Eine ganze Reihe von Tierarten kann sich ganz ohne Männchen vermehren. Die sogenannte Jungfernzeugung kennt man zu Beispiel bei Hornmilben und Blattläusen, bei Fadenwürmern und Regenwürmern – sowie bei Waranen.
Stuttgart - Der Hinweis auf den Stall von Bethlehem klingt beim Blick auf die meist winzig kleinen, kugeligen und gut gepanzerten Hornmilben ziemlich weit hergeholt. Und doch gibt es einen sehr engen Zusammenhang zwischen dem Weihnachtswunder und diesen Spinnentierchen, die in der Streuschicht eines mitteleuropäischen Waldbodens in riesigen Scharen die für die meisten anderen Arten oft unverdaulichen Pflanzenreste, Pilze und sonstigen Überreste von Organismen verspeisen: Drei bis vier Prozent der weltweit etwa zehntausend Hornmilben-Arten verzichten bei der Vermehrung auf männliche Schützenhilfe.
Parthenogenese nennen Forscher wie der Bodenökologe Stefan Scheu von der Universität Göttingen eine solche Jungfernzeugung, von der die Bibel vor 2021 Jahren im Stall von Bethlehem berichtete. Um einen Einzelfall aber handelte es sich nicht, so Scheu: „Bei Springschwänzen und Blattläusen, bei Fadenwürmern und Regenwürmern, bei Wimpertierchen, einzelligen Algen und Amöben gibt es ebenfalls Parthenogenese.“
Waranen werden drei Meter lang und 70 Kilogramm schwer
Auch bei großen Tieren gibt es einige wenige Beispiele für Nachwuchs, der keinen biologischen Vater hat. Allerdings gab es bei Haien und Geckos, Python-Schlangen und Puten sicher nachgewiesene Jungfernzeugungen bisher nur, wenn die von Menschen gehaltenen Weibchen keinerlei Männer-Bekanntschaften machen konnten.
Besonders spektakulär ist die Parthenogenese bei Komodo-Waranen, die drei Meter lang und 70 Kilogramm schwer werden können. Ganz ohne Männer-Bekanntschaften legten verschiedene Weibchen in Zoos mehrmals Eier, aus denen später gesunde Jungtiere schlüpften, die sich allesamt als Männchen entpuppten.
Durch Inzucht überlebt
In der Natur macht das Sinn: Komodo-Warane leben auf kleinen Inseln in Indonesien. Wird dort ein Weibchen nach einem Sturm auf eine Insel geschwemmt, auf der noch keine Artgenossen leben, kann es dem Männer-Mangel mit einer Jungfernzeugung ein Schnippchen schlagen. Jetzt kann sich die Mutter mit ihren Söhnen paaren. Zwar reduziert diese Inzucht die Vielfalt im Erbgut stark, aber immerhin hat die Art auf der Insel überlebt. Und selbst dieser Mangel lässt sich ausgleichen, sollte Jahrzehnte später ein weiterer lebender Komodo-Waran gleich welchen Geschlechts auf dem Eiland angeschwemmt werden.
Das Fehlen potenzieller Väter ist aber wohl kaum der einzige Grund für Jungfernzeugungen: So lebten zwei Weibchen des Kalifornischen Kondors viele Jahre mit jeweils einem Männchen zusammen in Zoos. Eine der Mütter hat elf und die andere in 20 Jahren sogar 23 Küken aus solchen Zweierbeziehungen in die Welt gesetzt. Bei jeweils einem männlichen Küken aber verzichtete das eine Weibchen 2001 und das andere 2009 auf die männliche Schützenhilfe. Es geht also auch außerhalb von Notsituationen alleine. Weshalb aber beide Mütter auf die Hilfe durchaus vorhandener potenzieller Väter verzichtet haben, ist unbekannt.
Hornmilben leben in einer Art Schlaraffenland
Das gleiche gilt für Hornmilben, die im Boden in einer Art Schlaraffenland leben, in dem sie Nahrung im Überfluss finden. Ist es vielleicht dieser Wohlstand, der diese Tiere auf die Hilfe der Männchen verzichten lässt? „Weshalb so viele Hornmilben-Arten auf Männchen verzichten und auf die Jungfernzeugung setzen, wissen wir bisher nicht sicher“, erklärt Stefan Scheu. „Es könnte aber tatsächlich mit dem hohen Angebot an Nahrung zusammenhängen.“
Vielleicht sollte man aber eher eine ganz andere Frage stellen: Weshalb verzichten eigentlich nicht noch viel mehr Arten auf Männchen, wenn es doch offensichtlich auch ohne das „starke“ Geschlecht geht? Schließlich sind Männchen ein teurer Luxus. Gibt es doch bei vielen Arten ähnlich viele Tiere von beiden Geschlechtern. Wären die Männchen völlig überflüssig, würden sie den Weibchen ohne weiteren Nutzen die Hälfte der vorhandenen Nahrung wegfressen. Ohne Männchen wiederum könnten die Weibchen sich viel effektiver vermehren und nur noch weiblichen Nachkommen bekommen. Da die Evolution einen solchen teuren und gleichzeitig nutzlosen Luxus rasch wegrationalisieren würde, müssen die Männchen also für irgendetwas nützlich sein.
Harte Probe für Abwehrkräfte des Körpers
Eine Vermutung zielt auf die Abwehr von Krankheitserregern, von denen immer wieder neue Typen auftauchen und die Abwehrkräfte des Körpers auf eine harte Probe stellen. Braucht es zwei Geschlechter zur Vermehrung, können die Partner ihr Erbgut gut durchmischen und haben so einen recht vielfältigen Nachwuchs. Taucht ein neuer Krankheitserreger wie Sars-CoV-2 auf, könnte in dieser Vielfalt genau der Typ vorhanden sein, der diesem Widersacher Paroli bieten kann.
Werden allerdings die Ressourcen zum Beispiel in Wüstengebieten extrem knapp, könnte dieser vorbeugende Luxus in Form von Männchen doch zu teuer werden. „In den Wüsten Australiens gibt es einige Echsen-Arten, die auf Männchen verzichten“, berichtet Stefan Scheu. Auch der einzige bisher bei Säugetieren berichtete Fall von Jungfernzeugung geschah ja in einer eher trockenen Gegend. Als vor 2021 Jahren die Jungfrau Maria in einem Stall Jesus zur Welt brachte, war dieses Bethlehem genau wie heute von kargen Wüsten umgeben.