Als DFB-Präsident war Theo Zwanziger sowohl ein Glücksfall als auch eine Belastung.

Bremen - Sein Büro in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise hat er schon vor einigen Wochen geräumt. Geräuschlos, wie es anerkennend heißt. Zumindest nach außen hin. Intern reden sie ganz anders über Theo Zwanziger, der die letzten Amtsgeschäfte als DFB-Präsident (seit Oktober 2004) von seinem Haus in Altendiez im Westerwald und ­einem Büro beim Fußballverband Rheinland in Koblenz aus abwickelt. Im Groll habe er sich verabschiedet. Bis zuletzt, so ist zu hören, habe sich der streitbare Jurist hinter den Kulissen als Strippenzieher versucht. „Er stänkert“, sagt ein Mitarbeiter.

Nein, dieser Theo Zwanziger (66) kann einfach nicht aus seiner Haut. Will immer gestalten, um es positiv zu formulieren. Drängt sich überall dazwischen und besonders gern nach vorn, sagen all jene, die es nicht so gut mit ihm meinen. Zwanziger, der Selbstdarsteller, der Arrogante, der Beratungsresistente. Der Alleingänge so liebte, die doch verpönt sind im Mannschaftssport Fußball. Der, vor allem zum Ende seiner Amtszeit, ein paar Mal zu häufig ins Fettnäpfchen tappte. Zuletzt, als er seinen Rückzug ausgerechnet am Abend der Gruppenauslosung für die EM in Polen und der Ukraine bekanntgab – und damit Bundestrainer Joachim Löw die Schau stahl. „Ich bin kein Typ, der an seinem Sessel klebt“, sagt Zwanziger über sich, „ich muss nicht jeden Tag Macht ausüben.“ Und wie um seine Kritiker Lügen zu strafen, zieht er sich komplett aus den DFB-Gremien zurück. Im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern ­­­Ger­hard Mayer-Vorfelder und Egidius Braun verzichtet er auf das Amt des DFB-Ehrenpräsidenten. „Einen dritten Ehrenpräsidenten kann es nicht geben. Das schließen die DFB-Statuten aus, die ich selbst entwickelt habe“, sagt Zwanziger.

Dennoch ist schwer vorstellbar, dass er künftig lieber nur noch Rosen züchtet oder auf den Kanaren den Bauch in die Sonne streckt. Als Präsident des weltweit größten Sportfachverbands war der ehemalige CDU-Politiker einer der wichtigsten deutschen Sportführer, er genoss die Nähe von Kanzlerin Angela Merkel und wusste vor den TV-Kameras in freier Rede seine Zuhörer emotional zu fesseln, am stärksten bei seiner Trauerrede für Robert Enke am 15. November 2010. Und so ist der folgende Satz eher entlarvend für einen, der nur schwer loslassen kann: „Ich weiß, dass es Zeit ist zu gehen, das Amt nicht länger zu zelebrieren.“

Zwanzigers größter Fehler

Natürlich hatte er mitbekommen, dass es „auch Diskussionen gab“ um seine Person und um seinen Rückzug, den er, auch das typisch für ihn, zuerst dem Boulevard und dann intern seinen Mitarbeitern bekanntgegeben hatte. „Ich fühle mich mit Sicherheit nicht aus dem Amt gedrängt“, bekräftigt er.

Dennoch begleitet ein spürbares Aufatmen seinen Abgang, der an diesem Freitag im Frankfurter Flughafenhotel besiegelt wird. Dann werden die Delegierten beim Außerordentlichen Bundestag den bisherigen Generalsekretär Wolfgang Niersbach, der seit geraumer Zeit schon das operative Geschäft lenkt, ins Präsidentenamt hieven – er ist der einzige Kandidat. Dem ehemaligen Jour­nalisten eilt der Ruf eines klugen Strategen voraus – und vor allem eines guten Mannschaftsspielers. Das unterscheidet ihn schon mal von Zwanziger, der sich zu gern in die Materie verbissen hat – zum Beispiel im Rechtsstreit mit einem Journalisten, der ihn als „unglaub­lichen Demagogen“ bezeichnet hatte. Zwanziger trieb den Fall durch fünf Gerichtsinstanzen, bis eine außergerichtliche Einigung zustande kam.

Seine Rolle in der Affäre um den Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell zählt ebenso wenig zu seinen Glanzstücken wie die zunächst gescheiterte Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw vor der WM 2010, die er als „meinen größten Fehler“ bezeichnet.

Andererseits hat Zwanziger die Finanzkraft des DFB ausgebaut, er hat erfolgreich zwei WM-Turniere organisiert, die gesellschaftspolitische Kompetenz des Verbandes gestärkt und ist vehement gegen Rassismus und Neonazismus und für den Schutz gesellschaftlicher Randgruppen eingetreten. Sein soziales Engagement ist beispielhaft. Und jenen, die ihm Geltungssucht vorwarfen, keift er zurück: Dann macht doch selbst was!

Uli Hoeneß’ „respektlose“ Aussagen

Als deutscher Vertreter für die Exekutive des Weltverbandes Fifa waren auch Ligapräsident Reinhard Rauball und Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge im Gespräch. Am Ende machte es Zwanziger. „Kaum hatte ich mich dazu bereiterklärt, kam die WM-Vergabe nach Katar und die Wiederwahl von Sepp Blatter – und wer war an allem schuld? Der Theo Zwanziger. Der habe das korrupte System bei der Fifa unterstützt, hieß es.“ Das sei nicht in Ordnung: „Mancher Kommentar zur Fifa, beispielsweise von Uli Hoeneß, hat dem deutschen Fußball nicht geholfen. Es ist immer einfacher, darüber zu reden, als selbst Verantwortung zu übernehmen.“ Überhaupt sei so manches, was der Präsident des FC Bayern München erzählt habe, „respektlos“.

Für seine Kritik an der Vergabe der WM 2022 an Katar ist Zwanziger von Fifa-Präsident Sepp Blatter zurückgepfiffen worden, an seiner Meinung hat dies aber nichts geändert: „Eine WM in Katar, das ist so, als würde man das Pokalfinale an den VfL Altendiez vergeben“, sagt Zwanziger. Bis 2015 ist er gewählt, so lange will er das Amt auch ausüben. Auf europäischer Ebene ist der Stabwechsel mit dem international bestens vernetzten Wolfgang Niersbach bereits für 2013 geplant.

Zwanziger ist weit davon entfernt, ihm Ratschläge zu erteilen. Wobei – ganz kann er es dann doch nicht lassen: „Er muss den Fußball nicht neu erfinden. Aber er muss etwas ändern, sonst hätte ich ja bleiben können. Vielleicht müssen im Breitensport neue Akzente gesetzt werden. Und der Kampf gegen die Gewalt und den Rechtsradikalismus wird den DFB weiter begleiten.“ Und, ganz wichtig: „Selbst wenn mal was bei der EM sportlich nicht ganz funktioniert, muss Joachim Löw unbedingt Bundestrainer bleiben. Er ist ein absoluter Glücksfall für den DFB.“

Das haben sie von Theo Zwanziger auch behauptet, an seinen guten Tagen. Über die weniger guten werden die Laudatoren bei seiner Verabschiedung vornehm den Mantel des Schweigens hüllen.

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