Sängerin Lea Helbig und Schlagzeuger Andrew Andrews von der Band Hitboutique bei ihrer Show „Deutschland Therapie“ im Theaterhaus. Foto: Andres Engelhard

Wer braucht welche Therapie? Die Stuttgarter Band Hitboutique schaut hinter Spießerfassaden – und spielt Pur-Musik zu Sadomaso-Praktiken. Unser Kolumnist hat zwei lustige Therapiestunden im Theaterhaus erlebt.

Stuttgart - Ob eine Domina ihre Freier nicht nur mit Fesselriemen, Peitschen und der Streckbank zu schmerzvoller Lust führt, sondern die Herren auch noch mit Musik von Hartmut Engler quält, wissen nur wenige von uns. Denn die Anhänger strenger Bestrafung und sadistischer Demütigung dürften eine Minderheit sein. Oder stimmt diese Annahme gar nicht?

Wissen wir, was sich hinter Spießerfassaden abspielt? Womöglich könnte jene Geschichte von Lea Helbig, der Sängerin der Stuttgarter Band Hitboutique , wahr sein, die sie im Theaterhaus erzählt – bevor sie „Abenteuerland“ von Pur anstimmt. Ihr Bassist Tobias Bodensiek, behauptet die Blonde mit dem Unschuldsblick einer pubertierenden Lolita, sei gelernte Architekt. Weil die Musik wenig Geld abwirft, habe er eine Marktlücke gefunden. Er schaffe es, im kleinsten Keller ein SM-Studio einzubauen – „ Fifty Shades of Grey“ für den Hausgebrauch.

Auf Hits spezialisiert, die keiner mehr hören mag

Lea und ihre Jungs sind auf Hits spezialisiert, die keiner mehr hören kann. Das Quartett bringt sie anders dar – also groß raus. Prompt wird der Pur-Song zur Sadomaso-Anleitung: „Komm mit mir ins Abenteuerland, und tu’s auf deine Weise, deine Fantasie schenkt dir ein Land.“

Einem guten Lied stehen viele Kleider. Seit zehn Jahren beweist Hitboutique dies auf verblüffende Weise. Bisher bediente sich die Band ausschließlich aus den englischen Charts. Jetzt ist sie auf den deutschen Geschmack gekommen, bringt etwa „99 Luftballons“ von Nena als 100-prozentige Reggae-Nummer. Refrains werden so eifrig gegen den Strich gebürstet, bis was Neues rauskommt. Sehr viel sogar soll rauskommen. Das erstmals auf Deutsch gesungene Konzert wird zur „Deutschland-Therapie“ (so der Showtitel) erklärt – mit Ironie als Therapieweg.

Die Sängerin ist auch abseits der Bühne Therapeutin

Die 41-jährige Lea Helbig ist Therapeutin auch abseits der Bühne – sie arbeitet als Ergotherapeutin. Fast scheint es, als habe sie mit ihrer Band die deutschen Hits so raffiniert ausgewählt, dass die Texte der Prophylaxe dienen – in der Abwehr welcher Störungen auch immer.

Jetzt lernt halt endlich, alles positiver zu sehen! Udo Lindenberg und Peter Maffay können nicht irren. Drei wichtige Grundregeln auf dem Weg zum Glück sind laut Lea Helbig zu beachten. Erstens: Lieb dich selbst! Zweitens: Lieb dich selbst! Drittens: Lieb dich selbst! Ja, ja, tun wir doch! Vor dem lauter Uns-selber-Lieben vergessen wir fast, die Sängerin mit ihrer Band zu lieben. Was ein Fehler wäre. Am liebsten würde man die virtuos vorgetragene Musik von Hitboutique in einer Sonnenliege am Meer genießen – so cool ist sie, so entspannend.

Er hat 42 Anzüge im Schrank, aber nur eine Jeans

Therapie ist immer ein Versuch – in manchen Fällen nur die Kraftprobe, einer Krankheit zu zeigen, wer von nun an das Kommando über sie übernimmt und wer stärker als sie ist. Das Theaterhaus-Publikum ist bunt gemischt, was Alter, Aussehen und Kleidung angeht. Der bestgekleidete Mann des Abends ist der Ehemann der Sängerin – obwohl er fürs Radio und nicht fürs Fernsehen arbeitet.

Bert Helbig war lange Programmchef des Stuttgarter Senders Die Neue 107,7, nun ist er bundesweit als Radioberater unterwegs. Daheim in seinem Schrank, verrät er, sind 42 Anzüge und nur eine Jeans. Dass seine Präferenz für edle Stoffe hier erwähnt wird, muss Helbig verstehen. Seinen Kunden, den Radiostationen, erzählt er, wie wichtig „Storytelling“ ist.

Der neue Trend beim Radiomachen ist laut Helbig: mehr Text, weniger Musik. Moderatoren dürfen wieder mehr sagen, aber nur, wenn sie etwas zu sagen haben. Die Konsumenten von Medien wollten von Geschichten gefesselt werden. Manchmal sind es aber auch nur die Fesseln vom „Abenteuerland“. Aber Vorsicht: „Der Eintritt kostet den Verstand.“ Wenn man sich in der Welt so umschaut, ist eh klar: Da haben viele Eintritt bezahlt.

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