BND-Mann Behrens (Ronald Zehrfeld) hat Kontakt zu einer Journalistin (Antje Traue). Foto: ZDF/Bernd Schuller

Im Thriller „Das Ende der Wahrheit“ bei Arte spielt Ronald Zehrfeld einen BND-Spezialisten für Zentralasien, dem man nicht glaubt.

Stuttgart - Er ist ein sehr machtbewusster Bürokrat, dieser Dr. Joachim Rauhweiler, der im Dickicht der Berliner Ministerialintrigen und Behördenrivalitäten Fäden in der Hand hält, an denen Geheimagenten, Informanten, Politiker und viele Schicksale in fernen Ländern hängen. Wenn er Martin Behrens, einem der Zentralasienexperten des Bundesnachrichtendienstes, gegenübersteht, dann lässt er keinen Zweifel daran, wer hier Koch und wer bloß Kellner ist.

 

Dass dieses Bild von einem Produzierenden und einem Servierenden eigentlich gar nicht zu den Abläufen in Geheimdiensten und Politik passen dürfte, macht es gerade passend für Philipp Leinemanns Thriller „Das Ende der Wahrheit“. Denn hier will die Politik von den Nachrichtendiensten überhaupt nicht wissen, was los ist in der Welt. Sie will nur Berichte, Einschätzungen und Dossiers, die zur jeweils beschlossenen politischen Linie passen.

Rücksichtslose Machtausübung

Es ist ein schönes Konzept von Leinemann, Rauhweiler mit Axel Prahl zu besetzen und Behrens mit Ronald Zehrfeld. So muss die aus höheren Sphären in die Niederung der Praxis herabschwebende Führungskraft immer wieder aufschauen zu ihrem Unterling. Man weiß ab der ersten Begegnung, dass Rauhweiler so etwas nicht hingehen lässt. Rücksichtslose Machtausübung, die andere in die Verzweiflung treibt, ist für ihn die hebestärkste Schuheinlage der Welt. Wem es langweilig wird, Axel Prahl im „Tatort“ und vielen anderen TV-Produktionen immer nur sympathisch finden zu können, wird hier auf die sehnlichst erhoffte Abwechslung stoßen.

Zehrfeld, mit dem Leinemann schon 2015 bei seinem Debüt„Wir waren Könige“ und nach „Das Ende der Wahrheit“ wieder bei der zweifelhaften, aber sehr erfolgreichen Netflix-Serie „Barbaren“ gearbeitet hat, besitzt eine Tatmenschenstatur. Man mag ihn sich nicht in Schreibtischstühle gezwängt vorstellen, man hat Angst um die Computermaus in seinen Händen.

Stress mit dem Neuen

Tatsächlich war Behrens in Afghanistan und in dem fürs Drehbuch erfundenen Krisenstaat Zahiristan. Der wird diktatorisch geführt, dringt aber auf deutsche Rüstungslieferungen. Behrens spricht die Sprachen der Länder und Regionen, die er im Blick haben muss, er verhört potenzielle Informanten, die um Asyl bitten, selbst. Er ist kein Desperado, kein Gefahrenjunkie. Aber er ist eben auch kein distanzierter Bürokrat. Das schafft Konfliktlinien.

Rauhweiler scheint anfangs fast eine systemimmanente Widrigkeit, mit der man zur Not leben könnte. Die Kraft, die alle Nachrichtendienstarbeit wirklich zerstören könnte, scheint der schneidige Karrierismus des neuen Krisenteamleiters Patrick Lemke (Alexander Fehling) zu sein. Dieser aus dem Nichts auftauchende Instantexperte genießt bei Behrens und Kollegen sofort die Sympathiewerte eines Bauspekulanten bei der Hilfsgemeinschaft der Mietwuchergeschädigten.

Angst und Risiken

Nur wird Lenke nicht lange das verletzend selbstbewusste Bürschchen bleiben, als das er antritt. Auch er merkt, dass rund um den angestrebten Deal mit Zahiristan mehr faul ist, als eine leicht erhöhte Besoldung kompensieren kann. Er wird lernen, dass Behrens, den er wegen inniger Kontakte zu einer Journalistin (Antje Traue) für ein Sicherheitsrisiko hält, kein Spinner ist.

Leinemann bekommt atmosphärisch dichte Szenen hin. Die Angst der Männer etwa, die in einem Autokonvoi durchs zahirisch-afghanische Grenzgebiet fahren, ist glaubhaft eingefangen. „Das Ende der Wahrheit“ hat aber ein Problem, das Thriller, die in ein komplexes Gewebe widersprüchlicher Informationen und verdeckter Interessen hineinführen, oft aufweisen. Der Film bietet, damit er nicht im Unüberblickbaren versumpft, eine letztlich sehr klare Intrige. Vermutlich aber sind die Rauhweilers dieser Welt verschlagener, vorsichtiger und schwerer durchschaubar als hier.

Arte, Donnerstag, 3. Juni 2021, 21.45 Uhr. Nur kurz in der Mediathek des Senders abrufbar – vom 3. Juni bis 9. Juni 2021.