Tierschützer kritisieren, dass Dressur und Präsentation von Raubkatzen in der Manege Tierquälerei sei Foto: dpa

Tierschützer und Grüne wollen Haltung und Dressur von Wildtieren im Zirkus verbieten.

Pforzheim - In Deutschland gibt es rund 350 Zirkusse. Tierschutzorganisationen machen seit Jahren gegen die Haltung von Wildtieren mobil, die sie als nicht artgerecht verurteilen. Die Wanderbetriebe wehren sich und fürchten bei einem Verbot um das Ende des Traditionszirkus.

Sascha Melnjak hasst diese Plakate. Seit Jahren verfolgen sie ihn wie ein Bazillus. "Wildtiere raus aus dem Zirkus" oder "Schluss mit Tierquälerei" ist darauf zu lesen. Eine Handvoll Aktivisten der Tierrechtsorganisation Peta demonstriert vor dem Eingang des Zirkus Charles Knie auf dem Pforzheimer Messplatz gegen das Leiden von Zirkustieren. Eine junge Frau, die am ganzen Körper geschminkt ist, als wäre sie ein Tiger, sitzt in einem Käfig und faucht. Die Besucher, die in die Vorstellung strömen, schütteln verständnislos den Kopf.

Empörung über pauschale Angriffe

"Solche Aktionen ärgern mich maßlos. Es ist die Unwahrheit, was die Tierschützer behaupten", schimpft der 35-Jährige, der den Wanderbetrieb 2007 kaufte und seitdem als Zirkusdirektor durch Deutschland tourt. "Sie greifen pauschal die ganze Branche an und verurteilen jede Tierhaltung im Zirkus. Die Wahrheit wollen sie gar nicht hören, sondern nur die Zirkusse kleinkriegen."

Hätten Tierrechtler das Sagen, könnte Massai seinen Käfig bald verlassen. Der Löwe mit der mächtigen Mähne macht nicht den Eindruck, als würde es ihm schlechtgehen. Massai bringt 350 Kilogramm auf die Waage, er ist der König unter den 104 Tieren des Großzirkus. Mit 17 Jahren genießt er das Privileg, nicht mehr jeden Tag zweimal trainieren zu müssen. Mit den anderen Raubkatzen - drei Löwinnen, vier Tiger - liegt er dösend im Käfig. Die Tür zum 50 Quadratmeter großen Freigehege steht immer offen.

"Die Tiere sind mein Leben"

"Hi Max!", ruft Alexander Lacey einem Tiger zu. "Die Tiere sind mein Leben", sagt der 34-Jährige. Seit 2007 ist der britische Stardompteur bei Charles Knie unter Vertrag. Bei 600 Vorstellungen pro Jahr brauche es Respekt und Verständnis für die Tiere. "Druck und Gewalt bewirken gar nichts." Raubkatzen könnten problemlos in Gefangenschaft gehalten werden. Zwei Drittel des Tages würden sie schlafen und fressen. "Daneben wird geprobt." Auf Peta, die weltweit größte Tierrechtsorganisation, ist Lacey nicht gut zu sprechen: "Peta ist extrem. Ihre Leute wissen nicht, wie meine Tiere leben."

Seit Jahren herrscht ein kalter Krieg zwischen Zirkussen und Tierrechtsorganisationen wie Peta, Vier Pfoten, Bund gegen Missbrauch der Tiere oder Animal Public. "Die Haltung von Wildtieren im Zirkus ist systembedingte Tierquälerei", kritisiert Peta-Wildtierexpertin Carola Schmidt. Die lebenslangen Entbehrungen führten zu Verhaltensauffälligkeiten, Krankheiten, frühzeitigem Tod. Peta ruft in E-Mails an Medien, Schulen und Behörden zum Boykott von Zirkusvorführungen auf. Dabei wird in Kauf genommen, dass unzählige Schaustellerfamilien in ihrer Existenz bedroht sind.

Schwarze Schafe schaden dem Ansehen der Branche

Nach Angaben von Vier Pfoten durchstreift ein Löwe in freier Wildbahn ein Territorium von bis zu 400 Quadratkilometern - im Zirkus sind es 50 Quadratmeter. Platzmangel, finanzielle Probleme und mangelnde Sachkunde seien Gründe, die zur "katastrophalen Tierhaltung" führten, erklärt Wildtierexperte Thomas Pietsch. Kleinere Zirkusse würden aus Geldmangel häufig am Tierarzt und vitaminreichen Futter sparen. Aber Großzirkusse, schränkt er ein, seien "nicht pauschal besser als kleine".

Außer allgemeinen Regelungen des Tierschutzgesetzes gibt es in Deutschland keine rechtlich verbindlichen Vorgaben für die Tierhaltung. Die Zirkusleitlinien, die das Bundeslandwirtschaftsministerium erlassen hat, seien weder rechtsverbindlich noch würden die Minimalvorgaben in der Praxis hinreichend umgesetzt, kritisiert der Deutsche Tierschutzbund.

Enge Käfige, verdreckte Ställe

Jeder Zirkus muss sich vor Gastspielen beim Veterinär- und Ordnungsamt anmelden. Der Amtstierarzt soll Tiere, Ställe, Futterreserven und Gehege inspizieren - so die Theorie. Bei Charles Knie habe es noch nie Beanstandungen gegeben, sagt Sprecher Sascha Grodotzki. Der 24-jährige Betriebswirt kennt genug "schwarze Schafe, die durch ihre schreckliche Tierhaltung allen Zirkussen schaden". Wenn er andere Wanderbetriebe besuche, sei er "oft entsetzt" über enge Käfige, ungepflegte Tiere, verdreckte Ställe.

