Thomas Locher im Gespräch mit StN-Titelautor Nikolai B. Forstbauer Foto: Lichtgut/Michael Latz

Näher dran an herausragenden Persönlichkeiten der Kunstszene: Die „Stuttgarter Nachrichten“ machen es mit ihrer Gesprächsreihe „Über Kunst“ in der Galerie Parrotta in Stuttgart möglich. Am Vorabend seines Amtsantritts als neuer Rektor der Hochschule für Grafk und Buchkunst in Leipzig war jetzt der Künstler Thomas Locher prominenter Gast.

Stuttgart - In Munderkingen ist er geboren, in Stuttgart hat er an der Kunstakademie studiert, Max Bense an der Universität gehört – „ und vor allem viel Kunst gesehen“. Längst zählt Thomas Locher inzwischen selbst zu den international wichtigsten deutschen Künstlern. Zurück auf Stuttgart schaut er gern. Auch im „Über Kunst“-Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Titelautor der „Stuttgarter Nachrichten“, in der Galerie Parrotta.

Erinnerungen an „Europa ‚79“

„Ich habe als Schüler sehr viel Zeit in der Staatsgalerie verbracht“, sagt er – und kommt dann auf die Ausstellung „Europa 79“. Organisiert von Privatgalerien, allen voran Hans-Jürgen Müller, Ursula Schurr und Max Hetzler, wagte die Schau einen Ausblick auf die Kunst der 1980er Jahre. „Das war ein ganz großes Ding“, sagt Locher. Und: „Ich glaube, das ging nicht nur mir so. Für eine gewisse Szene spielte diese Ausstellung damals eine sehr große Rolle.“

Eine große Rolle? Spielte für Locher auch ein Böblinger Lateinlehrer - „Er schenkte uns Schülern 1971 ein Reclamheft zur Konkreten Poesie“, erinnert er sich. „Das war wahrscheinlich die interessanteste Geste, die mir in meiner Schulzeit widerfahren ist.“

Bis zum Studium „keine Ahnung von Gegenwartskunst“

„Mein Vater war Steuerrat, meine Mutter Hausfrau“, erzählt er. „Es gab in unserer Familie eine gewisse Offenheit fürs Kulturelle, aber bis ich anfing, zu studieren, hatte ich keine Ahnung von der Gegenwartskunst.“ Als Student war Locher auch Gasthörer bei Max Bense - „Und so“, sagt er, „kommt man ein bisschen an die Buchstaben.“

Buchstaben, Texte, spielen im bildnerischen Werk von Thomas Locher bis heute eine zentrale Rolle. Früh bestärkt sieht sich Locher hier durch eine Begegnung mit dem US-amerikanischen Konzeptkünstler Lawrence Weiner 1985 in Stuttgart. „Ich hatte noch niemals einen Künstler auf diesem Niveau über Politik und Philosophie reden hören“, erinnert sich Locher.

Philosophie als Impulsgeber

Aus der Philosophie bezieht Locher selbst ganz wesentliche Anregungen - vor allem aus jener von Jacques Derrida. In einer umfangreichen Werkreihe beschäftigt Locher sich mit Karl Marx, mit dem Kapitel zum Fetischcharakter der Waren in „Das Kapital“. Ware, Fetisch - das ist auch die Kunst, heute mehr denn je, und Thomas Locher sieht dieses Problem. „Wenn die Kunst Wirkung entfalten will“, sagt er, „dann muss sie das tun mit etwas, das mehr ist. Wer über den Fetisch arbeitet, der produziert selbst einen. Das ist ein Paradoxon - man kann dieser Konstellation überhaupt nicht entgehen.“

Keine Auflösung des Paradoxons, sondern eher seine Formulierung fand Thomas Locher bei Derrida, der in seinem Buch „Falschgeld“ die Gabe als ein Beispiel entwickelt, das weder dem Ökonomischen, noch dem Nichtökonomischen zugeordnet werden kann. „Ein brillantes Buch“, sagt Locher. Spricht der Künstler über Marx und Derrida, über Giorgio Agamben auch, wird seine Leidenschaft für die Theorie ganz deutlich.

Atelier auf vormaligem Stasi-Areal

Atelier auf vormaligem Stasi-Areal

Seit 2000 lebt Locher, 1986 von Stuttgart nach Köln gewechselt, in Berlin. Lochers Atelier in Hohenschönhausen befindet sich auf einem Areal, auf dem früher das Tecnologiezentrum der Staatssicherheit der DDR angesiedelt war, „Dort arbeiteten tausend Ingenieure, dort wurden Überwachungskameras hergestellt und das, was in der DDR HighTech war“, sagt er. Dass Locher diese Räume bezog, war letztlich Zufall, keine bewusste Geste - aber er erwehrt sich der Vergangenheit auf sehr bezeichnende Art: „Ich habe rund 8000 ­Bücher reingestellt, und die sind stark. Das ist sozusagen mein kleiner Schutz. Meine ­Literatur, mein Archiv.“

Die Geste, mit der Andrej Rubljow (1360-1430), Ikonenmaler und titelgebende Hauptfigur eines Filmes von Andreij Tarkowski von 1966, Farbe gegen eine weiße Kirchenwand wirft, unfähig, zu glauben, unfähig den „Kraftakt der Formfindung“ zu vollbringen, beeindruckt Thomas Locher. „Es ist“, sagt er, „eine wichtige und interessante Geste, weil sie natürlich auch eine kulturelle Geste ist und aus unserem Wissen um die Moderne kommt.“ Auch Locher hat Farbbeutel geworfen, auf Sätze von Karl Marx, zwischen denen sich für ihn eine Lücke auftut, die den Fetischcharakter der Ware von ihrer sozialen Bedeutung trennt.

