Rund 900 Tiere haben derzeit im Tierheim in Botnang Zuflucht gefunden. Sich um sie zu kümmern, bedeutet sehr viel mehr als für Streicheleinheiten zu sorgen.
Mit fröhlichem Gebell und Schwanzwedeln begrüßen die vier Hunde von Petra Veiel die Besucher im Büro des Stuttgarter Tierheims. Veiel ist Sprecherin des Heims, hat die vier adoptiert. „Wenn man im Tierheim arbeitet, täglich sieht, welches Leid die Tiere durchmachen mussten, kann man nicht anders “, sagt sie und muss ans Telefon. Die Anruferin ist ratlos. Ihr schwarzer Kater Johnny ist verschwunden. Das Tier ist zwar gechippt, aber nicht bei Tasso gemeldet. Tasso ist eine Tierschutzorganisation, bei der Halter ihr Haustier kostenlos registrieren lassen können. Tierheime zum Beispiel melden dort ihre Fundtiere. Und mit Glück kommen Besitzer und Tier wieder zusammen, klärt Veiel die Anruferin auf. Die will sich sofort bei Tasso melden.
Die meisten Anrufer suchen derzeit nach einer Unterbringung für ihr Tier während ihres Urlaubs. Veiel: „Die sind viel zu spät dran. Die Tierpensionen sind ausgebucht. Und wir haben keinen Platz, um Pensionsgäste aufzunehmen.“ Sie und ihre Kollegen haben festgestellt, dass sich vor allem die Halter, die sich in der Coronapandemie ein Tier angeschafft haben, keine Gedanken über dessen Unterbringung in der Ferienzeit gemacht haben. Veiel: „So viel Egoismus ärgert uns. Wir können nur hoffen, dass sich nette Nachbarn eine Zeit lang um das Tier kümmern und sie nicht irgendwem anvertraut werden.“ Seit Beginn der Ferien sind zum Glück aber nicht mehr Tiere als sonst in Botnang gelandet.
Hohe Energiekosten machen den Tierschützern zu schaffen
An diesem Tag ist wie jeden Donnerstag Operationstag im Tierheim. Drei Katzen und zwei Hunde sollen kastriert werden. Auch Cinque steht auf der Patientenliste: Der Mischlingsrüde liegt bereits auf dem OP-Tisch. Frauchen Valeria Iren Körtvelyes wartet mit Tränen in den Augen vor der Tür. Angst um ihren Liebling hat sie, weil Cinque bereits 15 ist und wegen eines Tumors kastriert wird.„Hoffentlich geht alles gut“, sagt sie. Es ging alles gut. Nachdem Cinque aus der Narkose aufgewacht ist, kann sie ihn wieder mit nach Hause nehmen. Im Tierheim kastriert werden nur die Tiere, die dort leben oder durchs Heim vermittelt worden sind.
Tierarzt-, Personal- und die Energiekosten: Das sind die drei größten Positionen. Insgesamt haben die Botnanger Tierschützer Ausgaben von rund 1,9 Millionen Euro pro Jahr. Die Stadt bezuschusst das Heim mit 480 000 Euro jährlich. Der Rest finanziert sich über Erbschaften und Spenden. „Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der Angst vor Gasknappheit und steigenden Energiepreisen ist die Spendenbereitschaft stark zurückgegangen“, sagt Veiel und stellt fest, dass die steigenden Energiekosten auch dem Tierheim zu schaffen machen: „Wir brauchen viel Strom, um die Tierhäuser auch bei kühlem Wetter warmzuhalten, und enorm viel Wasser.“
Pute auf der Speisekarte für die Hunde
Das Wasser ist vor allem zum Schrubben und Putzen der Tierhäuser nötig. Nachdem er morgens um 7 Uhr als Erstes nach Arbeitsantritt seine rund 100 Katzen gefüttert hat, räumt Haupttierpfleger Michael Daconceicao Spielsachen, Decken und Körbchen aus den Räumen im Katzenhaus, schickt seine Pfleglinge nach draußen in den Auslauf und spritzt und schrubbt die Böden ab. Anschließend wird alles desinfiziert. „Bis 12 Uhr muss alles fertig sein“, erklärt Daconceicao. Weil er gut in der Zeit liegt, wird jetzt noch mit den Tieren geschmust, gekrault und gespielt.
