Thomas Becker hat ein Verleihsystem für Lastenräder aller Art eingerichtet. Das Borgen ist kostenlos. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Thomas Becker hat den selbstverwalteten Bioladen Plattsalat im Stuttgarter Westen mit aufgebaut. Die Oase in einem Hinterhof ist aber nicht das einzige Beispiel dafür, dass der 59-Jährige keine Angst vor ungewöhnlichen Wegen hat.

Kaum zu glauben, dass gleich ums Eck die Schwabstraße pulsiert – S-Bahn-Knoten, Autokreuzung, Supermarkt. Ein paar Schritte weiter, in einem Hinterhof an der Gutenbergstraße, keine Spur mehr vom Trubel. „Ab der Mitte des Hofs bist du in einer anderen Welt“, sagt Thomas Becker. Er sitzt in einem aus Paletten gezimmerten Strandkorb, um ihn herum Kräuter und Büsche. Er ist hier so etwas wie der Hausherr, Betonung auf so etwas wie. Denn der selbstverwaltete Bioladen Plattsalat, vor dem er gerade einen Becher Kaffee trinkt, hat keinen Oberchef. Hier übernehmen alle Verantwortung. Wer zum Beispiel frei haben will, sucht selbst nach Ersatz.

 

Seit 25 Jahren gibt es den Laden, steht auf der Tür. Daneben die Botschaft: „Eine andere Welt ist machbar, Frau Nachbar.“ Der Slogan passt gut zu dem, was Thomas Becker von sich erzählt. „Ich warte nicht, bis der Biosektor sich verändert, ich mach’s einfach selber.“

Jedes Mitglied zahlt einen Beitrag – wie im Fitnessstudio

Er ist Gründungsmitglied des Vereins, der den Laden trägt. Inzwischen gibt es zwei weitere Ableger: Wandel.Handel Plattsalat Ost in Stuttgart und Plattsalat in Kernen im Remstal. Wer Mitglied ist, zahlt einen festen Beitrag. „Das ist im Prinzip wie Fitnessstudio“, erklärt Thomas Becker. Mitglieder zahlen dann beim Einkauf aber weniger, an den Regalen stehen zwei Preise. Das könne sich schnell rechnen, sagt er. Und das Konzept gebe dem Laden Sicherheit.

15 Jahre lang hat sich Thomas Becker im Plattsalat ehrenamtlich engagiert, inzwischen hat er eine halbe Stelle. Sein „Job-Job“, wie er sein zweites Standbein nennt, sind Beratung, Trainings und Moderation. Damit hat sich der studierte Agrarwissenschaftler selbstständig gemacht. Früher sei er viel im globalen Süden unterwegs gewesen. Ein Aufenthalt in Ruanda ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Das Projekt habe die lokale Bevölkerung inhaltlich nicht verstanden. „Es geht nicht darum, was für ein Projekt ich mache, sondern wie ich es mache“, sagt er.

Er wohnt im Kesselhof in Stuttgart-Botnang

Die Beteiligung von Menschen ist zu seinem Lebensthema geworden. Sei es im Job-Job, sei es im Plattsalat, sei es bei all seinen anderen Projekten, die er zudem noch am Laufen hat. Gemeinschaftlich Ziele erreichen, das will er. Thomas Becker wohnt zum Beispiel im Kesselhof in Stuttgart-Botnang , ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt. Und er hat vor rund zehn Jahren den Verein Freies Lastenrad Stuttgart gegründet, ein Ehrenamtsprojekt. Mit einem Online-Tool kann man sich derzeit 17 Lastenräder verschiedenen Typs an acht Mitmachstationen ausleihen – Plattsalat, Wandel.Handel und Kesselhof sind natürlich dabei. Die Ausleihe ist gratis, wobei die Nutzer Geld spenden, mit dem Wartung und Reparaturen bezahlt werden.

Und die Lastenräder sind gut gebucht. Ein bis zwei würden täglich geborgt. Meist ganztägig. Die für den Kindertransport seien am gefragtesten. Ein Traum wäre es, wenn die Stadt Stuttgart dem Verein zehn bis 20 Lastenräder fördern würde, sagt er. Bisher Fehlanzeige. Damit dient ihm das Lastenrad-Projekt als weiteres Beispiel dafür, dass im Zweifelsfall nur Selbermachen hilft. „Und ich versuche, aus der praktischen Arbeit heraus politisch zu wirken.“