Thomas Weikert oder Claudia Bokel – der Deutsche Olympische Sportbund wählt an diesem Wochenende die neue Führungskraft in seinem Präsidium. Der Kandidat und die Kandidatin im Porträt.
Stuttgart - Thomas Weikert scheint allein durch seine Erfahrungen im Hauptberuf als Jurist im hessischen Limburg ein geeigneter Kandidat zu sein. „Es war immer eine Stärke von mir, dass ich versuche zu befrieden, wenn es nicht ganz so rund läuft“, sagt der 60-Jährige, der sich als Experte für Familienrecht in schwierigen Lagen bewährt hat.
Spätestens nach dem Rückzug des CSU-Politikers Stephan Mayer Mitte November ist Weikert nun der Favorit auf die Nachfolge von Alfons Hörmann als neuer Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) – doch das hört der Familienvater vor der Wahl an diesem Samstag in Weimar nicht allzu gerne. Lieber will er zunächst das Votum der Mitglieder abwarten. Siegt der vor Kurzem freiwillig abgetretene Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF, dann ist er auch beim DOSB, der Dachorganisation des deutschen Sports mit ihren 27 Millionen Mitgliedern aus rund 80 000 Vereinen, zunächst in erster Linie als Aufklärer, Versöhner und Friedensstifter gefordert.
Zu gewaltig sind die Turbulenzen am Ende der achtjährigen Ära des Alfons Hörmann gewesen, die in anwaltlichen Drohbriefen an das ehemalige DOSB-Vorstandsmitglied Karin Fehres mündeten. Zunächst müssen also die internen Gräben zugeschüttet werden, ehe sich die neue DOSB-Spitze daranmachen kann, die angekratzte Reputation des deutschen Sports auch auf internationalem Funktionärsparkett wieder aufzupolieren.
Eine Krise der Führung
„Es gibt keine Krise im deutschen Sport: Es wird weiter schnell gelaufen, schnell gepaddelt, die Ehrenamtlichen engagieren sich in den Vereinen. Es gibt eine Krise in der Führung“, fasste Thomas Konietzko, der Präsident des Welt-Kanu-Verbandes, in einer Reportage des ZDF die Lage zusammen.
Thomas Weikert, der bereits im Vorfeld der Wahl von Weimar von 14 Spitzenverbänden unterstützt wird („Ich denke, dass meine Chancen ganz gut sind“), kennt die Herausforderungen des Amtes. „Das alles ist eine Herkulesaufgabe. Da müssen wir bremsen und sagen: In fünf Wochen wird das nicht alles bereinigt sein. Aber es ist nicht alles schlecht. Wir müssen nicht bei null anfangen, wenn ich der neue Präsident werden sollte“, sagt der 60-Jährige, der einst in der Tischtennis-Bundesliga spielte – und zwischen 2005 und 2015 der Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) war.
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Als Mentor und enger Vertrauter steht Weikert weiterhin Hans Wilhelm Gäb zur Seite, der als Spitzenfunktionär auch auf dem olympischen Parkett über ein großes Netzwerk verfügt. Dabei will Weikert nicht nur als Schlichter auftreten, der Jurist hat auch diverse Zukunftsideen.
Dazu zählt etwa eine mögliche deutsche Bewerbung als Ausrichter der Olympischen Winterspiele von 2030 oder der Sommerspiele von 2036, die Weikert unterstützt – auch mit Rückblick auf die Fußball-WM 2006 will er die Skeptiker überzeugen. „Die deutsche Flagge war plötzlich wieder salonfähig – und wir haben zusammengehalten“, sagt Weikert, der als Geschäftsführer des Hessenligisten TTC Elz nie den Kontakt zur Basis verloren hat. „Deswegen traue ich mir durchaus zu“, sagt der mögliche neue DOSB-Präsident, „ein wenig anders zu sein.“
Die Alternative heißt Claudia Bokel
Doch es gibt noch eine andere Alternative: Claudia Bokel war noch aktive Fechterin, als sie an der Autobahnraststätte Denkendorf ein Interview gab. Das Wetter war viel zu schön, um sich in den damals noch veralteten und schmucklosen Räumlichkeiten bei einem schwachen Kaffee zu unterhalten. Also wählte Bokel die Wippe auf dem Kinderspielplatz. Da ging es beim Reden ständig rauf und runter. Diese spielerischen Momente des Sportlerinnendaseins sind bei Claudia Bokel verdammt lang her.
Nach der aktiven Laufbahn wurde es für die Degenweltmeisterin des Jahres 2001 eigentlich nur noch ernst und überwiegend spaßfrei, anders lässt sich ein eher trockenes Funktionärsleben kaum beschreiben. Von 2005 bis 2009 war Bokel Präsidentin der Athletenkommission der Europäischen Olympischen Komitees, von 2006 bis 2007 Mitglied des DOSB-Präsidiums, von 2008 bis 2016 IOC-Mitglied – und seit 2016 befindet sie sich als Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes (DFB) in Amt und Würden. Ob Bokel die nächste Funktionärsstufe erklimmt, weil sie am Wochenende zur Präsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt wird, muss man abwarten.
Bokel unterstützte einst Weikert
Ihren Gegner Thomas Weikert werden die besseren Chancen eingeräumt. Pikanterweise gehörte Bokel mal zum Unterstützerkreis ihres Kontrahenten – ehe sie sich von dem für die Kandidatenwahl zuständigen DOSB-Gremium selbst aufstellen ließ. Auf alle Fälle traut sie sich den Posten zu und glaubt, den Verband aus der Krise führen zu können. „Ich scheue nicht, Verantwortung zu übernehmen. Es hat einige Aufgabe in meinem Leben gegeben, die nicht angenehm waren“, sagte die 48 Jahre alte gebürtige Niederländerin, die ihre Medaillen für Deutschland holte.
Die studierte Chemikerin Bokel engagiert sich überwiegend in den Athletenkommissionen der Verbände – wie auch die beiden anderen Fechtgrößen Max Hartung und Britta Heidemann. Zählt man den ehemaligen Florett-Mannschaftsweltmeister Thomas Bach als IOC-Chef hinzu, hat es Tradition, dass sich Fechterinnen und Fechter sportpolitisch engagieren und bisweilen Karriere machen. Nun könnte man meinen, dass die Disziplin-Verwandtschaft zwischen Bach und einer möglichen DOSB-Präsidentin Bokel ein Vorteil sein könnte, sollte sich Deutschland für Olympische Spiele bewerben – doch sieht die Sachlage da etwas anders aus.
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Zwischen Bach und Bokel gab es gravierende Differenzen. Als einstige Vorsitzende der IOC-Athletenkommission hatte die ehemalige Degenspezialistin sich im Hinblick auf den russischen Dopingskandal deutlich für einen Ausschluss des Landes von den Sommerspielen 2016 ausgesprochen. In dieser Zeit musste sie viel einstecken und fühlte sich gemobbt. Dass seitdem das Verhältnis zu Bach gestört ist, bestreitet sie heute.
Claudia Bokel will den deutschen Dachverband aus der Krise führen. „Was alles genau im DOSB passiert ist, muss man juristisch, moralisch und ethisch aufarbeiten“, sagt die Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes. Der Fechtverband steckt im Hinblick auf magere Medaillenausbeuten übrigens auch in der Krise. Claudia Bokel würde sich also der nächsten schwierigen Aufgabe zuwenden, bevor die alte gelöst ist.