„90 Prozent unserer Arbeit besteht aus Putzen. Gespielt und gestreichelt wird danach“, bestätigt Sören Wenzel. Er ist auch einer der 20 festangestellten Tierpflegerinnen und -pfleger und im Hundehaus für 35 von rund 100 Hunden zuständig. Die Waschmaschine läuft. Drin sind die Decken für die Hunde, die regelmäßig gewaschen werden. Sauber gemacht ist schon.
Deshalb hat er Zeit, Klausi aus der Quarantänestation abzuholen. Der Boxermischling kommt aus Spanien, hat auf der Straße gelebt, wurde von spanischen Tierschützern gerettet und nach Stuttgart gebracht. „Er ist so ein charmanter Hund, ein Sonnenschein“, schwärmt Veiel. Noch nicht adoptiert wurde Klausi eventuell, weil er mit 12 nicht mehr ganz jung ist.
Im Auslauf angekommen, kühlt er sich erst einmal im Hundepool ab – und schüttelt sich, dass es nur so spritzt. Während sämtliche Hunde noch im Auslauf sind oder mit ehrenamtlichen Helfern Gassi gehen, wird im Hundehaus 2 für die Meute gekocht: Auf der Speisekarte steht Huhn. Die beiden beschlagnahmten Hähne, die im Hühnerstall des Tierheims abwechselnd um die Gunst der Hühner buhlen, lässt das kalt. Ihr Problem: Da sie sich gegenseitig tot hacken würden, wird einer immer eingesperrt. „Den einen Tag muss der eine, am nächsten Tag der andere in den Käfig“, sagt eine Pflegerin, die sich auch um die Gänse kümmert.
Kätzchen Yuna findet ein neues Zuhause
Nach 12 Uhr ist es ruhig auf dem Gelände: Bis 14 Uhr ist Mittagspause. Danach wird es spannend für Pfleger und Tiere. Dann kommen Interessenten, die ihren Besuch angemeldet haben, und schauen sich um. Tanja Oberst und ihr Sohn Timur (13) möchten eins von zwei Dutzend Birma-Katzenbabys adoptieren, die aus einer Vermehrung stammen. Das heißt: Die Tiere müssen ständig Nachwuchs produzieren, werden schlecht gehalten und wurden darum vom Ordnungsamt beschlagnahmt.
Mit Yuna ist das Kätzchen für Mutter und Sohn schnell gefunden, beziehungsweise Yuna hat sich die beiden ausgesucht: Das vier Monate alte Katzenbaby ist nicht mehr von Timurs Seite gewichen. Es soll dem älteren Kater der Familie Gesellschaft leisten. „Die Birma-Katzen lassen sich ruckzuck vermitteln. Bis zum Wochenende werden alle reserviert sein“, ist Michael Daconceicao überzeugt. Die Vermittlungsgebühr liegt für ein Rassekatze bei 200, für alle anderen bei 100 Euro. Bei Hunden sind es 300 Euro für Rüden und 350 Euro für Hündinnen. „Deren Kastration ist schwieriger“, erklärt Veiel die Preisunterschiede. In den Kosten enthalten sind alle Impfungen, die Kastration und der implantierte Chip, über den sich der Besitzer finden lässt.
Weitere Interessenten an einer Tieradoption gibt es an diesem Tag nicht. „Es sind eben Ferien“, so Veiel. Die Vermittlungsquote der Botnanger Tierschützer liegt bei gut 90 Prozent. Im Schnitt sind die Tiere drei bis vier Monate im Heim. „Wir sehen uns nicht als End-, sondern als Durchlaufstation“, sagt Veiel. Pro Jahr durchlaufen knapp 3000 Tiere das Tierheim in Botnang – darunter viele Kleintiere wie Hamster, Kaninchen Ratten, Vögel und auch Reptilien.