Stefan Eisenbarth ist für die Störche zwischen Karlsruhe und Baden-Baden der wichtigste Mensch. Der 60-Jährige betreut 60 Horste, beringt die Jungvögel und befreit ihre Nester von Plastikresten, damit sie bei Regengüssen nicht ertrinken.
Als sich Stefan Eisenbarth dem Horst nähert, erklingt kein fröhliches Schnabelgeklapper. Dabei hätte die am Ortsrand von Rheinstetten in einem Fichtenwipfel nistende Storchenfamilie allen Grund zur Freude. Der 60-jährige Mann, der den Korb eines Kranwagens in schwindelerregende Höhen dirigiert hat und nun über den Rand des Horstes guckt, ist ein Freund der Familie. Mehr noch. Er ist ein Freund aller Störche zwischen Karlsruhe und Baden-Baden. Seit Jahrzehnten kümmert er sich um sie. Gut 60 Horste betreut er zurzeit. Wohl auch, weil das mehr ist, als man von einem Freund erwarten kann, nennen ihn die Leute Storchenvater.
Anstatt mit dem Schnabel ein Staccato anzustimmen, wie Störche es tun, wenn der Partner mit Fröschen, Schnecken oder anderen Leckereien in den Horst zurückkehrt, schlägt der dort wachende Vogel nervös mit den Flügeln. Eisenbarth steuert seinen Kranwagenkorb ein paar Meter zurück. Das Flügelschlagen wird langsamer, hört ganz auf.
Ein Storchenküken reckt den Hals. Es späht durchs Reisig, mustert den Mann in Bluejeans und kariertem Hemd. Gibt es womöglich etwas zu fressen? Ein winziges, klebrig-nasses, grauweißes Etwas ist das Junge noch. Schwer vorstellbar, dass daraus noch in diesem Sommer ein ausgewachsener Weißstorch wird, der Mitte August mit 20, 30 Gleichaltrigen Richtung Marokko oder Mali aufbricht. Sollte er Hin- und Rückflug überleben, sieht man ihn hier im nächsten Frühjahr wieder. Störche halten zwar nicht Partner oder Partnerin die Treue, wohl aber dem angestammten Horst.
Röhrchen am Bein
Eisenbarth ist an diesem Vormittag lediglich als Beobachter gekommen. Was zum Schutz der Horstbewohner zu tun war, ist bereits getan. Das Nest ist von Plastikresten befreit, die es bei einem Regenguss zur Wasserschüssel werden lassen, in welcher der Nachwuchs ertrinkt oder erfriert. Die Storcheneltern sind beringt. Mit Zahlen- und Buchstabenkombinationen versehene Röhrchen tragen sie am Bein. Eisenbarth bezieht sie von der Vogelwarte Radolfzell, die in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie das Leben der Störche am Oberrhein erforscht.
„Anzulegen sind die Röhrchen, wenn die Jungen sieben Wochen alt sind“, erklärt Eisenbarth. Wenn er zur Beringung am Horst erscheine, ergriffen die Storcheneltern die Flucht. Die Jungvögel stellten sich tot. Das mit einem Scharnier versehene Röhrchen zu öffnen, einem regungslosen Tier anzulegen und wieder zu schließen, sei nicht schwer. Nicht gebannt ist freilich die Gefahr, dass die Vogeleltern fressen oder füttern, was sie oder den Nachwuchs qualvoll sterben lässt: Gummiringe, die Würmern oder Schlangen gleichen, Schnüre, die man aus Vogelperspektive für Eidechsen oder Schnecken halten mag.
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Als er wieder festen Boden unter den Füßen hat, geht Eisenbarth zum Auto. Er zieht zwei Säcke aus dem Kofferraum, leert den Inhalt auf die Straße. Von Zerfall und Fäulnis gezeichneter Müll ergießt sich über den Asphalt. Dichtungsringe sind in dem Wirrwarr zu erkennen, Plastikhandschuhe, Tetra-Pak-Reste und Hundekotbeutel. Aber auch Kokosstricke liegen da, wie Gärtner sie zum Anbinden junger Bäume verwenden, oder Schlaufen, mit denen Weinbauern Reben befestigen.
Der Unrat stamme aus Kröpfen tot aufgefundener Störche, erzählt Eisenbarth voller Ingrimm. Ein Weißstorch müsse für sich und den Nachwuchs jährlich fünf Zentner Futter anschleppen, da könne er nicht jedes Teil lange hin und her wenden. Das Veterinäramt Karlsruhe habe im Magen eines Storchs kürzlich sogar einen Luftballon gefunden. Das Tier müsse elendiglich verhungert sein.
