In der Tibetküche werden Momos serviert – und Information zum Land des Dalai Lama. Es ist das erste Lokal mit Spezialitäten aus dem Himalaya in Stuttgart. Auch die Restaurants Chito & Gvrito sowie El Seco bieten nach wie vor einzigartige Länderküchen in der Stadt.
Die Tibetküche liegt zwar etwas versteckt im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim. Aber „Momo-Lovers“ aus dem ganzen Land suchen das neue Lokal von Yangchen Tsering und Ngawang Lhanzom Lobsang auf. Weit und breit sind sie seit ihrer Eröffnung im Oktober die ersten, die Spezialitäten aus dem Himalaya anbieten. „Momo-Lovers“ nennen die beiden Frauen ihre Gäste, die für die gefüllten Teigtaschen weite Strecken auf sich nehmen. Dass bisher niemand auf die Idee gekommen ist, tibetische Küche anzubieten, überrascht Yangchen Tsering und Ngawang Lhanzom Lobsang nicht – bei nur 50 Landsleuten, die in Baden-Württemberg leben. Auch das georgische Restaurant Chito & Gvrito sowie das ecuadorianische El Seco sind in Stuttgart und darüber hinaus alleinige Vertreter ihrer Länder: Alle drei Restaurants sind nicht nur ein Geschäft, sondern auch eine Botschaft.
El Seco ist ein Stück Entwicklungshilfe
Für Guillermo Miranda ist es ein Projekt, das ihm „am Herzen liegt“. Denn seinem Gefühl nach ist Ecuador „weltweit kulinarisch nicht richtig vertreten“. Vor genau fünf Jahren eröffnete er deshalb El Seco im Bosch-Areal. Bis nach Spanien müsste man reisen, um auf das nächste ecuadorianische Lokal zu treffen, vermutet er. Am Anfang musste der 41-Jährige seine Gäste etwas erziehen, weil er nicht für die kaum vorhandenen Landsleute sondern die Einheimischen kocht, und viele davon keinen frischen Koriander mochten oder die scharfe Soße. „Ich ändere jetzt nicht ein Gericht, das es seit 100 Jahren gibt“, sagte er dann.
Guillermo Miranda ist auf einer Mission: Vor El Seco kochte er fürs ecuadorianische Handelsbüro auf Messen, um die Küche seiner Heimat im Ausland bekannter zu machen. Seinen Einsatz sieht er als Entwicklungshilfe und blickt neidisch auf Peru, wo mit Hilfe der Politik die Gastronomie zur Touristenattraktion wurde. Seiner Meinung nach könnte Ecuador mit dem Nachbarland mithalten, und im El Seco zeigt der Betriebswirt und Gastronom, wie es gehen könnte. Auf der Karte hat er vor allem zwei Klassiker – Ceviche und das Schmorgericht Seco. „Das ist mein Baby, mein Traum von ecuadorianischem Essen“, sagt Guillermo Miranda.
Chito & Gvrito holt Gäste nach Georgien
Seit ihrer Ankunft in Deutschland musste Lali Akobia immer erklären, woher sie stammt. Als Au Pair kam sie aus Georgien und blieb, um Pädagogik zu studieren. Das ist 23 Jahre her. „Deutschland ist jetzt mein Land“, sagt die 41-Jährige. Doch beim Essen kam immer wieder Heimweh auf, für die Taufe ihres Kindes musste sie vor zwölf Jahren bis nach Aalen in ein Restaurant fahren, um ihrer Festgemeinde georgische Essen auftischen zu können. Die Gastronomie sei ein schwieriges Geschäft – und für ihre Landsleute zu kompliziert, vermutet die 45-Jährige. Aus ihrem Heimatland hatte sie schon Köche nach Stuttgart geholt, doch viele kehrten wieder zurück. „In Georgien geht es uns wirtschaftlich zwar nicht überragend gut, aber trotzdem sind die Leute dort glücklich“, sagt sie.
Für Lali Akobia war es einfacher, in die Gastronomie einzusteigen, weil ihre Eltern ein Restaurant führten: 2013 eröffnete sie ihr nach dem berühmten Lied Chito & Gvrito benanntes Restaurant im Stuttgarter Osten. Auf ihrer Speisekarte steht Khatchapuri, das mit Käse gefüllte Fladenbrot, die gefüllten Teigtaschen Khinkhali und Gerichte auf Vorbestellung wie die Rindfleischsuppe Chartscho, die lange kochen muss.
„Auf unsere Küche sind alle Georgier stolz“, erklärt sie. Von ihren Gästen kommen viele aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die meisten sind aber Deutsche. Dass einige nach einem Besuch bei ihr nach Georgien reisten, ist für sie „das Schönste“. Chito & Gvrito sollte schließlich auch dazu dienen, dass Lali Akobia nicht immer erklären muss, aus welchen Land sie kommt.
In der Tibetküche geht es um Politik
Durch eine spontane Entscheidung sind Yangchen Tsering und Ngawang Lhanzom Lobsang zu Gastronominnen geworden, weil der Imbiss in ihrer Nachbarschaft zu haben war. Seit 20 Jahren leben sie in Stuttgart, ihre Momos kochten sie bislang nur fürs städtische Kulturfest. Verkäuferin ist die eine, Bürokauffrau die andere. „Wir sind sehr froh, hier leben zu können und so viele Freiheiten zu haben“, sagt Yangchen Tsering, „das ist ein Paradies.“
In ihrer Tibetküche haben sie ein Foto vom Dalai Lama aufgehängt und tibetische Flaggen. Zur Demonstration am 10. März für die Unabhängigkeit Tibets gehen sie jedes Jahr, an dem Tag im Jahr 1959 „haben wir unser Land verloren“, sagt Yangchen Tsering. In ihrem Lokal erzählen sie gerne von ihrer Heimat, um die Kultur am Leben zu erhalten. Dass zwei chinesische Gäste sich bei ihnen für ihre Regierung entschuldigten, rührte sie zu Tränen. Momos sind in der ganzen Himalaya-Region berühmt und locken neben Asiaten viele Globetrotter an. In Tibet werden sie mangels Alternative nur mit Rindfleisch gefüllt, für den deutschen Markt haben die Köchinnen Versionen mit Gemüse und Hühnchen entwickelt. Die Nudelsuppe Thukpa, der Eintopf Shokor Phing sowie der Buttertee stehen noch auf ihrer Speisekarte. „Unser Essen macht den Körper warm“, sagt Yangchen Tsering. „Wir kochen wie zu Hause und mit Liebe“, ergänzt Ngawang Lhanzom Lobsang.