Harry Aberle ist seit 46 Jahren Tierpfleger in der Wilhelma in Stuttgart. Begegnung mit einem Mann, den fast nichts mehr aus der Ruhe bringen kann.
Stuttgart - Der Ton ist barsch. „Freddy, komm her! Tong!“ Zwei Rufe reichen, schon kommen sie angeschwommen. Frederick, das Riesenkrokodil, viereinhalb Meter lang, 520 Kilo schwer. Und Tong, die zierlichere Dame an seiner Seite. Harry Aberle steht auf dem Steg über dem Gehege und schaut auf die Tiere herunter. Freddy und Tong liegen im Wasser, nur ihre Augen und die Schnauzen gucken heraus. Die kegelförmigen, scharfen Zähne kann man unter Wasser nur erahnen. „Die folgen mir wie Hündchen. Das ist der Knaller, oder?“ Aberle kann begeistert klingen wie ein Kind. Es ist 9.30 Uhr. Noch ist die Krokodilhalle für Besucher geschlossen. Draußen bläst ein kalter Wind, drinnen hat es 25 Grad.
Harry Aberle ist der Krokodilflüsterer der Wilhelma. Manche nennen ihn Crocodile- Harry. Er leitet das Revier des Terrariums rund um Krokodile, Schlangen, Schildkröten und Frösche. In fünf Monaten wird er in Rente gehen, mit 64. Er hätte noch zwei Jahre weiterarbeiten können, doch so gern er seinen Job hat: Ihm reicht’s. „Tierpflege ist Knochenarbeit“, sagt er. Auch jedes zweite Wochenende hat Aberle Dienst. „Du stehst oft in der Scheiße. Und wenn eine Schlange kotzt, musst du das wegputzen. Ist so.“ Dazu kommt: Die Tierpfleger sind auch für die Gestaltung der Gehege zuständig. Das Modellieren der schweren Steine kostet Kraft, das geht auf den Rücken und die Schultern. Auch die Verantwortung, die Aberle trägt, wiegt schwer. Immer wieder ruft er seinen Mitarbeitern an diesem Morgen zu: „Junger, pass auf!“
Die gefährlichsten Reptilien der Welt
Tong heißt „die Goldene“. Wie Freddy stammt sie von einer Krokodilfarm – sie aus Thailand, er aus Australien. Aberle wird nicht müde zu erklären, dass Leistenkrokodile die größten und gefährlichsten Reptilien der Welt sind. Sie können bis zu sieben Meter lang werden und es mühelos mit einem Wasserbüffel aufnehmen. Dass Aberle furchtlos ist und Entertainer-Qualitäten besitzt, hat er jahrzehntelang bewiesen. Bei der öffentlichen Fütterung ließ er Tong aus dem Wasser springen, damit sie sich das leblose Hühnchen schnappen konnte, das er ihr entgegenstreckte. Einmal war’s ein Hase, an Ostern. Da seien die Kinder so entsetzt gewesen, dass er seither lieber Huhn oder Karpfen nehme. Wieder ist seine Begeisterung zu spüren. „Krokodile, das sind die letzten Überbleibsel der Urzeit. Das ist so, als würde ich Saurier füttern.“
Leistenkrokodile springen auch in der Natur, sagt Aberle. „Die holen sich Vögel, Flughunde und sogar Affen von den Bäumen.“ Wegen Corona gibt es aktuell keine öffentlichen Fütterungen. Erkannt wird Aberle trotzdem regelmäßig von den Wilhelma-Besuchern. Seine Autogrammkarte sei in Windeseile vergriffen gewesen, sagt er. Es gab Zeiten, da war er öfter im Fernsehen zu sehen. Bei der SWR-Zoo-Doku „Eisbär, Affe & Co.“, beim „Tigerentenclub“ und in einer Sendung des Fernsehmoderators Markus Brock. Manchmal legen ihm Fans Bierkrüge oder Feuerzeuge mit Krokodilmotiven vor die Haustür im Vaihinger Stadtteil Aurich, wo er schon lange wohnt. Seit seiner Kindheit sammelt Aberle Krokodil-Nippes. Er war wie elektrisiert, als er als Zehnjähriger zum ersten Mal einen Kaiman im Zoofachgeschäft erblickte. 15 Zentimeter klein war der und mit 15 Mark damals unerschwinglich. „Ich habe ihn angeschaut, als wäre er ein Weltwunder.“
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Heute weiß Harry Aberle nicht nur, wie er mit Krokodilen umzugehen hat, er kennt sich auch bestens mit Gift- und Würgeschlangen aus, mit Fröschen, Schildkröten und Echsen. Noch immer sorgt die Arbeit mit den Tieren für Adrenalinschübe. Hellwach ist er, wenn er die Gehege der Pythons und Vipern betritt. Er weiß: Er darf sich keine Sekunde ablenken lassen. Fürs Foto legt er sich einen 42-Kilo-Albino-Tigerpython um die Schultern. Einen gewaltigen Schlauch aus Muskeln und Schuppen. Aberle ächzt unter der Last, unter der er fast zu verschwinden droht. Den Kopf der Würgeschlange hält er mit festem Griff. „Sonst erlebe ich den nächsten Tag nicht mehr“, sagt er trocken. An seinem Gürtel hängt ein Messer. „Für Notfälle.“ Aberle kokettiert gern damit, dass er das kann. Mit Schlangen hantieren, als seien sie sein dritter Arm.
