Wenn es in der Liga bald weitergeht, hätte Tim Meyer daran wesentlichen Anteil Foto: imago//Gladys Chai von der Laage

Der Internist Tim Meyer ist verantwortlich für das Hygienekonzept der DFL und deshalb aktuell wohl der wichtigste Mann der Fußball-Bundesliga. Ein Porträt.

Stuttgart - Tim Meyer (52) ist ein Dauerbrenner. Vielleicht ist er sogar der Rekordmann der Nationalelf, und sicher ist er so etwas wie der Rekordnationalspieler beim nach Erfolgen stets brav gewürdigten „Team hinter dem Team“. Tim Meyer ist Arzt, seit dem Jahr 2001 gehört der Internist zum medizinischen Stab der Nationalmannschaft, er war bei fünf Weltmeisterschaften dabei – und: Er hat von den vergangenen 256 Länderspielen nur zwei verpasst. Meyer weilte da jeweils auf einem wichtigen Kongress.

All das war bisher nur ausgewiesenen Experten bekannt, auch, weil sich Meyer qua seines bescheidenen, ruhigen und zurückhaltenden Wesens nie in den Vordergrund drängt. Aber was bleibt schon in der Corona-Krise? Alles wird neu, alles wird anders.

Und Tim Meyer steht nun plötzlich im Rampenlicht.

Der Professor der Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes ist seit dem 31. März der Leiter der Taskforce, die das Sicherheits- und Hygienekonzept im Auftrag der Deutschen Fußball-Liga (DFL) für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs erstellt hat. Meyer erarbeitete mit seinem Team das mehr als 40 Seiten umfassende Konzept, über das seit der Veröffentlichung eifrig diskutiert und gestritten wird – gesellschaftlich, politisch, virologisch, moralisch und sportlich.

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Meyer und seine Kollegen mussten, das war das Ziel, ein Papier vorlegen, das die Gesundheit der Spieler mit den wirtschaftlichen Interessen der Bundesliga-Clubs und den Restriktionen des öffentlichen Lebens in Einklang bringt. Im Trainingsalltag – und bei den möglichen Spielen. Meyer versuchte mit seinen Experten, wenn man so will, eine stets dynamische Quadratur des Kreises zu schaffen.

Klar ist: Nur wenn das Konzept von der Politik bei der wohl entscheidenden Konferenz an diesem Mittwoch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten endgültig durchgewunken wird, kann die laufende Bundesliga-Saison fortgeführt werden.

Die Verantwortung Meyers ist und bleibt dabei riesig. Er ist daher, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, seit Wochen einer der wichtigsten Männer des deutschen Fußballs. Wenn nicht der wichtigste.

Der Ruf der Liga als Verpflichtung

Meyer selbst würde so etwas nie sagen, er würde so etwas auch nicht im stillen Kämmerlein denken. Leute, die den Arzt gut kennen, schätzen seine Ruhe und seine Klarheit. Mediales Bohei ist ihm fremd, es ist ihm sogar zuwider. Meyer fällt durch seine Expertisen auf, nicht durch sein Wesen. Oder, anders gesagt: Er nimmt seine Forschungen wichtig – aber nicht sich selbst. „Am liebsten“, sagt er über den Fußballbetrieb mit seinen öffentlichen Mechanismen, „hat man dort den Helden oder den Versager. So wird die Fallhöhe aber auch recht groß gemacht.“ Innerlich habe er deshalb nicht „hurra“ gerufen, als ihn der Ruf der Bundesliga Ende März ereilte, sagt Meyer: „Als Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB fühlte ich mich aber auch verpflichtet, diese Aufgabe zu übernehmen.“

Ein Wissenschaftler im Dienst der Wissenschaft und des Fußballs, so sieht sich Meyer. Seine Doktorspiele für die Bundesliga sind frei von Effekthascherei. Gewissenhaftigkeit ist das oberste Gebot.

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Bundestrainer Joachim Löw arbeitet mit Meyer seit 16 Jahren bei der Nationalelf zusammen – er schätzt das Fachwissen und die Sorgfalt des Internisten. „Der Doc Meyer macht nichts, was nicht vorher durch eine Langzeitstudie bewiesen worden ist“, sagte Löw einmal augenzwinkernd, aber doch ernsthaft über Meyer, der im Alltag der DFB-Elf auch auf recht banale Dinge achtet. Das ausreichende Trinken der Spieler in den Pausen etwa ist sein Ressort.

Meyers Kerngebiet aber ist die Wissenschaft. Auf ihn gehen die berühmten Eistonnen zur Regeneration zurück – ohne den Internisten also hätte es auch das Interview mit Per Mertesacker nach dem mühsamen 2:1 im WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien („Ich leg’ mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne“) nicht gegeben.

Meyer ist passionierter Läufer

Der Maßnahmenkatalog Meyers im Kreise der DFB-Elf ist lang. Vor der WM in Südafrika 2010 empfahl er ein Hotel auf 1300 Meter Höhe und wurde erhört. Vor den Auswärtsspielen im kasachischen Astana 2010 und 2013 folgte der DFB seinem Rat, die fünfstündige Zeitverschiebung zu ignorieren. So wurden die Hotelzimmer verdunkelt. Meyer machte den Tag zur Nacht. Bei der WM 2014 in Brasilien ließ er Desinfektionsmittel verteilen und Spender aufstellen, um mögliche Erreger im Teamquartier zu bekämpfen und die Sinne zu schärfen.

Nun ist Meyers Gegner ein größerer. Im Kampf gegen das Coronavirus und für das Konzept für die Fortsetzung des Spielbetriebs ruht sein aktuelles Forschungsprojekt an der Uni Saarland. Am in vielen medizinischen Fußballfachfragen weltweit führenden Institut Meyers sollte jetzt eigentlich zu möglichen Kopfverletzungen bei Kopfbällen geforscht werden. Nun ist Meyers Expertise in der DFL-Taskforce gefordert – und damit seine Ausdauer, die der aus Nienburg an der Weser stammende Niedersachse auch auf anderem Feld unter Beweis gestellt hat. Er legte die zehn Kilometer mal in weniger als 31 Minuten zurück.

Jetzt ist der passionierte Läufer auf einer besonders anspruchsvollen Strecke unterwegs. Der Corona-Marathon des Tim Meyer bleibt in vollem Gange.

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