Das Land will einen aufgeklärten Islam fördern. Etwa am Islamzentrum in Tübingen, dem Regierungschef Kretschmann einen Neubau übergeben hat. Doch es bleiben Zweifel.
Ein großzügiger hellbrauner Klinker-Neubau in der Liebermeisterstraße in Tübingen, unweit der Frauenklinik, soll zu dem Ort werden, an dem die Zukunft des Islams in Baden-Württemberg geschaffen wird. Dort, in einem kleinen Hörsaal eines Nachbargebäudes der Evangelischen- und Katholisch-Theologischen Fakultäten, nutzte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die feierliche Übergabe des Gebäudes an das Zentrum für Islamische Theologie (Zith) am Donnerstagabend für eine Grundsatzrede.
lslampolitik ist Kretschmann wichtig
Die Islampolitik ist ihm wichtig. Monatelang wurde zwischen Staatsministerium und der Uni Tübingen um einen passenden Termin gerungen. Bereits im Frühjahr ist das Zith in den Neubau eingezogen. Die Gästeschar bei der symbolischen Schlüsselübergabe blieb überschaubar: Zith-Professorenschaft, einige andere Dozenten, Kirchenvertreter und eine Handvoll Landtagsabgeordneter, nur wenige Studenten. Kretschmann lobte das Islamzentrum: Als erste Bildungseinrichtung seiner Art sei es „auch für unsere säkulare Gesellschaft bedeutsam“, sagte er.
Und: „Es ist wichtig, dass muslimischen Religionslehrer, Hochschullehrerinnen und Imame eine solide theologische Ausbildung erhalten“, betonte der Ministerpräsident. Das „aufgeklärte Wissen“ insbesondere an junge Menschen weiterzugeben, „das ist die beste Prävention gegen Radikalisierung“. Er forderte dazu auf, den Islamismus als gewaltbereiten politischen Fanatismus und den Islam als friedlichen Glauben voneinander zu trennen. Aber: Was ist mit dem politischen Islam, der die Gesellschaftsordnung mit friedlichen Mitteln umkrempeln will?
Islamistische Haltungen
Kritiker zweifeln am Erfolg des Kretschmann-Kurses. Sie verweisen etwa darauf, dass ausgerechnet Studenten der islamischen Theologie laut einer Studie der Universität Münster, an der auch Zith-Studenten teilnahmen, antiwestliche und islamistische Haltungen erkennen lassen. Jeder Vierte würde eine „Islamisierung des Rechtssystems“ begrüßen. Knapp die Hälfte spricht Israel die Existenzberechtigung ab.
Kenner wie der Ditib-Aussteiger Murat Kayman, bis 2017 Justiziar im Bundesvorstand, macht dafür den Einfluss der Islamverbände wie Ditib verantwortlich. Die Verbände vermittelten Muslimen, dass sie nicht Teil der Gesellschaft seien, sagte Kayman der „Welt am Sonntag“. Eine „hybride Identität“, Deutsch und Türkisch, auf die er selbst stolz sei, gelte als nicht erstrebenswert. Im Zith dominierte Ditib von Anfang an den die Uni Tübingen beratenden Beirat. Unsere Zeitung hatte über den von einigen Professoren geförderten zunehmenden Einfluss von Ditib am Zith berichtet. Die Betroffenen, Zith-Direktorin Lejla Demiri und Vorgänger Professor Erdal Toprakyaran, bestreiten das.
23-Millionen-Euro-Bau
Kretschmann ging auf die Kritik ein. In einem weltanschaulich neutralen Staat sieht er keine Alternative zur Kooperation mit den Verbänden. „Was zu ihrem Glauben gehört, kann nur eine Religionsgemeinschaft selber definieren.“ In dieser Funktion, aber, mahnte er, dürften sich die Verbände nicht um eigene Vereinsinteressen und „schon gar nicht um politische Agenden eines Herkunftsstaats“ kümmern. Die Antwort auf die Frage aber, was zu tun sei, wenn diese Organisationen genau dies tun, blieb er schuldig.
Der Zith-Neubau mit Bibliothek, Seminarräumen und Büros, samt Wärmerückgewinnung und Photovoltaik ist Architektur vom Feinsten. Baukosten: knapp 23 Millionen Euro. Seit der Gründung 2011 studieren am Zith angehende Lehrer und Sozialarbeiter, derzeit laut Uni 113 Studierende.
Ein Innenhof verbindet den Bau mit dem Theologicum, dem Gebäude der christlichen theologischen Fakultäten. So soll auf dem Campus ein Dialog auf Augenhöhe zwischen den Religionen stattfinden, so die Hoffnung Kretschmanns wie auch der Universität.
Frömmigkeit statt Wissenschaft
Aber kann das mit der Islamtheologie, so wie sie derzeit in Tübingen aufgestellt ist, gelingen? Ein Lehrbeauftragter der christlichen Fakultäten, der lieber anonym bleibt, hat ernsthafte Bedenken. Viele muslimische Studenten seien nach seiner Erfahrung akademisch schwach und wünschten sich eher Frömmigkeit statt Wissenschaft. Da heißt es: „Wir lassen es nicht zu, den Islam zu verunglimpfen.“ Und: Häufig erkundigten diese sich nur danach, „wie oft sie an der Lehrveranstaltung teilnehmen müssen, um ihre Präsenzpunkte abzustauben“, erzählt er.
Und grundsätzlicher: „Ein Staat kann keine Religion schaffen und auch keine Kirche.“ Skepsis auch bei anderen Gästen des Abends: „Schönes Gebäude, aber über Inhalte habe ich nichts erfahren“, meinte ein Grünen-Landtagsabgeordneter. Die Desillusionierung 13 Jahre nach Gründung des Zith ist vielleicht auch ein Grund, weshalb die Feier am Donnerstag deutlich kleiner ausfiel als die mit viel Hoffnung begleitete Eröffnung Anfang 2012. Damals strömten viel Prominenz und Hunderte Zuhörer in den größten Hörsaal der Uni Tübingen.