Neuer Co-Trainer der Nationalelf: Thomas Schneider Foto: Getty

Für Thomas Schneider ist es „eine Ehre“, Joachim Löw beim deutschen Fußball-Nationalteam zu assistieren. Der neue Co-Trainer will aber auch eigene Spuren hinterlassen.

Für Thomas Schneider ist es „eine Ehre“, Joachim Löw beim deutschen Fußball-Nationalteam zu assistieren. Der neue Co-Trainer will aber auch eigene Spuren hinterlassen.
 
Stuttgart - Herr Schneider, Ihre letzte Dienstreise als VfB-Trainer hatte Sie Anfang März nach Frankfurt geführt. Ihre erste Dienstreise als Co-Trainer der Nationalmannschaft hat Sie jetzt wieder nach Frankfurt geführt – aber vermutlich mit einem deutlich besseren Gefühl?
Das kann man wohl sagen. Ich spüre absolute Freude, dass es nun endlich losgeht.
Wie haben Sie sich auf die neue Aufgabe vorbereitet?
Seit Anfang September stand fest, dass ich das Amt bekomme. Seither habe ich in der Bundesliga sehr viele Spiele und Spieler beobachtet. Beim Workshop in München habe ich die Scoutingabteilung kennengelernt und mir deren Arbeitsweise erklären lassen. Mit meinem Vorgänger Hansi Flick habe ich besprochen, wie er seine Rolle definiert hatte. Ich kann von jedem lernen und ein paar Dinge mitnehmen. Aber letztendlich muss ich meinen eigenen Zugang zu der Aufgabe finden.
Wie überraschend kam für Sie Löws Angebot?
Wir hatten immer sporadisch Kontakt. Beim Länderspiel gegen Chile in Stuttgart hat die Nationalmannschaft ja auf dem VfB-Gelände trainiert, da haben wir uns längere Zeit unterhalten und den Kontakt intensiviert. Das war im März.
Moment – damals waren Sie noch beim VfB im Amt. Haben Sie da schon auf den Job spekuliert?
Nachdem ich entlassen worden war, wurde mein Name immer wieder mal öffentlich genannt. In der Zeit hatte ich auch andere Anfragen, aus der zweiten Liga zum Beispiel. Die habe ich abgelehnt.
Weil Sie hofften, dass Löw anrufen würde?
Na ja, irgendwann hatte ich den Job des ­Assistenztrainers schon im Hinterkopf. Mir war klar: Das wäre der nächste richtige Schritt für mich.
Wie hat sich die Entlassung angefühlt – wie eine persönliche Niederlage?
Absolut nicht. Im Profifußball muss man mit so etwas rechnen. Wenn man einen Vertrag im Profifußball unterschreibt, weiß man, dass man irgendwann auch wieder freigestellt wird. Das ganze Trainerteam hat damals gut gearbeitet, aber ein Bundesliga-Verein ist komplex, das muss man wissen. Und die Zeit nach mir zeigt ja auch, dass der VfB kein einfaches Projekt ist.
Jetzt trainieren Sie zusammen mit Joachim Löw den Weltmeister. Wie gehen Sie da ran?
Für mich ist das eine große Ehre. Ich habe das WM-Finale zu Hause mit Freunden am Fernseher geschaut, aber mehr aus Fan-Sicht. Beim Schlusspfiff bin ich aufgesprungen und habe gejubelt wie Millionen andere Deutsche auch. Und ich habe spontan gesagt: Jetzt machen wir es wie Spanien und werden 2016 auch Europameister. Als Weltmeister muss es unser Ziel sein, auf den Titel zu gehen.
Das EM-Qualifikationsspiel in Polen an diesem Samstag ist Ihr Debüt. Was erwarten Sie?
Gegen Polen haben sich deutsche Mannschaften immer schwergetan, das waren meist enge Spiele. Beide Begegnungen, auch gegen Irland am kommenden Dienstag, sind Schlüsselspiele. Wir wollen uns in der Qua­lifikationsgruppe ein Punktepolster erarbeiten.
Wie gehen Sie Ihren neuen Job an, wofür stehen Sie?
Joachim Löw und ich ticken ganz ähnlich, was den Fußball angeht. Guter Spielaufbau, schnelles Umschalten, Balleroberung, ­Pressing und Aktionen möglichst ohne ­Foulspiel – das sind Schlagwörter, für die ich stehe. Und Jogi auch.
