Thomas Müller: Heimspiel in der Galerie Michael Sturm Im Orkan der Linien

Von Nikolai B. Forstbauer 

Als Stuttgarter Zeichner international etabliert – geht das? Thomas Müller macht es vor. Und wie! Ein Heimspiel darf dabei aber nicht fehlen – zur erleben ist es aktuell in der Galerie Michael Sturm.

Stuttgart - Von hier aus – das war einst ein ­­Durch­setzungsschlagwort, wurde Ausstellungs­titel, Markenbegriff für eine letztlich sehr kleine Künstlermannschaft. Mit all dem hat Thomas Müller nichts zu tun. Oder doch? Von hier aus – das wäre doch was. Das wäre ein Ziel. Gerade, weil man es nicht ­beschließen kann.

Einer, der auszieht, leise kraftvoll zu sein

Von hier aus. Thomas Müller lebt es. 1959 in Frankfurt geboren, studiert er von 1979 an an der Stuttgarter Akademie. Er profitiert 1991 von einem Stipendium der Kunst­stiftung Baden-Württemberg, 1992 von einem Gastaufenthalt an der Cité des Arts in Paris. Als früh gefeierter Zeichner. Als kritisch beäugter Vertrauter der Linie. Als einer, der auszieht, leise kraftvoll zu sein. Als ob das reichen würde! Als ob das aktuell wäre!

International in Museen und privaten Sammlungen präsent

Thomas Müller bleibt. Agiert von hier aus, von Stuttgart aus. Und setzt auf die Linie, vertraut ihr, folgt ihr, horcht ihr nach, lässt sie klingen, sich vervielfältigen und vernetzen. Bleistift, Kugelschreiber, Silberstift, Tuschstift und Pinsel – Thomas Müller arbeitet und reist mit leichtem Gepäck. Zuletzt nach New York. Sean Scully hatte ihn eingeladen, in seinem Atelier auszustellen. Viele Worte macht der Stuttgarter, mit ­seinem Werk umfassend etwa im Musée ­national d’Art Moderne im Pariser Centre Pompidou vertreten, nicht. Müller zieht buchstäblich seine Linie(n). Hinein und durch neue Räume.

Heimspiel in der Galerie Michael Sturm in Stuttgart

Jüngste Ergebnisse zeigt nun die Galerie Michael Sturm in Stuttgart, angestammte Erstaufführungsbühne für Müller-Neues (Christophstraße 6). „Pole“ heißt die Schau. Wieso? „Pole“, lässt die Galerie wissen, „wirken hier auf diversen Ebenen, sei es das Verhältnis von Linie und Fläche, Ordnung und Chaos, Leere und Fülle oder Hell und Dunkel betreffend“.

Linienverdichtung in Orkanstärke

Entsprechend wird man von einem Ganzen empfangen, das seine Teile wirken lässt, ihnen Raum gibt. Dann aber dies: Gerade überzeugt Müller im Hauptraum der Galerie mit kraftvoll gesetzter Farbe, macht er im Oberlichtsaal mit den eigentlich neuen Arbeiten alle Hoffnung auf eine durchgehende Lesart wieder zunichte. Silberstift­linien treten auf, verbünden sich, verbinden sich, summieren sich, durchdringen sich, geben ein Ganzes, das einen Raum formiert, der eigentümlich körperhaft erscheint.

Immer schneller drehen sich, verbinden sich die Linien. Kunst in Orkanstärke? Ein Zeichner macht es möglich. Im Vertrauen auf die Linie. Von hier aus.

Lesen Sie jetzt