In Hinterzarten zieht ein pesonierter Tierarzt zwei Rehkitz-Waisen groß. Foto: dpa

Ein pensionierter Tierarzt zieht in Hinterzarten zwei Rehkitze auf. Ihre Mutter starb bei einem Autounfall. Die Überlebenschancen der Tiere sind ungewiss - ebenso ein Leben in Freiheit.

Ein pensionierter Tierarzt zieht in Hinterzarten zwei Rehkitze auf. Ihre Mutter starb bei einem Autounfall. Die Überlebenschancen der Tiere sind ungewiss - ebenso ein Leben in Freiheit.

Hinterzarten - Sein Beruf lässt Günter Schwarte einfach nicht los: 40 Jahre lang hat er als Tierarzt gearbeitet. Mittlerweile ist Schwarte pensioniert - für hilflose Tieren aber ist er noch immer da: Seit dem Wochenende kümmert sich Schwarte in Hinterzarten (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) um zwei Rehkitze. Ihre Mutter wurde von einem Auto überfahren.

Momentan gehe es den vier Tage alten Rehkitzen gut. „Aber man weiß nicht, ob die Entwicklung in Zukunft so weitergeht“, sagt Schwarte. Zwar bekämen die Rehe Kolostrum - dies ist die erste Milch bei Säugetieren. Schwarte hat sie von zwei Ziegenhöfen bekommen. Ein Kitz ohne Muttermilch aufzuziehen, sei jedoch immer kritisch.

Die Polizei hatte die Rehkitze zu Schwarte gebracht. „An keinem anderen Ort war jemand bereit, sie aufzunehmen“, sagt er. Dann bekam Schwarte einen Anruf. Zwei Minuten hat er überlegt, dann sagte der frühere Tierarzt Ja. Schon zwei Mal hat er versucht, Rehe bei sich aufzupäppeln. Ohne Erfolg. „Aber das waren Tiere, die schon lebensschwach und krank waren“, sagt Schwarte.

Verletzte Rehe liegen zu lassen, wäre "der sichere Tod"

„Ich würde nicht jedem Privatmenschen ein Wildtier in die Hand drücken,“ sagt Martina Klausmann vom Landestierschutzverband Baden-Württemberg in Karlsruhe. Die Aufzucht sei schwierig. Mindestens vier Wochen lang müssen die Rehkitze alle drei Stunden mit der Flasche gefüttert werden. Zudem sollte das Gelände für die Rehe geeignet sein. Klausmann sagt: „Man braucht ein geschütztes, großes Gehege, wo die Tiere natürlich groß werden können“. Und: „Um das Rehkitz sollte sich nur eine Person kümmern, die sich schnell zurückzieht, wenn sie merkt, dass das Tier allein fressen kann. So gewöhnen sich die Rehe nicht an Menschen.“

Mehr als 19.100 Rehe wurden nach der Statistik der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg zwischen April 2012 und März 2013 bei Wildunfällen getötet. Das sind 11,2 Prozent des gesamten Rehwild-Ertrags für diesen Jagd-Zeitraum. Rehkitze, deren Mütter überfahren werden, haben ohne menschliche Hilfe keine Überlebenschance. Klausmann sagt: „Wenn man den Tieren helfen will, dann geht’s nicht anders“. Sie liegen zu lassen, wäre „der sichere Tod“.

Bis zum kommenden Frühjahr will Schwarte die beiden Rehkitze bei sich behalten. „Ob wir sie dann auswildern oder in ein Gehege geben, wissen wir noch nicht“, sagt er. Zwar könnten Rehe besser als zum Beispiel Greifvögel wieder an ein Leben in der Natur gewöhnt werden, sagt Ulrich Baade vom Landesjagdverband Baden-Württemberg. Denen nämlich müsse das Beutemachen beigebracht werden, damit sie überlebten. Aber: „Problematisch kann die verlorene Scheu vor Menschen sein: Zahme Rehböcke haben schon aufgrund ihres Revierverhaltens Menschen angegriffen und mit ihrem Gehörn empfindlich verletzt.“ So weit ist es in Hinterzarten jedoch noch nicht. Schwartes Rehkitze haben gerade begonnen, auf Laub und Gräsern herumzukauen.

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