In Ihrer aktiven Zeit war Löw beim VfB Ihr Trainer. Jetzt ist er wieder Ihr Chef, andererseits sollen Sie sich mehr auf Augenhöhe begegnen. Ist das schwierig?
Das ist kein Problem. Ich kann von einem der besten Trainer der Welt lernen, das ist wunderbar für mich. Ich habe aber auch eine eigene Meinung zu taktischen Dingen. Die werde ich äußern, das erwartet Jogi auch von mir. Aber es wäre vermessen, als Neuling Forderungen zu stellen.
Zuletzt waren Sie beim VfB selbst Chef, jetzt sind Sie Assistent. Ist das ein Problem für Sie?
Für mich ist die Co-Trainerstelle kein Schritt zurück. Ich arbeite total gern im Team. Ich halte es für wichtig, kompetente Partner zu haben, um die besten Entscheidungen treffen zu können.
Was schätzen Sie an Joachim Löw?
Seit seiner Zeit als VfB-Trainer hat er eine unfassbare Entwicklung genommen. Er hat unheimlich an Profil gewonnen, er ist ­kommunikativ, menschlich, er arbeitet akribisch – eine große Persönlichkeit.
Der Sie mal ziemlich frech begegnet sind. 1997, nach dem Gewinn des DFB-Pokals, haben Sie ihm auf dem Stuttgarter Rathausbalkon eine Glatze geschert.
Moment mal – ich habe nur den Rasierer ­angesetzt, aber ich habe es nicht zu Ende ­gebracht. Das waren andere.
Haben Sie darüber jetzt noch mal gesprochen?
Nein, das war kein Thema. Ist auch besser so – sonst hätte ich den Job womöglich gar nicht bekommen (lacht).
Was sind Ihre Aufgaben denn genau?
Ich werde die Trainingseinheiten planen und dokumentieren, sowohl in der Vor- als auch in der Nachbereitung. Aber zunächst werde ich viel beobachten, um die Abläufe kennenzulernen. Es wird eine gewisse Zeit dauern, bis wir absolut harmonisch zusammenarbeiten, aber diese Zeit geben wir uns auch.
Sie kümmern sich verstärkt um die Talentsichtung. Eines dieser Talente ist Antonio Rüdiger vom VfB. Wie sehen Sie seine Entwicklung?
Toni hat ein Wahnsinns-Potenzial. Er verfügt über eine unglaubliche Wucht und ein hohes Tempo. Auch wenn er ab und zu noch Fehler macht: Das hat Jérôme Boateng in seinem Alter auch gemacht. Ich bin aber überzeugt: Toni ist eines der großen Talente, die wir auf höchstes Niveau führen können.
Wie halten Sie es als Co-Trainer: Dürfen die Spieler Sie duzen?
Wichtig ist mir ein freundlicher und respektvoller Umgang. Das Du ist in Ordnung.
Wie weit dürfen die Spieler bei Ihnen gehen, was dürfen Sie sich erlauben – und was nicht?
Eine schwierige Frage, weil ich noch keine Spieler hatte, die das ausgelotet haben. Das Ego des Einzelnen muss hinter dem Teamgedanken zurückstehen, das ist klar. Jeder muss seine individuelle Klasse einbringen, aber Weltmeister ist die Mannschaft bei aller Qualität letztendlich nur geworden, weil sie als Team überragend gut funktioniert hat.
Sie leben mit Ihrer Familie in Straubing. Bleibt das so?
Wir fühlen uns dort sehr wohl, weil die Menschen total entspannt sind. So gehen Sie auch damit um, dass ich bekannter bin als andere. Ich schätze die Ruhe dort. Das bedeutet aber, dass ich viel werde reisen ­müssen.
Sitzen Sie im Anzug oder in Trainingsklamotten auf der Bank?
Da werden Jogi und ich uns entsprechend abstimmen. Er trägt ja stets Zivilkleidung.
Werden Sie die Nationalhymne mitsingen?
Klar, das gehört dazu.
Frage zum Schluss: Joachim Löw hat 2004 wie Sie als Co-Trainer angefangen und ist 2006 Bundestrainer geworden. Hoffen Sie auf einen ähnlichen Werdegang?
An diese Möglichkeit denke ich absolut nicht.
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