Foto: Leif Piechowski

Tukastan ist ein fiktiver Staat – und irgendwie doch ganz real: Es gibt ihn im Internet mit Infos zu Staatsform und Land. Und es gibt ihn auf den Fildern – im Wald bei Neuhausen. Regelmäßig üben dort Einsatzkräfte der UN, EU, des BKA, der Bundeswehr und des THW den Ernstfall – erschreckend authentisch.

Neuhausen - Es ist tief in der Nacht. Einsatzkräfte des THW sind auf dem Flughafen von Tukastan gelandet. Kaum steht die Maschine, wird sie von Soldaten gestürmt, die Experten des THW (Technisches Hilfswerk) werden in die Empfangshalle getrieben. Dort ist es laut, stickig und verraucht, orientalische Musik dröhnt, die Ankommenden werden geschubst und rüde angegangen. Die Spannung knistert spürbar – was wird jetzt passieren? Obwohl alle Teilnehmer des THW erfahrene Leute sind und einiges gewöhnt: In dieser Situation vergessen die meisten, dass dies nur Training ist. Tukastan ist täuschend echt: „Wir haben alle Fehler aus Einsätzen zusammengefasst und die Übungen dann drumrum geschrieben“, schildert Claus Höllein, Leiter der THW-Bundesschule (eine von zwei) in Neuhausen, die Entstehung von Tukastan.

So wurde bereits vor 14 Jahren die Demokratische Republik Tukastan gegründet, mit ihrem Präsidenten, General Muhammad al Hullain. Die Namensähnlichkeit mit THW-Schulleiter Claus Höllein ist kein Zufall, sondern ein bisschen Humor in der sonst wenig spaßigen Geschichte.

Die Ankunftshalle in Tukastan ist in Wahrheit das Kellergeschoss der THW-Bundesschule, die pöbelnden Soldaten sind Darsteller, die das THW jedes Jahr neu aus eigenen Leuten sowie Bundeswehrsoldaten und aus Personal vom Zoll rekrutiert. „Sie zeigen uns zum Beispiel auch, wie wir mit Handschellen umgehen müssen“, sagt Karolina Altenburger, Fachlehrerin beim THW für den Ausbildungsbereich. Bis vor vier Jahren arbeitete die 35-Jährige noch beim Arbeitsamt. Jetzt gibt sie – wenn auf den Fildern aus dem Nichts wieder Tukastan aufgetaucht ist – den Truppen Hinweise über Funk. In dieser Nacht geht es für die 17 Ankömmlinge in der Abflughalle glimpflich ab. Sie sind Teilnehmer des Egal-Lehrgangs (Einsatzgrundlagen Ausland) – die Feuerprobe für jene, die sich für Auslandseinsätze beworben haben. Nach der ruppigen Begrüßung dürfen sie sich aufs Ohr hauen – auf eine Isomatte im Lager (Keller).

„Ich will gar nicht mehr ins Ausland“

Doch die Nacht ist kurz: Frühmorgens geht’s in die Pampa. Jetzt ist Tukastan im Horber Wald, ein acht Hektar großes Gelände im Wald gegenüber dem Sauhag bei Neuhausen. Vier Tage lang haben die Lehrgangsteilnehmer zuvor in der Theorie gelernt, wie sie sich in bestimmten Extremsituationen verhalten sollen. Jetzt wird’s ernst: Bleiben sie auch unter Stress noch ruhig? Jeder Einzelne wird genau beobachtet. Die besten werden später als Darsteller geordert und zu realen Auslandseinsätzen geschickt. Doch so mancher hat in Tukastan auch schon die Nerven verloren und abgebrochen: „Ich will gar nicht mehr ins Ausland.“

Per Funk kommt die Anweisung, sich einen ortskundigen Fahrer zu suchen: „Sicherheitsstufe Grün“, also Freigabe, meldet Karolina Altenburger. Kaum ist ein Fahrer gefunden, tauchen betrunkene Soldaten auf. Sie wollen mitgenommen werden, um Alkohol zu beschaffen. Sie pöbeln und drängen ins Fahrzeug. Jetzt ist von den THW-Lehrlingen Fingerspitzengefühl gefragt. Wer sie mitnimmt, hat’s vergeigt: „Wir sind generell unparteiisch und schlagen uns nie auf eine Seite, sonst werden wir angreifbar“, sagt Simon Menzel, THW-Ausbilder Ausland. „Unser Schutz ist unser guter Ruf.“

Das war der Einstieg – zum Warmlaufen. Plötzlich stürmen Rebellen aus dem Wald, zünden Sprengkörper und überfallen das Auto. Die Insassen werden unsanft herausgeholt und mit dem Gesicht gegen das Fahrzeug gestellt. Sie bekommen mit, wie ihrem Teamleiter ein Sack über den Kopf gestülpt wird, bevor er entführt wird. Jetzt muss er zeigen, wie er reagiert, wenn er bedroht wird. Alles fließt in eine Datenbank, aus der die besten jederzeit herausgepickt werden können.

Bis zu 100 Leute im Wald

14 solche Übungen führt das THW jährlich im Wald bei Neuhausen durch, beim Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) sind bis zu 100 Leute im Wald, mehr als die Hälfte davon beteiligen sich dann als Darsteller. Sie werden in Workshops für ihre Rollen geschult und finden im Kleiderfundus ein erstaunliches Repertoire an Roben: von der Generalsuniform bis zur Rebellenkluft und vom Berbergewand bis zum Bürgermeister-Sakko.

In Tukastan werden die Ersten jetzt an einem Checkpoint aufgehalten. Ihre Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, der Checkpoint sei für mehrere Stunden geschlossen, heißt es lapidar. Derweil versuchen die Soldaten, das wartende THW-Team für private Zwecke einzuspannen. Zu Hause sei das Dach undicht  . . . Und weiteres Ungemach bahnt sich an: Sollte das Team vor Fahrtantritt den Wagen nicht gründlich untersucht haben, dann finden die Soldaten beim Check jetzt Alkohol – was als grobes Vergehen ausgelegt werden kann. Richtig reagiert am Checkpoint, wer die Innebeleuchtung einschaltet, die Sonnenbrille absetzt, die Hände möglichst sichtbar lässt, die Papiere griffbereit hat und per Funk mitteilt, ob der Posten offiziell oder von Rebellenseite aufgebaut wurde.

Wie täuschend echt das THW Tukastan gestaltet hat, stellte Simon Menzel in Äthiopien fest, als er dort 2011 einen Einsatz leitete. Zwischen einer Horde unfreundlicher Uniformierter stand dort wie jetzt in Tukastan ein Mann im Jogginganzug – ein Hiwi für die Offiziellen? Mitnichten. Die teure Sonnenbrille und die dicke Goldkette sowie der Jogginganzug mit Label sind Hinweise darauf: Das ist der Chef – nur er hat Geld und Einfluss genug, sich diese Accessoires zu leisten. Nach einer Woche ist der Spuk Tukastan vorbei. Beim Sauhag deutet nichts mehr auf das skurrile Treiben hin. Aber nur kurz: Bald ist Tukastan wieder ganz real.

www.tukastan.info

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: