Flughunde können gefährliche Viren in sich tragen – also nicht essen! Foto: Imago/Imagebroker

Mediziner und Naturschützer warnen immer wieder vor dem Verzehr von tropischen Wildtieren, da diese Krankheiten übertragen können – reine Verbote helfen aber nicht.

Stuttgart - Eine Fledermaus für den Kochtopf, ein Stück Antilopenfleisch, einen Braten vom Stachelschwein? Oder darf es als besondere Delikatesse vielleicht ein Schimpanse sein? Tropische Märkte, auf denen Wildtierfleisch verkauft wird, sind in Corona-Zeiten international in Verruf geraten. Zu leicht können dort immer neue Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen, so die Argumentation. Und auch aus Sicht von Naturschützern ist die Jagd auf sogenanntes Buschfleisch oft ein Problem. Denn unter den Tieren, die getötet, verkauft und verzehrt werden, sind oft auch bedrohte Arten. Ein pauschales Verbot des Wildfleischhandels halten viele Experten trotzdem nicht für praktikabel. Und auch nicht für sinnvoll.

 

„Tatsächlich sind durch Buschfleisch schon etliche gefährliche Krankheiten von Tieren auf Menschen übertragen worden“, sagt Fabian Leendertz, der sich am Robert-Koch-Institut (RKI) mit solchen Zoonosen (Krankheiten, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden) beschäftigt. Im Fall des Virus Sars-CoV-2 wisse man zwar noch nicht genau, was passiert sei. Doch bei den beiden Varianten von HIV sei die Sache klar: HIV-1 habe über Schimpansen den Sprung zum Menschen geschafft, HIV-2 über eine westafrikanische Affenart, die Rauchmangabe. Auch bei Ebola gibt es einen Zusammenhang zur Zubereitung oder zum Verzehr von Wildtierfleisch.

HIV-1 hat über Schimpansen den Sprung zum Menschen geschafft

„Wie leicht man sich anstecken kann, hängt von der Stabilität des jeweiligen Erregers ab“, erklärt der RKI-Experte. Ebolaviren sind zum Beispiel relativ sensibel und sterben leicht ab, wenn ihr Wirt getötet wird. Gefährlich werden sie daher vor allem für die Jäger selbst, die Kontakt zu frischem Blut und Organen von infizierten Tieren haben. Oder für Menschen, die das rohe Fleisch zerlegen oder zubereiten. Etwas weniger riskant ist das Hantieren mit getrocknetem oder geräuchertem Fleisch, weil solche Konservierungsmethoden etliche Erreger abtöten. Und das Kochen zerstört dann meist den Rest. „Da haben nur absolute Überlebenskünstler wie die Sporen des Milzbrandbakteriums eine Chance“, sagt Fabian Leendertz.

Allerdings unterscheidet sich das Infektionsrisiko nicht nur zwischen den Erregern. Auch die Art des Buschfleischs spielt eine Rolle. „Besonders riskant ist zum Beispiel der Verzehr von Primaten“, sagt Fabian Leendertz. „Schließlich sind wir ja selber welche.“ Und je enger verwandt zwei Arten sind, umso leichter fällt den Erregern oft der Sprung von einer zur anderen. Affen gehören aber nicht nur aus medizinischer Sicht zu den Tiergruppen, die nicht im Kochtopf landen sollten. Schließlich sind viele Arten ohnehin schon gefährdet. Und da sie sich nur langsam vermehren, verkraften ihre Bestände einfach keine starke Bejagung. „Schon ein paar geschossene Tiere können zu viel sein“, betont Mona Bachmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Deshalb sei der Handel und Verzehr von Primaten auf jeden Fall ein Problem. Auch wenn diese Tiere auf dem Buschfleisch-Markt nur einen relativ geringen Anteil haben. Solche Erkenntnisse haben Mona Bachmann und ihre Kollegen gerade in einer der bisher umfassendsten Studien zum afrikanischen Wildfleischhandel veröffentlicht. Im Umfeld des Tai-Nationalparks an der westafrikanischen Elfenbeinküste haben sie rund 350 Jäger, 200 Händlerinnen und 1000 Konsumenten von Buschfleisch nach ihren Motiven und Vorlieben befragt. Da dieses Geschäft oft mit illegalen Aktivitäten verbunden ist, hält sich die Auskunftsbereitschaft der Betroffenen zu diesem Thema normalerweise in engen Grenzen. Entsprechend wenig ist darüber bekannt, welche Tiere aus welchen Gründen auf den Markt kommen. „Genau das ist aber wichtig, wenn wir den Wildtierhandel nachhaltiger gestalten und die Übertragung von Krankheiten eindämmen wollen“, findet Mona Bachmann. Mithilfe von Vertrauenspersonen vor Ort haben sie und ihre Kollegen daher versucht, möglichst viel Licht ins Dunkel zu bringen.

Primaten essen, ist besonders gefährlich

Zu den beliebtesten Buschfleischlieferanten gehören verschiedene Nagetiere. Die können theoretisch auch eine ganze Reihe von Krankheitserregern in sich tragen. Ob das auch für häufig verzehrte Arten wie die bis zu 20 Kilogramm schwere Große Rohrratte gilt, weiß bisher allerdings niemand genau. „Aus Artenschutzsicht ist diese Jagd jedenfalls unkritisch, weil die Tiere nicht gefährdet sind und sich rasch vermehren“, erklärt Mona Bachmann. Das Gleiche gilt auch für einige Arten der kleinen Ducker-Antilopen. Solche häufigen Arten liefern vor allem auf dem Land vielen Menschen ihre ganz alltäglichen Mahlzeiten. Bachmann glaubt nicht, dass es sinnvoll ist, diese Fleischquelle im Rahmen von Entwicklungsprojekten durch Fisch oder Vieh zu ersetzen. Denn das könnte zur Überfischung beitragen und dazu führen, dass noch mehr Regenwald in Weiden umgewandelt wird.

Fabian Leendertz vom RKI sieht das ähnlich. „In vielen kleinen Dörfern im Kongo leben die Menschen seit Generationen vom Wald“, weiß der Forscher aus seiner eigenen Arbeit vor Ort. „Denen kann man nicht einfach eine Hühnerfarm zur Verfügung stellen und sagen, sie sollen jetzt so ihr Fleisch gewinnen.“ Für deutlich sinnvoller hält er es, in den Städten anzusetzen. Denn dort gebe es einen Trend, Buschfleisch als Luxusprodukt zu konsumieren. „In Städten wie Brazzaville oder Kinshasa ist es oft teurer als ein Filetsteak“, sagt der Wissenschaftler.

Manche Dörfer leben seit Generationen vom Wald

„Es gibt also keine Patentlösung, die überall funktioniert“, resümiert Mona Bachmann. Es gelte, eine maßgeschneiderte Kombination von Instrumenten zu entwickeln. Entwicklungs- und Bildungsprojekte könnten dabei ebenso sinnvoll sein wie kulturelle Ansätze. Gerade bei den Konsumenten sieht Bachmann vielversprechendsten Ansatzmöglichkeiten. Denn während Jäger und Händlerinnen in vielen ländlichen Regionen Afrikas unter enormem wirtschaftlichem Druck stehen, haben die Verbraucher eher eine Wahl. Sie müssen keinen Affen essen, wenn sie nicht wollen.