Den ganzen Tag herumhängen – für ein Faultier ist das überhaupt kein Problem. Foto:  

Tiere begeistern die Netzwelt wie Superstars. Gerade arbeitet sich das Faultier auf der Karriereleiter nach oben. Wird der König der Langsamkeit den digitalen Durchbruch schaffen?

Stuttgart - Sie glitzern. Sie fauchen. Sie haben spindeldürre Beinchen. Gemeint sind nicht Heidi Klums Topmodels, sondern die aktuellen Überflieger der digitalen Szene: Einhorn, Katze, Flamingo. Aussehen und Persönlichkeit bringen ihnen tierisch Erfolg: Roomba Cat muss nur auf einem Staubsauger-Roboter surfen und sackt 7,6 Millionen Klicks auf Youtube ein. Flamingos modeln für Gucci, und Einhörner haben es bis auf Bratwurstpackungen geschafft. Richtige Idole. Erwachsene Menschen stecken sogar ihre Körper in Plüscheinteiler, um auszusehen wie sie. Diesem Ruhm eifert jetzt ein Tier nach, das bisher nur herumhing – auf einem Ast, 20 Stunden am Tag. Das Faultier.

Einmal die Woche geht es aufs Klo, aufregender wird es nicht. Hat dieses Wesen das Zeug zum Internetwahnsinn?

Erste Voraussetzung ist Ausstrahlung auf Bildern. Meister darin sind Katzen mit ihren Kulleraugen, der großen Stirn und der Stupsnase. In der Verhaltungsforschung beschreibt man das als Kindchenschema, im Social-Media-Jargon als „Cuteness-Over­load“. Auch Einhörner sind auf Bildern ganz süß beziehungsweise sternschnuppen-knuffig, und Flamingos punkten durch lässige Eleganz auf einem Bein.

Selfie-taugliches Dauergrinsen

Und das Faultier? Hat ein prädestiniertes Selfie-Face. Das gebogene Maul verleiht ihm ein gewinnbringendes Dauergrinsen, Instagram-Fotos mit ihnen sind der Renner. Tierschützer von World Animal Protection sind bereits alarmiert. Der Selfie-Hype heize den illegalen Handel mit den Exoten an, die in freier Natur nur in den Regenwäldern Südamerikas vorkommen.

Zum Glück ist das Faultier auch als Zeichentrick-Held ein Hingucker, zum Beispiel als Slid im Kinofilm „Ice Age“. Nach dem Leinwanderfolg holte das Faultier mit dem „Slid-Shuffle“, einem Tanz zum Nachmachen, satte 42 Millionen Klicks auf Youtube. Geile Performance und gutes Aussehen reichen nicht für den Megahype. Ein Trend-Tier brauche symbolische Bedeutung, sagt Sozialforscher Sacha Szabo. Die Einhorn-Flamingo-Manie wäre damit banal erklärt: Sie gaukeln uns eine heile Welt vor, wir stürzen uns benebelt von Glitzer und Coolness hinein. Dabei sind die Kreaturen politische Rebellen – um die Ecke gedacht. Einhörner stehen für Toleranz – mit ihren Regenbogenfarben werben sie für sexuelle Vielfalt. Der Flamingo hingegen ruft: Bekennt (rosa) Farbe! Er steht für Eigenwille.Und Katzen, die Unterhaltungsgranaten ohne Ablaufdatum? Die sind keine Revoluzzer, sondern setzen einfach auf die „Ich-bin-wie-du-Taktik“. In den Videos tappen sie in Fettnäpfchen und sind mal richtig sauer, wir lachen aus Selbstironie.

Statement gegen den Leistungswahn

In dem Wirbel aus Aufklärung und Unterhaltung schlappt jetzt das Faultier daher. Minimales Tempo, rekordverdächtig langsamer Stoffwechsel, stark kurzsichtig. Motto: „Sleep, eat, sleep, repeat“. Das Faultier gönnt sich Entspannung – den ganzen Tag. Sehr sympathisch in einer Gesellschaft voller Leistungsdruck und Perfektionismus.

Der Ikone des Chillens fehlt zum Durchbruch deshalb nur noch eines: ein ­Produkt, das seine Botschaft in die Welt ­hinausträgt. Ein Verkaufsschlager wie die Einhorn-Glittersportschokolade. Die Drogeriekette dm hat ihr Glück mit der „Born to be lazy“-Bodylotion versucht. Vielleicht knallt ja ein veganer Hanfkeks mit Faultier-Aufdruck mehr. Man weiß es nicht. Wir warten in Ruhe.

Aufpassen müsse das Faultier nur, dass es nicht von der Schildkröte überholt werde, sagt Trendforscher Szabo: „Die hat aber auch die biologischen Voraussetzungen, lange zu warten, bis sie endlich in Mode kommt.“

Geruhsame Zeitgenossen

Systematik Faultiere gehören zu den zahnarmen Säugetieren und sind mit Ameisenbären und Gürteltieren verwandt. Die sechs bekannten Arten werden in zwei Gattungen unterteilt: Zweifinger- und Dreifinger-Faultiere.

Lebensweise Faultiere leben in tropischen Regenwäldern in Süd- und Mittelamerika, wo sie sich in Bäumen aufhalten und von Blättern ernähren. Dieses Futter liefert wenig Energie – mit der die Tiere durch langsame Bewegungen und häufige Pausen sparsam umgehen.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.weltkatzentag-flauschige-gute-laune-macher-fuer-stuttgart.b4638be6-2256-4a6d-9ffa-96d93bec007d.html

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.weltkatzentag-das-sind-die-besten-katzenvideos.2b5fc94d-12c0-47a7-a43d-b88cb597f746.html

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.flamingos-schildkroeten-und-co-ungewoehnliche-tier-begegnungen-in-stuttgart.ddc544fd-3248-472f-80de-4c995831db29.html

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