Auch Krone-Sprecher Frank Keller verweist gerne auf die Übeltäter in den eigenen Reihen, die den Ruf der Branche ruinierten. Krone ist mit 150 Tieren Europas größter Zirkus. Doch auch hier haben Tierschützer Mängel entdeckt. Anfang 2009 verurteilte das Amtsgericht Darmstadt Direktorin Christel Sembach-Krone wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu 1000 Euro Bußgeld.

Front gegen Tierhaltung wird massiver

Derartige Vergehen sind keine Seltenheit. So heißt es 2009 in einer Stellungnahme des Landwirtschaftsministeriums von Baden-Württemberg, "dass in kontrollierten Zirkusunternehmen immer wieder Mängel in der Tierhaltung festgestellt werden". Vor allem kleine Zirkusse werden oft nicht kontrolliert, weil sie sich nicht anmelden, wenn sie in einer Stadt gastieren. "Adäquate Kontrollen in Zirkussen", so Pietsch, "sind extrem schwierig durchzuführen."

Die Front gegen die Tierhaltung wird immer massiver. Inzwischen fordert sogar die Bundestierärztekammer ein Verbot. Zwei Vorführungen täglich von März bis November, 50, 60 Standortwechsel, der dauernde Lärm in der Manege - für Präsident Theodor Mantel steht fest: "Aus Sicht des Tierschutzes ist ein Verbot von allen Wildtierarten im Zirkus angezeigt." Das aber würde das Ende des traditionellen Zirkus bedeuten. "Zirkus ohne Tierhaltung ist Varieté", warnt Keller. Er glaubt fest daran, dass es "immer exotische Tiere im Zirkus geben wird. Man muss nur die Haltung richtig machen." Wo sollen die Löwen, Tiger und Elefanten auch hin? "Unsere Tiere sind keine Wildtiere. Wir gehen nicht mit dem Lasso auf Großwildjagd. Unsere Löwen sind in 16. Generation in menschlicher Obhut. Ausgewildert könnten sie nicht überleben."

Bisher scheitert das Verbot am Widerstand des Bundes

Das wissen auch die Tierschutzorganisationen. Im Falle eines Verbots seien "großzügige Übergangsfristen von zehn bis 15 Jahren vorgesehen", beschwichtigt Vier-Pfoten-Mitarbeiter Pietsch. "Die Zirkusse hätten genügend Zeit, sich umzuorientieren. Da sie nicht weiterzüchten dürfen, würde sich der Bestand von selbst verringern."

Die Wildtierhaltung ist längst ein Thema der Politik. 2003 forderte der Bundesrat die Regierung zum Handeln auf. Die Länder stimmten für ein Gesetz, dass die Haltung "grundsätzlich verbietet". Bisher ist das Verbot am Widerstand des Bundes gescheitert. "Im Hinblick auf das Grundrecht der Berufsfreiheit" gebe es "verfassungsrechtliche Bedenken", heißt es. 2008 trat die Zirkusregisterverordnung in Kraft, mit deren Hilfe Verstöße gegen eine tiergerechte Haltung besser aufgespürt werden sollen. Aber noch immer sind keine Daten verfügbar.

Peta hofft auf politische Rückendeckung

Undine Kurth ist über diese Hinhaltetaktik erbost. "Mir ist unverständlich, warum wir zu keiner Lösung kommen", sagt die Sprecherin für Naturschutz- und Tierschutz der Bundestags-Grünen. "Das zeigt das Desinteresse und das geringe Problembewusstsein der Politik." Um es wieder auf die Tagesordnung zu setzen, stellten die Grünen im Juni den Antrag, die Haltung von wilden Tieren im Zirkus zu verbieten.

Mit politischer Rückendeckung hofft man bei Peta, dass das Verbot bald Realität wird. Elf europäische Länder haben die Wildtierhaltung bereits verboten oder eingeschränkt. "Das Klima ist so vergiftet, weil die Zirkusse in die Ecke gedrängt sind", meint Schmidt. "Die merken, das Verbot steht kurz bevor. Daran gibt es nichts mehr zu rütteln." Pietsch ist weniger optimistisch. Das Bundeslandwirtschaftsministerium verfolge unverändert eine harte Linie. Ministerin Ilse Aigner (CSU) sei gegen ein Verbot und für eine bessere Überwachung.

Zirkus Krone fühlt sich verfolgt

Dass es auch (fast) ohne Tiere geht, beweist der Circus Roncalli. Mit seinem Programm aus Akrobatik, Clownerie und Varieté behauptet er sich erfolgreich am hart umkämpften Markt. Beim Münchner Traditionsbetrieb Krone dagegen fühlt man sich verfolgt. Der Zirkus sei durch "kriminelle Aktionen" von "militanten Tierrechtlern" in seiner Existenz bedroht, heißt es in einer Presseerklärung. Laut Keller rufen die Aktivisten im Internet zum Boykott auf, zerstören Plakate, öffnen gewaltsam Gehege. Bei Peta wehrt man sich gegen solche "bösen Verleumdungen", wie es Schmidt formuliert. "Wir sind keine Krawallmacher. Wir zerreißen keine Plakate. Wir als Peta machen sicher keine illegalen Aktionen."

Sascha Melnjak will jede Konfrontation vermeiden und setzt auf Transparenz. Beim Zirkus Charles Knie kann jeder die Tierhaltung überprüfen. "Wir haben nichts zu verbergen." Auch Tierrechtler könnten jederzeit einen Blick hinter die Kulissen werfen. Peta-Leute seien allerdings noch nie gekommen. "Sie lassen sich auf keine Diskussion ein, blocken immer ab", sagt Melnjak. "So ein Verhalten ist total unglaubwürdig."

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