst sich das Team Deutschland rund um den 24-jährigen Tim Anthofer in der Porsche-Arena in Stuttgart mit 19 anderen Nationen vor 13 000 Zuschauerinnen und Zuschauern in einer Art Staffelwettkampf. Vier Athleten zersägen und zerschlagen Holz in vier Disziplinen – das schnellste Team siegt.
Jede Runde läuft gleich ab und beginnt mit der Disziplin „Stock Saw“, bei der der Athlet einen Cookie (Fachwort für Holzscheibe) von einem liegenden Baumstumpf aus Pappel mit einer Kettensäge abschneiden muss. Dann folgt der „Underhand Chop“, welchen Anthofer mit viel Gefühl und Kraft in der aktuellen Trainingseinheit präsentiert: Er steht auf einem Holzblock und schlägt präzise mit einer Axt auf diesen ein. Doch dann passiert es: Tim Anthofer strauchelt und rutscht wegen des Regens vom Block – glücklicherweise ist ihm nichts passiert.
Erst wenn der Block in zwei Hälften geteilt ist, darf der nächste Athlet mit der „Single Buck“ beginnen. Diese Disziplin ähnelt der „Stock Saw“, jedoch wird hierfür eine zwei Meter lange Einmannzugsäge genutzt. „Das ist absolut nicht meine Lieblingsdisziplin“, sagt der junge Athlet lachend. Zum krönenden Abschluss folgt der „Standing Block Chop“ – hier steht ein Holzblock vertikal vor dem Athleten, der diesen wieder mit einer Axt in zwei Teile geschlagen muss. Die Team-Wettkämpfe finden im K.o.-System und in mehreren Runden statt.
„Langsam wird es echt anstrengend“, sagt Anthofer schnaufend, während er den stehenden Block immer wieder bearbeitet und dabei die Technik erklärt, die er gerade einsetzt.
Anthofer kämpft um seinen Platz im Team Deutschland
Neben dem Baden-Württemberger haben sich fünf weitere Athleten, wie der viermalige deutsche Meister Danny Martin, Teamkapitän Peter Bauer, Marcel Steinkämper, Christoph Lang und Denny Vielwerth für die Heim-WM in Stuttgart qualifiziert. Neben den 20 Teams kämpfen auch die Athleten innerhalb der Mannschaft um einen Startplatz: „Wenn ich antrete, werde ich vermutlich bei der Disziplin Stock Saw (Kettensäge) antreten“, sagt Anthofer. Ob es für einen begehrten Platz im Team reicht, klärt sich im kommenden Teamtraining. Egal wer am Ende startet – das Ziel bleibt dasselbe: „Wir wollen die beste europäische Mannschaft sein. Wenn man realistisch ist, hat man gegen die Teams aus Übersee kaum eine Chance“ – gemeint sind der amtierende Meister Australien, USA, Kanada und Neuseeland, die so gut wie jedes Jahr um die Goldmedaille kämpfen.
Um dieses Vorhaben umzusetzen und Teil der „Startmannschaft“ zu werden, trainiert Anthofer viermal die Woche. „Ich nehme meine Trainingseinheiten auf und analysiere sie danach“, ruft Anthofer, während er auf einem dünnen Brett steht, welches in eine Kerbe in einer ungefähren Höhe von 1,20 Meter in einem Holzblock steckt. Dabei handelt es sich um die spektakuläre „Springboard“- Disziplin, die zwar nicht Teil des Teamwettkampfs ist, aber eine gute Trainingsmöglichkeit bietet.
Anthofer trägt Kettensocken, die ihn vor Verletzungen schützen sollen, und denkt darüber nach, wie er den Block vor ihm am besten in zwei Stücke schlägt. Es wird schnell klar: Es geht nicht um rohe Gewalt, sondern um Kalkül und Planung. „Man muss überlegen, wo man hineinschlägt. Die Äxte unterscheiden sich in Geometrie und Schleifung voneinander. Und auch jedes Holz ist anders“, erklärt er immer noch auf dem Brett balancierend mit seiner schweren Axt in der Hand.
Bevor es ihn in diese Höhe verschlug und er diesem außergewöhnlichen Hobby nachging, wuchs er in Ghana und in Köln auf: „Ich kann mich an Ghana nicht mehr so erinnern, meine Eltern waren dort als Entwicklungshelfer“. In Köln lebte er in der Nähe eines Waldes: „Dort bin ich dann immer zum Spielen hingegangen und dadurch kam nach und nach die Faszination für die Natur.“ Diese Naturgebundenheit ging soweit, dass er 2016 eine Ausbildung zum Forstwirt begann.
Die Begeisterung für Holz war also schon früh gegeben, die Faszination für den Timbersport entwickelte sich dagegen später während seiner Ausbildung: „Ich habe einen Wettkampf im Fernsehen gesehen. Ich fand es faszinierend, dass manch einer schneller als ein anderer im Hacken war, obwohl er weniger Muskeln hatte.“ Kurzerhand entschied sich Anthofer, ein Probetraining zu absolvieren: „Es hat mir dann so viel Spaß gemacht, dass ich dabei geblieben bin. Es ist nur schwierig, ein Trainingsgelände zu finden.“
Wo und wie trainiert man Holzhacken?
Für dieses Problem fand er in Rottenburg eine Lösung. Nach seiner Ausbildung begann er ein Studium an der dortigen Hochschule für Forstwirtschaft. Dort wurde ihm ein Ort zum Trainieren gestellt. Ein Oktagon, auf dem zuvor eine Jurte stand, baute er zu seiner Trainingsfläche um. „Ich gehe hier oft zwischen den Vorlesungen hin und trainiere“, erklärt er. Damit verfügt er nun über zwei Trainingsmöglichkeiten: Vor seinem Haus und direkt neben der Hochschule.
Mittlerweile steht Anthofer vor dem Abschluss seines Studiums: „ Ich bin jetzt im sechsten Semester und vermutlich nur noch ein halbes Jahr hier.“ Nach seinem Abschluss möchte er als Förster arbeiten. Wo, das weiß er noch nicht. „Man kann sich manchmal noch das Bundesland aussuchen, aber der genaue Ort ist unklar“, sagt er.
Trotz der unklaren Zukunft, seinem Hobby will er weiter frönen: „Der Sport ist mir wichtig. Ich werde versuchen, beides gleichzeitig zu machen.“ In dieser Woche rücken die Zukunftspläne eher in den Hintergrund: „Ich freue mich sehr auf den Wettkampf“, sagt Anthofer schmunzelnd zum Abschied.
Am Freitag ist es soweit: Dann tauscht Anthofer seine Trainings-Äxte gegen seine Wettkampfäxte, um seine Bestleistung für das Team Deutschland abzurufen.