Rems-Murr-Kreis Der Notdienst für Kleintiere ist in Gefahr

Von Holger Niederberger 

Für Wolfgang Nehls ist der Beruf des Tierarzts eine Leidenschaft. Foto: Gottfried Stoppel
Für Wolfgang Nehls ist der Beruf des Tierarzts eine Leidenschaft. Foto: Gottfried Stoppel

Außerhalb der Öffnungszeiten sollen die Tierärzte im Land ihre Notdienste „kollegial“ selbst organisieren. Im Kreis Ludwigsburg klappt das, im Rems-Murr-Kreis dagegen gibt es ein Problem: Nur sechs von 24 Praxen beteiligen sich am Notdienst.

Weinstadt - Seit 30 Jahren betreibt Wolfgang Nehls eine tierärztliche Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau Isabella. Angefangen hat alles 1987 in Waiblingen, seit 2012 praktizieren beide in Weinstadt. Vor etwa zehn Jahren hat Nehls begonnen, den Tierarzt-Notdienst im Rems-Murr-Kreis zu organisieren. „Als wir anfingen, waren fast alle Praxen dabei“, erzählt er, „da war jeder Tierarzt alle paar Monate mal dran“. Das habe sich in den vergangenen Jahren jedoch deutlich geändert. Mit Beginn dieses Jahres kann er bei seiner Planung auf gerade noch sechs Praxen zurückgreifen, obwohl über 24 niedergelassene Tierärzte praktizieren. Die logische Konsequenz daraus sei, dass jede Praxis natürlich alle paar Wochen dran sei, das ärgert Wolfgang Nehls.

Tierkliniken sind wichtig, aber kein Ersatz für den tierärztlichen Notdienst

Viele Veterinäre, die sich neu niederließen, schickten ihre Patienten außerhalb der eigenen Öffnungszeiten direkt in die nächstgelegene Tierklinik. Die Kliniken freuten sich natürlich darüber, kritisiert Wolfgang Nehls, schließlich stünden dort immer Bereitschaftspersonal zur Verfügung, das auch gerne etwas zu tun habe. Auf Dauer führe das seiner Meinung nach aber dazu, dass immer mehr Tierbesitzer bei einem Notfall gleich in die Klinik gingen und sich der tierärztliche Notdienst so schließlich wirklich nicht mehr lohne.

Dabei sehen Wolfgang Nehls und seine Frau in den Tierkliniken durchaus eine qualitativ hochwertige und sinnvolle Ergänzung, was die medizinische Tierversorgung angeht. Wenn beispielsweise ein Hund etwas gefressen habe, was ihm nicht bekommt, könne es zu eine sogenannten Magenaufgasung kommen, bei der eine Tierarztpraxis oft nur erste Hilfe leisten könne. Die weitere Behandlung solle dann aber in einer Tierklinik erfolgen. Ebenso seien komplizierte Brüche oder generell aufwendige Operationen in einem Klinikum mit mehreren Fachärzten oft sinnvoller als in einer kleinen Praxis. Das gelte allerdings nicht für den tierärztlichen Notdienst. „Im Notfall kommt es immer auf schnelle und professionelle Hilfe vor Ort an“, betont Wolfgang Nehls. Dabei sei es wichtig, zunächst den Schock des Tieres beispielsweise nach einem Unfall zu behandeln, bevor man sich an die Versorgung eines Knochenbruchs mache, betont Nehls.

Kollegiale Übereinkunft soll Notdienste sichern

Ganz offiziell heißt es in der Notfalldienstordnung der Landestierärztekammer Baden-Württemberg, dass „jeder Tierarzt, der in einer eigenen Praxis niedergelassen ist, verpflichtet ist, am Notdienst teilzunehmen.“ In der Regel soll diese Verpflichtung „in benachbarten Praxen durch kollegiale Übereinkunft“ erfolgen.

Dieses kollegiale Verhalten vermisst aber auch die Tierärztin Beatrix Weiß aus dem Nachbarkreis Ludwigsburg. Sie betreibt dort die älteste Praxis für Kleintiere des Kreises. Für sie ist es selbstverständlich, Tag und Nacht für ihre Patienten erreichbar zu sein. „Auch wenn mitten in der Nacht das Telefon klingelt und ein Tierhalter um Hilfe bittet, mache ich meine Tür auf“, erklärt sie. Beatrix Weiß hat 2003 die Praxis ihres Vaters übernommen in der sie quasi aufgewachsen sei, erzählt sie. Dass mancher Tierarzt freitagnachmittags einfach die Praxis schließe und die Nummer der Tierklinik an die Tür hänge, kann sie nicht verstehen. Im Kreis Ludwigsburg organisiert die Tierklinik in Ossweil den Notdienst. Neben der Klinik selbst, die rund um die Uhr erreichbar ist, steht so jede der über 30 Tierarztpraxen im Kreis etwa zwei mal im Jahr für Notfälle zur Verfügung. „Da machen alle mit“, betont Beatrix Weiß, und das sei gut so.

Größere Praxen kümmern sich selbst um ihren Notdienst

Auf der Homepage der Tierarztpraxis Krüger in Backnang im Rems-Murr-Kreis steht ein beruhigender Satz für alle Tierliebhaber: „Das Praxistelefon ist ständig besetzt. Für akute Notfälle befindet sich immer ein Tierarzt in Rufbereitschaft.“ Für Tierarzt Klaus Krüger ist das einerseits eine Frage der Einstellung, andererseits aber auch eine Frage der Praxisgröße. Da er nicht nur Kleintiere behandle und sein Team aus mehreren Tierärzten und Mitarbeitern besteht, könne er den Notdienst selber stemmen. Für Einzelpraxen sei das oft nicht zu schaffen, daher sei die kollegiale Organisation eine gute Sache, meint er.

Für das Ehepaar Nehls steht fest: Um den Status einer Tierarztpraxis zu erhalten, muss man regelmäßig einen Notdienst anbieten. Die Organisation dieser Dienste übernehme er weiterhin sehr gerne. Vielleicht sei es dabei auch einmal an der Zeit, über eine Kooperation mit den Stuttgarter Tierärzten nachzudenken. Schließlich sei der Rems-Murr-Kreis ja keine Insel.

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