Der Vater als Wegbereiter
1972 hat er diese Welt zum ersten Mal betreten – beim Schulpraktikum in der Wilhelma. „Es war immer mein Traum, hier zu arbeiten.“ Durch den Vater, der 35 Jahre Vorstand eines Fischereivereins war und ein Geschäft für Anglerzubehör führte, kam Aberle schon als Kind in Kontakt mit Tieren. Von den Eltern weiß er, dass er die ersten eigenen Schritte bei einem Besuch in der Wilhelma gemacht hat. „Vor den Flamingos.“
1975 ergatterte Aberle einen Ausbildungsplatz als Tierpfleger im zoologisch-botanischen Garten. Nach der Lehre ging’s zur Bundeswehr, zu den Fallschirmjägern nach Calw. „Die Kameraden lasen Auto- und Motorradzeitschriften, dafür hab ich mich nie interessiert.“ Aberle erinnert sich, wie er stattdessen in Tierzeitschriften blätterte. Das sei ihm komisch vorgekommen. „Warum bin ich so anders als die anderen?“ Nach der Wehrpflicht kehrte er zurück in die Wilhelma, bekam eine unbefristete Stelle im Aquarium und stellte erleichtert fest: „Die Kollegen sind hier alle so wie ich.“ 46 Jahre ist das her, und Aberle ist dem Zoo bis heute treu geblieben. „Das ist immer noch mein Traumjob“, sagt er.
Aberle hat ein Ritual: Bevor sein Dienst beginnt, sitzt er jeden Morgen auf einer Bank am Seerosenteich und genießt die Stille. Keine Besucher. Nur Enten und Vögel, die er beobachten kann. Während der Zoo erwacht, trinkt er seinen ersten Tee. „Das ist wunderschön. Das wird mir fehlen.“ Zum Ritual gehört auch der morgendliche Rundgang durchs Revier. Aberle schaut, ob alle Tiere fit sind. Er sammelt Kotproben fürs Labor, guckt, welche Arbeiten erledigt werden müssen. Es gibt genaue Fütterungspläne. Die Echsen und Frösche sind dienstags an der Reihe. „Pfeilgiftfrösche sind wie kleine Vögelchen“, sagt er, „die wollen immer fressen.“ Ob Frosch oder Krokodil, Aberle spricht mit allen. Meistens ruft er ihre Namen und fragt: „Alles klar?“
Er klopft gerne Sprüche
Bevor Aberle zu den Giftschlangen kam, hatte er jahrelang für die Fische gesorgt. Nach dem Wechsel ins Terrarium merkte er schnell, dass er ein Händchen für Reptilien hat. Learning by Doing sei das gewesen, sagt er. „Das meiste hab ich mir selbst beigebracht.“ Als er jung und unerfahren war, da gab es einige schlaflose Nächte. Manchmal träumte er, er sei in einer Schlangengrube gefangen. Heute schwärmt er von den Tieren. Von der weichen Haut der Pythons. Von den raueren Wüstenschlangen. „Schlangen sind wie Frauen. Du weißt nie, wie die drauf sind.“ Ein typischer Aberle-Spruch.
Hinter den Kulissen hängt ein Erste-Hilfe-Kasten, falls doch mal eine Schlange beißt. Aberle präsentiert einen Absauger, der das Gift entfernt. „Da musst du schnell sein. Die ersten drei, vier Minuten zählen.“ Gebraucht wurde er noch nicht. Genauso wenig wie die Antiseren, die früher direkt in der Wilhelma lagerten und heute im Notfall von einem Serum-Depot eingeflogen werden. In den 46 Jahren, die Aberle als Tierpfleger arbeitet, sei nie etwas passiert, sagt er. Weil er abergläubisch ist, nutzt er nur seinen eigenen Schlüssel, um in die Gehege zu gelangen. Und seinen eigenen Schlangenhaken.
Die gefährlichsten Reptilien der Welt
Als Schlangenexperte ist Aberle ein gefragter Mann. Hunderte Schulungen hat er geleitet, für die Feuerwehr, die Polizei und die Bundeswehr. Die müssen schließlich anrücken, wenn irgendwo ein Tier gefunden wird. Manchmal wird Aberle hinzugerufen, wenn ein besonders gefährliches Exemplar gesichert werden muss. Einmal erwischte ihn eine Kobra an der Hand. Durch den Sack durch, den er zum Schutz über dem Arm trug. Zum Glück war es nur ein kurzer, trockener Biss, bei dem noch kein Gift injiziert wurde.
Aberle sagt, dass sich die Haltungsbedingungen in der Wilhelma verbessert hätten. Früher sei es darum gegangen, möglichst viele Arten zu zeigen. „Heute weiß man es besser.“
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Er kennt die natürlichen Lebensräume seiner Schützlinge. Aberle ist rumgekommen in der Welt – Afrika, Asien, Sumatra, Sri Lanka. Vor allem Neuguinea ist ihm im Gedächtnis geblieben. Er hat die Insel zu Fuß erkundet und per Boot, von Nord nach Süd, ist dabei auf indigene Völker gestoßen und auf unberührte Natur. Er hat Tiere in freier Wildbahn beobachtet und Wissen gesammelt wie andere Briefmarken. „Das war immer mein Leben.“
Bald geht er in den Ruhestand
Seit 48 Jahren ist Aberle mit einer gebürtigen Griechin verheiratet. Zwei- bis dreimal im Jahr fährt er mit Vicky nach Saloniki. Für ihn eine zweite Heimat. Das Paar hat zwei erwachsene Söhne. In der Familie teilt niemand die Leidenschaft für Reptilien. „Traurig macht mich das nicht. Jeder soll seinen Weg gehen.“
Harry Aberles Weg in der Wilhelma endet bald. Dann wird er mehr Zeit haben für die Obstbäume im Garten zu Hause. Er will wieder fischen gehen, noch öfter nach Griechenland fahren. „Ich hoffe, dass ich noch ein paar gesunde Jahre habe.“ Krokodile gibt es in Griechenland zwar nicht, dafür jede Menge Schildkröten. Sie sind Aberles zweite große Liebe.