Was treibt Eisenbarth an? Die meisten Menschen mögen Störche. Aus gutem Grund schmückt ein Weißstorch das Logo des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Gute Eigenschaften wie Stolz und Edelmut ordnet man dem Vogel zu. Selbst die Fähigkeit, Menschen mit Kindern zu beglücken, hat man ihm angedichtet. Aber die wenigsten Menschen stellen sich ein Leben lang in seinen Dienst.
Schon als Kind rettete er Gelbbauch-Unken
„Seit früher Kindheit bin ich Tieren und Pflanzen nahe“, sagt Stefan Eisenbarth. Als kleiner Junge habe er bei Bauarbeiten Gelbbauchunken vor dem Bagger gerettet, über die Straße getragen und am neuen Ort gefüttert. Später sei für ihn nur ein Beruf infrage gekommen: Gärtner.
Eisenbarth brachte es zum Meister, heuerte 1987 bei der Gemeinde Rheinstetten an. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Zuchtstörche aus dem Odenwald in Rheinstetten auszuwildern und zu betreuen. Als das Projekt endete, wollte, ja konnte er nicht mehr davon lassen. Ehrenamtlicher Storchenschützer ist er seitdem.
Eines hat sich allerdings geändert. Eisenbarth hat Unterstützung bekommen. Seit zwei Jahren steht Annette Jung , 50, ihm bei. Sie war es auch, die den von Eisenbarth ausgekippten Unrat aus dem Kropf toter Störche geborgen und in Säcke gepackt hatte. Als Altenpflegerin verdient sie ihren Lebensunterhalt. In der Freizeit ist sie Storchenschützerin. Nach Sturm oder Platzregen eilt sie von Horst zu Horst, um zu retten, was zu retten ist. Während Eisenbarth freilich an einen Arzt erinnert, der zu seinen Patienten Distanz wahrt, um mit kühlem Kopf und ruhiger Hand auch schmerzliche Eingriffe durchführen zu können, ist der Storchenschutz für Annette Jung „eine Herzensangelegenheit“, wie sie sagt.
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Es war Liebe auf den ersten Blick. Einem Weißstorch galt sie, der sich in ihrem Wohnort Bischweier Tag für Tag auf derselben Straßenlaterne niederließ. Die Frau begann, sich Sorgen zu machen, nahm Kontakt mit Eisenbarth auf, erfuhr, dass zur Sorge kein Grund bestehe. Wie bei den Menschen hätten auch manche Störche keinen festen Wohnsitz.
Jung wollte mehr wissen über den Laternen-Storch und seine Artgenossen. Sie machte beim Nabu eine zweitägige Storchenschutz-Ausbildung. Und dann ging sie noch einen Schritt weiter. Sie gab einem Storch ihren Namen. Ein Jungstorch war es, den sie gut kannte. Als er sieben Wochen alt war, hatte sie auf seinem Rücken einen Sender befestigt: ein von der Vogelwarte geliefertes Kästchen. Und weil mit Sendern ausgestattete Störche einen Namen haben sollen, hat Annette Jung einen ausgewählt, den eigenen eben.
„Sehr nah“ hat sie sich dem Vogel danach gefühlt. Dass sie dank des Senders und der App Animal Tracker immer wusste, wo sich die andere Annette gerade befand, hat das Gefühl der Nähe noch verstärkt. Sechs Wochen später ereilte den kleinen Liebling das Schicksal der meisten Storchenjungen. Er starb, bevor er erwachsen wurde. „Er hatte Gummiringe gefressen, sein Tod hat sehr wehgetan“, sagt Jung. „Von sechs Storchenjungen überlebt nur eines das erste Jahr.“ Die anderen flögen gegen Stromleitungen, kollidierten mit Windrädern oder fräßen eben todbringenden Müll.
Storchenschutz ist eine Erfolgsgeschichte
Ohne das Eingreifen des Menschen wäre die Todesrate viel höher. Storchenschutz ist eine Erfolgsgeschichte. Brüteten 2010 nur 4600 Storchenpaare in Deutschland, waren es im vergangenen Jahr 7500. Und ist das erste Jahr einmal überstanden, winkt dem Storch ein langes Leben von 20, manchmal 30 Jahren.
Was nicht heißt, dass die Beziehung Mensch – Storch nicht auch Belastungen ausgesetzt wäre. Beschließt ein Storch etwa, seinen Horst auf dem Kamin eines Wohnhauses zu errichten, ist es mit der Tierliebe oft schnell vorbei. „Das Zeug muss weg“, schallt es dann durchs Haus. Doch das Zeug darf nicht weg. Das Naturschutzrecht lässt das nicht zu.
Eisenbarth bietet sich in solchen Fällen als Vermittler an. Er schlägt etwa vor, einen störenden Horst etwas zur Seite oder nach oben zu versetzen. „Das gefällt zwar weder Storch noch Mensch“, sagt er. Ihre Beziehung könne aber gestärkt aus so einer Krise hervorgehen.