Anna Faix (links) und Anne Mäckelburg kümmern sich um kranke und geschwächte Igel wie diese beiden Knirpse, die im Kreis Böblingen gefunden wurden. Foto: factum/Granville

Kranke, verletzte und untergewichtige Stacheltiere brauchen im Herbst Hilfe, um den Winter zu überstehen. Der Böblinger Tierschutzverein hofft daher auf Unterstützer. Gartenbesitzer können den Tieren mit wenig Aufwand Gutes tun.

Böblingen - Den Igeln in Deutschland geht es nicht gut. Obwohl sie ein Alter von sieben bis acht Jahren erreichen können, wird ihre durchschnittliche Lebenserwartung auf nur zwei bis vier Jahre geschätzt. Das liegt auch am Menschen und seinen Eingriffen in die Natur sowie am Straßenverkehr. Anna Faix aus Gärtringen und ihre Mitstreiter vom Böblinger Tierschutzverein haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, sich um die stacheligen Tiere zu kümmern. Seit zwei Jahren päppelt die zweite Vorsitzende des Vereins immer wieder geschwächte und untergewichtige Igel zuhause auf oder lässt sie, wenn sie fit genug sind, in ihrem Garten überwintern. Zwölf Igel stromern mittlerweile auf ihrem Grundstück herum. „Es ist wichtig, sich um diese nützlichen Tiere zu kümmern“, findet die 29-Jährige.

Zu ihrer neuen Aufgabe kam Faix, die an der Universität München in Philosophie promoviert, durch einen Zufall. Im vorletzten Herbst beobachtete sie einen Igel, der tagsüber in ihrem Garten umherlief. Weil sie sich Sorgen machte, ob das kleine Tier den Winter überstehen würde, suchte und fand sie hiesige Igel-Experten, die ihr halfen, es über den Winter zu bringen. Seitdem hat sie immer wieder Igel bei sich aufgenommen und ihnen eine Unterkunft in ihrem Garten oder in ihrem Haus gegeben oder aber sie an Ehrenamtliche ihres Vereins vermittelt.

Dabei ist es gar nicht so schwer, Igeln zu helfen. Gerade Gartenbesitzer können mit wenig Aufwand viel erreichen.

Verstecke im Garten

Die akkurat aufgeräumten Gärten im Herbst werden für viele der Tiere zum Problem. „Dort finden Igel keinen Unterschlupf“, sagt die Diplom-Biologin Anne Mäckelburg aus Weil der Stadt und appelliert an alle Gartenbesitzer, eventuell einen Laub-, Reisig- oder Holzhaufen auf ihrem Grundstück zu belassen. Dahin könnten sich die Igel zurückziehen, sie seien dann vor der winterlichen Kälte gut geschützt. Außerdem: „Wird das Laub weggeräumt, sind auch die Insekten weg“ – und diese seien nun einmal die wichtigste Nahrung für Igel. Handwerklich begabte Igelfreunde können auch ein Igelhaus bauen, entsprechende Anleitungen gibt es im Netz. „Diese Häuschen sollte man an einen geschützten und schattigen Platz stellen“, sagt Faix.

Geschwächte Tiere erkennen

Spätestens, wenn es im Herbst nachts Frost gibt, sollten Igel in ihrem Nest bleiben und nicht mehr draußen sein. Anfang November sollten die Tiere außerdem mindestens 500 Gramm wiegen, um den Winter zu überstehen. „Ein Richtwert für einen gut genährten Igel ist die Größe der Faust eines Erwachsenen“, sagt Anne Mäckelburg. Nur wenn die Tiere zu klein, augenscheinlich krank oder gar verletzt seien, sei Hilfe erforderlich, fügt sie hinzu. Wer sich mit der Pflege der Tiere nicht auskennt, wendet sich am besten an den Böblinger Tierschutzverein, der den Kontakt zu Igel-Experten vermitteln kann. Im Zweifelsfall wird das gefundene Tier in einer Igelstation untergebracht.

Wer es sich dagegen zutraut, der kann einen zu schmächtigen, aber sonst gesunden Igel auch in einem für den Hausgast hergerichteten Karton aufpäppeln und überwintern lassen. Zweimal am Tag sollte man dort nach den Tieren sehen, das Nistmaterial austauschen und Futter und Wasser hinstellen. Igel fressen übrigens weder Obst noch trinken sie Milch. „Man füttert sie mit ungewürztem Rührei oder Nassfutter für Katzen“, sagt die Biologin Mäckelburg. Das Ziel sei es aber immer, das Wildtier Igel so schnell wie möglich wieder in die freie Natur zu entlassen, erklärt Faix, das liege ihr sehr am Herzen.

Helfer gesucht

Im Kreis Böblingen gibt es nur eine private Igelstation, die auch noch ehrenamtlich betrieben wird. 300 bis 400 Igel würden dort über das Jahr verteilt versorgt, sagt Mäckelburg. Fördermittel gebe es keine, deshalb seien die Igel-Freunde auf Spenden angewiesen. Wer sich für die Tiere einsetzen möchte, der kann eine Spende auf das Konto des Böblinger Tierschutzvereins mit dem Stichwort „Igelhilfe“ überweisen – oder sich wie Anna Faix gleich selbst um einen oder mehrere Igel in Not kümmern. „Es gibt nämlich viel zu wenig private Stellen“, sagt Anne Mäckelburg, die den Tieren ein Zuhause böten, nachdem das Gröbste überstanden sei. Das nötige Fachwissen bringen die Igel-Experten Neulingen gern bei. Auch hierzu kann der Tierschutzverein den Kontakt herstellen.

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Im Einsatz für Tiere

Auseinandersetzung:
Vor zweieinhalb Jahren hatte der Böblinger Kreistag nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit dem Tierschutzverein entschieden, ein neues Tierheim zu bauen und in Eigenregie zu betreiben. Zuvor hatten sich beide zehn Jahre lang gemeinsam um Tiere gekümmert.

Bauarbeiten:
Stark verunreinigter Erdaushub, Sturmschäden, der Fund von Weltkriegsbomben: beim Bau des Kreistierheims auf dem Grundstück der ehemaligen Kreisautoverwertung an der Herrenberger Straße in Böblingen hatten die Planer mit zahlreichen Widrigkeiten zu kämpfen, weshalb sich die Eröffnung auch verzögert hat. Ende dieses Jahres soll es nun aber soweit sein. Es wird mit Kosten in Höhe von 4,9 Millionen Euro gerechnet. In dem zweistöckigen Komplex sollen rund 50 Hunde, 80 Katzen und noch 100 Kleintiere Platz finden.

Tierschutzverein:
Wenn die Versorgung von herrenlosen Tieren auf das Kreistierheim übergeht, will sich der Tierschutzverein stärker für Wildtiere engagieren. Außerdem haben die Verantwortlichen im Frühjahr eine Hundepension eröffnet, in der etwa Berufstätige ihr Tier über den Tag betreuen lassen können

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