Das Problemprojekt Stuttgart 21 kommt die Bahn immer teurer zu stehen - allein tragen will sie die Extra-Milliarden aber nicht. Im Politpoker zwischen Bund und Land kommen jetzt auch die Ticketpreise ins Spiel.

Berlin - Treue Kunden kennen die Begründungen schon, wenn die Bahn wieder ihre Preise anhebt: Steigende Personalausgaben nach Tarifabschlüssen und vor allem höhere Rechnungen für Energie. Erst im Dezember waren Fahrkarten im Schnitt um 2,8 Prozent teurer geworden. Angesichts der Kostenexplosion beim Projekt Stuttgart 21 kommen nun auch Spekulationen über einen weiteren Grund hoch, warum die Bahn an der Preisschraube drehen könnte - droht Fahrgästen quer durch die Republik eine Art S-21-Aufschlag, weil Baden-Württemberg nicht noch mehr für das Projekt zahlen will?

Beim politischen Ringen um den Bahnhofsumbau wird der Ton im aufziehenden Bundestagswahlkampf rauer. Befeuert hat die Debatte ausgerechnet Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). „Bahnfahren darf nicht teurer werden, weil sich ein einzelnes Land seiner Verantwortung entzieht“, warnte der Minister, zugleich Repräsentant des Bahn-Eigentümers Bund. Das zielte scharf nach Stuttgart, um den Druck auf die grün-rote Regierung zu erhöhen. Denn Bund wie Bahn wollen das Land und die Stadt Stuttgart an den Zusatzkosten von zwei Milliarden Euro beteiligen, nachdem nun klar ist, dass der Finanzrahmen des Problemprojekts auf 6,5 Milliarden Euro vergrößert wird. Auch für eine Klage hält sich die Bahn schon bereit, um nicht allein auf den Mehrkosten sitzenbleiben zu müssen.

Kretschmann: "Wenn die Ticketpreise steigen, ist es ein Ramsauer-Zuschlag"

Das erneute Nein zu mehr Geld aus dem Südwesten kam aber umgehend und nicht minder scharf. Dreist seien Ramsauers Drohungen, schimpfte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und gab den Schwarzen Peter für womöglich höhere Preise sofort gen Berlin zurück: „Wenn sie steigen, ist es ein Ramsauer-Zuschlag und nichts anderes.“ Nachdem der Aufsichtsrat der Bahn am Dienstag grünes Licht für den S-21- Weiterbau gegeben hat, sei die Lage klar, betonte auch Grünen-Chef Cem Özdemir: „Die Bahn und die Bundesregierung als ihr Eigentümer sind allein verantwortlich für eine desaströse Projektplanung und müssen auch für die Mehrkosten allein gerade stehen.“

Wie der Konzern zusätzliche Milliardenlasten aus Stuttgart einmal in seinen Bilanzen auffangen könnte, ist indes noch völlig ungewiss. Zunächst wollen die Manager mit den Projektpartnern verhandeln, was „einen längeren bis sehr langen Zeitraum“ in Anspruch nehmen wird, wie Infrastrukturvorstand Volker Kefer erwartet. Noch länger könnte sich ein Gerichtsprozess hinziehen. Bereits in den kommenden Monaten dürften gravierende Mehrkosten deswegen eher nicht anfallen. Höhere Fahrpreise haben dabei als Stellschraube in der Kalkulation des Transportriesen ohnehin begrenzte Wirkung. Offiziell nennt die Bahn keine Zahlen. Wenn Fahrscheine wie im Dezember um 2,8 Prozent teurer werden, dürfte das aber eine zweistellige Millionensumme extra in die Kasse bringen - eine ähnliche Anhebung 2007 wurde mit rund 60 Millionen Euro veranschlagt. Ein theoretisch denkbarer S-21- Zuschlag hätte schon politisch keine Chance. An die Idee eines Bedienzuschlags von 2,50 Euro für den Ticketkauf am Schalter mag man sich im Berliner Bahntower lieber nicht mehr erinnern. Die Pläne gingen 2008 noch vor der Einführung in einer Protestwelle unter. Fahrgastvertretern schwant denn auch, dass der Konzern als Reaktion auf Mehrkosten für Stuttgart 21 eher an anderen Projekten im Schienennetz sparen könnte, obwohl sie dringlicher seien.

Prinzipiell könnten die Manager auch den geplanten Schuldenabbau verlangsamen. Auf den Prüfstand kommen könnte im Fall der Fälle auch die zuletzt jährlich an den Bund gezahlte Dividende von gut 500 Millionen Euro. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, die gerade Tarifgespräche für 130.000 Beschäftigte führt, machte jedenfalls klar: „Die Eisenbahner werden den Bau von Stuttgart 21 nicht finanzieren.“

Inwiefern die Kunden - unabhängig von S 21 - auch in diesem Jahr wieder mit höheren Preisen zum Fahrplanwechsel im Advent rechnen müssen, ist offen. Traditionell entscheidet die Bahn dies im Herbst. Der Verkehrsclub Deutschland warnte schon, dass die Reisenden für Fehlleistungen beim Problemprojekt nicht haften dürften: „Es kann nicht sein, dass die Deutsche Bahn jedes Jahr die Preise erhöht, dann aber in Stuttgart das Geld zum Fenster rauswirft.“

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