Buchstabe als „Einbruch des Rationalen“

Zuletzt zeigte Locher in der Stuttgarter Galerie Reinhard Hauff eine ganz auf den Ausgangspunkt seines Werkes, ganz auf Buchstaben konzentrierte Werkgruppe. „Der Buchstabe“, sagt Thomas Locher, „ist immer wichtig, weil er den Einbruch des ­Rationalen in die Wahrnehmung darstellt.“

Und wie reagiert das Publikum? Rezipienten, hat Locher über die 30 Jahre seiner künstlerischen Karriere beobachtet, „wollen Kunst betrachten; lesen wollen sie nicht“. „Bei mir“, sagt er, „geht das nicht. Wenn man lesen kann, bleibt einem bei diesen Werken nichts anderes übrig. Das ist die Aufforderung des Buchstabens, dass er nicht nur ­gesehen und wahrgenommen werden kann, sondern auch gelesen werden muss.“

Kunst? „Ist ihrem Wesen nach konzeptuell“

Begriffe wie „Würde“, „Subjekt“, „Freiheit“ und „Gleichheit“ bestimmen Lochers Arbeit. Arbeitet er konzeptionell? „Joseph Kosuth“, sagt er, „hat das in ‚The Art of ­Philosophy’ganz richtig gesehen – dass alle Kunst ihrem Wesen nach konzeptionell ist.“ Das heiße aber nicht, dass man die Erlaubnis hat, als Konzeptkünstler durch die Welt zu gehen. „Ich glaube“, sagt Locher, „dass der Begriff Konzeptkünstler die historische Markierung einer gewissen Generation ist, und ich fühle mich dazu aufgerufen, ein anderes Wort zu suchen.“

Bedrohliche politische Großwetterlage

Das Rektoramt als sportliche Aufgabe

Wie sieht einer, dessen Werke immer auch den Charakter eines Kommentars annehmen, die gesellschaftliche Rolle der Kunst? Locher antwortet mit einem Verweis auf Andres Veiels Dokumentarfilm „Beuys“. „Der Film“, sagt er, „speist sich aus einer unfassbaren Menge an Dokumenten und ­Materialien, zeigt Beuys als Künstlerfigur, als politischen Akteur. Die Öffentlichkeit war dabei, nahm teil.“ Nun müsse er selbst schon häufig passen, sagt Locher – „beim Athen-Gastspiel der Documenta kannte ich 60 Prozent der Künstler gar nicht.“ Was das bedeutet? „Ich muss genauer hinsehen.“

Nach Leipzig geht Thomas Locher gespannt und gelöst zugleich. „Eine Hochschule zu leiten“, sagt er, „kann durchaus auch eine sportliche Aufgabe sein.“

Politische Großwetterlage bedroht Kunstinstitutionen

Beweisen müsse er sich nichts mehr. ­Warum dann die Entscheidung, sich für Leipzig zur Wahl zu stellen? „Ich wollte“, sagt Locher, „nicht gänzlich aus dem ­institutionellen Kontext ausscheiden. Und es gibt eine politische Großwetterlage, die ich sehr bedrohlich finde, und die auch ­gewisse Tendenzen hat, was Institutionen angeht.“

Wie verträgt sich seine am Zeichen, am Buchstaben, am Wort, am Text orientierte Kunst mit dem Gewicht der Malerei in Leipzig? Locher erwartet die Frage, sagt: „Die Leipziger Schule muss sich noch einmal neu erfinden. Mit oder ohne Neo Rauch – das ist eigentlich egal, aber sie müsste noch einmal irgendetwas aus sich heraus nach vorne bringen, was diese Form der Malerei interessant macht.“

Als Rektor will Locher sich in die Lehre nicht einmischen - „Rektoren müssen zu Politikern werden, sie müssen das Geld beschaffen. Das ist das große Problem. Aber eigentlich funktionieren Hochschulen ganz gut, wenn es dort interessante Studiengänge gibt und interessante Lehrkräfte.“

Kunsthochschulen müssen auch Bühnen sein

Und wie sieht Locher die künftige Rolle der Hochschule für Grafik und Buchkunst für den Kunststandort Leipzig? „Hochschulen“, sagt Locher, „müssen im Zeitalter des Performativen, auch wenn dies ihren Rektoren nicht gefällt, mitunter zu Veranstaltungsorten werden“. Dies sei zwar für eine Hochschule anstrengend, weil sie dafür eigentlich nicht gemacht sei, „aber es bringt etwas – auch ein gutes Gefühl.“

Entspannt nach Leipzig

Mit einem guten Gefühl fährt nun auch Thomas Locher nach Leipzig - zwei Tage vor seinem Amtsantritt wirkt er im „Über Kunst“-Gespräch eher gelassen als gespannt. „Mir kann ja keiner was“, sagt er, und lacht. „Ich bin 60 Jahre alt. Ich habe keine Folgekarriere, die ich gefährden könnte. Ich bin in der Endstufe angelangt – ich kann ganz entspannt die Mächte auf mich wirken lassen.“

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